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Rock-am-Ring-Chef Lieberberg: "Angriffe auf unsere Art zu leben" (Fotos/Videos)

(Nürburgring) Nach der Terrorwarnung endet Rock am Ring als Erfolg. Veranstalter Lieberberg startet eine Grundsatzdebatte. Dossier zum Thema: Rock am Ring

05.06.2017
Jörg Pistorius
Freitagabend kurz vor Sonnenuntergang: Die Fans vor der Hauptbühne ahnen sofort, dass etwas nicht stimmt. Die Broilers aus Düsseldorf hören auf zu spielen und verschwinden im Hintergrund. Marek Lieberberg, Organisator und Vater von Rock am Ring, betritt mit einem Mikro die Bühne. Weiße Haare, weißes Hemd. sein Gesichtsausdruck lässt nichts Gutes ahnen.

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„Wir müssen Rock am Ring abbrechen“, sagt der Mann, dessen Karriere als Veranstalter Anfang der 70er mit The Who begonnen hat. „Es gibt eine konkrete Terrorlage.“ Was das genau bedeuten soll, bleibt offen. Überall auf dem Ring ertönen Lautsprecherdurchsagen: „Wegen einer terroristischen Bedrohungslage wird das Festival für heute abgebrochen. Wir hoffen, dass es morgen weitergeht. Bitte begebt euch zu den Ausgängen.“





Die Massen setzen sich in Bewegung, und es geschehen unglaubliche Dinge. Im positiven Sinn. Es gibt keine Panik, kein Gedränge, und auch Wut, Empörung und Protest sind nicht zu sehen. Im Gegenteil: Auf dem Weg zu den Campingplätzen fangen viele Fangruppen an zu singen. „Eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine Allee.“ Nach 30 Minuten ist der Nürburgring leer.





Wo eben noch Fans feierten, stehen jetzt Polizisten mit Maschinenpistolen. Im Mediencenter direkt an der Hauptbühne tritt Lieberberg vor die Presse und versucht, den Schock zu verarbeiten und die Situation so gut wie möglich zu erklären. Er tut das sehr emotional. Das ist durchaus verständlich, denn bereits 2016 musste er sich einem Abbruch seines Festivals fügen. Damals war es ein Unwetter, jetzt ist es der Terror.

In dieser ersten Reaktion hat Lieberberg wenig Verständnis für den Räumungsbefehl der Polizei. „Es kann doch nicht sein, dass wir die Prügelknaben dieser Situation sind“, sagt er und fügt dann eine konkrete Forderung hinzu: „Die Polizei ist hier mit enormer Stärke vertreten.

Diese sollte ausreichen, die Gefahrenlage innerhalb von zwölf Stunden zu klären.“ Kurze Pause. „Wir haben alle nichts davon, wenn wir jetzt abbrechen und dann nach zwei Wochen festgestellt wird, dass die Gefahr doch nicht so konkret war.“

Die Landesregierung bestätigt laut Joachim Winkler, Sprecher des Innenministeriums, eine „mögliche terroristische Bedrohungslage“. Während die Fans auf den Campingplätzen und in der Umgebung des Nürburgrings warten, durchsuchen Spezialeinheiten mit Spürhunden das Festivalgelände. Sie finden nichts.

Die erste öffentliche und verifizierte Begründung des Abbruchs folgt erst am Samstagmorgen. Lieberberg tritt zusammen mit dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz und dem Koblenzer Polizeipräsidenten Wolfgang Fromm vor die Presse.

Zuerst kommt die gute Nachricht: Rock am Ring geht weiter. Lewentz und Fromm erläutern, die Polizei habe drei Personen, die der hessischen Salafistenszene zugerechnet werden, vorläufig festgenommen. Mindestens einer dieser drei habe sich über eines der auf dem Ring aktiven Subunternehmen Zugang zum Festivalgelände verschafft. Ein Mitglied dieses Trios habe Verbindungen zum islamistischen Terrorismus.

Spezialeinsatzkräfte der Polizei, so erläutern Fromm und Lewentz, haben die Wohnungen der drei Verdächtigen in Hessen durchsucht. Ermittlungen wegen der „Vorbereitung eines Explosionsverbrechens“ seien eingeleitet worden.

Doch eine konkrete Bedrohung habe nicht bestätigt werden können. Deshalb habe die Polizei die drei Verdächtigen am Samstagmorgen wieder freigelassen. Die Ermittlungen laufen weiter.

Während die Party auf dem Ring wieder anläuft und schließlich doch noch zu einem großen Erfolg wird, schlagen weitere Äußerungen Lieberbergs hohe Wellen. Der Veranstalter hat in einer ersten Reaktion am Freitagabend wörtlich Folgendes gesagt: „Jetzt ist der Moment, wo jeder sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten. Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gefragt haben: Was macht ihr da eigentlich?“





Worte, die sofort durchs Internet laufen und dort viele Reaktionen provozieren, Zustimmung ebenso wie Kritik. Lieberberg legt einen Tag später nach und hält an seiner Meinung fest.

„Die Debatte darüber, wie sich eine offene Gesellschaft gegen Angriffe durch Gewalt und Terror zu stellen hat, um ihr Lebensgefühl und ihre Werte zu verteidigen, ist nach meiner Ansicht und insbesondere nach den jüngsten Ereignissen richtig und wichtig“, sagt der Veranstalter. „Angriffe auf Musikveranstaltungen und ihre Zuschauer sind Angriffe auf unsere Zivilisation und unsere Art zu leben.“

Alle gesellschaftlichen Kräfte seien aufgerufen, einer solchen Bedrohung eindeutig entgegenzutreten. „Hierzu haben der Staat, seine Institutionen und jeder Bürger ihren Beitrag zu leisten.“

Lieberberg weist jeden Versuch der Vereinnahmung seiner Aussage „durch die AfD und andere populistische Gruppierungen“ energisch zurück. „Mein Statement war von der unmittelbaren Sorge um Festivalbesucher, Künstler und Mitarbeiter getragen. Es richtet sich nicht gegen die große Mehrheit friedlicher Menschen, egal welcher Couleur.“

Rock am Ring endet aus Sicht der Fans nicht nur versöhnlich, sondern sogar begeisternd. Die Show läuft am Samstag und Sonntag reibungslos, die Eifel erlebt auch bei Regen und kühlen Temperaturen eine heiße Party.