region/rlp

Neue Chefs braucht das Land

(Trier) Immer mehr Betriebe suchen einen Nachfolger. Häufig denken die Inhaber erst zu spät über ihren Ruhestand nach und verschenken damit Wirtschaftsleistung und Arbeitsplätze.

12.10.2017
Sabine Schwadorf
In den kommenden fünf Jahren verlieren rund 2200 Betriebe in der Region Trier ihren Chef. Und wer die Geschäfte weiterführen soll, ist offen. Denn nur selten planen die Betriebsinhaber frühzeitig für die Zeit nach ihrem Ausscheiden aus der Firma. „Wir sehen in der Unternehmensnachfolge eine elementare Aufgabe zum Erhalt und zur Stärkung der Wirtschaftskraft in der Region Trier“, sagt Raimund Fisch, Nachfolge-Experte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier. Besonders dramatisch ist die Lage im Handwerk. Laut einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) plant bis 2022 bundesweit jeder vierte Inhaber, seinen Betrieb an einen Nachfolger zu übergeben (18,2 Prozent) oder sogar zu schließen (6,6 Prozent). 

Hintergrund der Misere, die sich nicht nur in der Region, sondern auch bundesweit abzeichnet, ist zum einen die gute Lage am Arbeitsmarkt. Denn zum ohnehin großen Fachkräftemangel kommt, dass viele Fachkräfte lieber in gut dotierten Angestelltenjobs bleiben, als das Risiko der Selbstständigkeit zu wagen. „In der wundervollen Phase der guten Konjunktur sind eben auch viele als Angestellte glücklich“, weiß Vera Meyer, Betriebsübergabe-Beraterin bei der Trierer Handwerkskammer (HWK). Das trifft die kleinen Betriebe besonders hart. Allein im IHK-Bereich der Region Trier haben fast zwei Drittel der Übergabebetriebe nur bis zu neun Mitarbeiter. 

Weiteres Nachfolgeproblem: Während es früher selbstverständlich war, dass der Sohn dem Vater auf den Bauernhof, in die Werkstatt oder ins Büro folgt, „gibt es heute keinen familiären Automatismus mehr“, weiß Meyer. Das sei für die Kinder der Firmeneigner selbstverständlich, viele Chefs wollten dies allerdings nicht oder zu spät wahrhaben. „Es hapert häufig in der innerfamiliären Kommunikation.“ Dabei sei es kein leichtes Unterfangen, einen Betrieb an die Nachfolger zu übergeben, sagt Raimund Fisch.

Bereits ab einem Alter von 55 Jahren sollten sich Firmeninhaber mit dem Zeitpunkt ihres Ausstiegs beschäftigen. „Die Übergabe braucht mehrere Jahre Zeit und kann nicht in wenigen Monaten abgehakt werden“, sagt der Experte für Betriebsberatung. Häufiges Hindernis: Die Seniorchefs warten zu lange mit der Übergabe und stellen zu große Anforderungen an den Nachfolger. „Die Folge: Man findet keinen, weil man sich selbst als Nachfolger sucht“, kritisiert der IHK-Geschäftsführer. Zu selten zurrten die Betriebsinhaber ihre eigenen Ansprüche für sich zurecht mit der Folge, dass mögliche Nachfolger zurückschreckten: „Wer eine Firma übernimmt, hat eigene Ideen. Ein Übernehmer kauft die Zukunft eines Unternehmens, er muss dazu auch eine Perspektive kaufen können“, macht Fisch deutlich. 

„Ein Idealfall“, sagt HWK-Hauptgeschäftsführer Axel Bettendorf, sei der Fall der Trierer Firma Glaskunst Kaschenbach mit etwa 35 Mitarbeitern. Hier haben die beiden Brüder Peter und Johannes Kaschenbach bereits mit 61 und 57 Jahren den Familienbetrieb an ihre eigenen Mitarbeiter Oliver Berg und Thorsten Meyer verkauft und damit den Grundstein für das Fortbestehen des Betriebs gelegt und für den Erhalt der Arbeitsplätze gesorgt. 

IM HANDEL UND HANDWERK IST’S AM BRENZLIGSTEN
Im Handwerk der Region Trier steht in den kommenden fünf Jahren immerhin jedes siebte Unternehmen zur Nachfolge quer durch alle Gewerke an. Darüber hinaus kommen die zur Nachfolge anstehenden Betriebe bei der IHK vor allem aus dem Handel (zu 40 Prozent) und aus der Hotellerie und Gastronomie (30 Prozent).