region/rlp

Unbekannte Gefahr Kerosin - Wie gefährlich ist der Treibstoff für die Region?

(Mainz/Spangdahlem/Hahn) Immer wieder lassen Flugzeuge Kerosin über der Eifel und dem Hunsrück ab. Beweist eine neue Studie, was der Treibstoff anrichtet?

15.11.2017
Von Florian Schlecht
Der Mann, der auf den Knopf drückt: Den wenig schmeichelhaften Namen hat Andreas Ritter schon in Mainz gehört. Donald-Trump-Kopfkino eines US-Präsidenten, der den roten Atomwaffen-Knopf vor seiner Nase hat, verbietet sich aber. Ritter fliegt für die Lufthansa, er ist Pilot. Einmal, so sagt er, habe er den Knopf drücken müssen, als er mit einer Maschine von Frankfurt nach Indien flog. Ein Passagier erlitt einen Herzinfarkt, das Flugzeug musste den nächsten Airport ansteuern, vorher aber Treibstoff ablassen, weil es sonst bei der Landung zu schwer gewesen wäre. Ritter ließ das Kerosin raus. In Notfällen – wie auch bei technischen Problemen – geschieht das, um sicher landen zu können. 

Doch Kritiker warnen vor ungewissen Folgen für Mensch, Luft und Boden. Auch in der Region nieselt immer wieder Kerosin auf die Erde. Erst im September hatte eine Maschine, die von Frankfurt nach Orlando flog, wegen eines Fahrwerkfehlers 75 Tonnen Kerosin über Eifel, Hunsrück, Pfalz und Saarland abgelassen. 54 Tonnen gingen im März in Richtung Spangdahlem nieder, 59 Tonnen im April um den Flughafen Hahn. Über 240 Tonnen des Treibstoffes ließen Piloten in Rheinland-Pfalz im gesamten vergangenen Jahr nieder. 

Ist das gefährlich? Die Frage soll ein Gutachten des Umweltbundesministeriums klären, das Ergebnisse einer Studie im November 2018 präsentieren will. Eine Experten-Anhörung im Verkehrsausschuss des Landtages stellt die Parteien aber nicht zufrieden. SPD-Fraktionschef Alexander Schweitzer kritisiert, dass die geplante Arbeit bislang nicht über eine „lauwarme Literaturstudie“ hinauszugehen drohe. Was die Sache für ihn noch schlimmer macht: „Die meisten Studien, auf die sich heute die Fachwelt beruft, gehen teilweise bis ins Jahr 1959 zurück.“ 

Bislang gehen Studien davon aus, dass nicht genügend Kerosin am Boden ankommt, um gefährlich zu sein. Der Treibstoff zerstäube in der Luft, könne sich an Regentropfen binden, sagt Robert Zausen vom Deutschen Zentrum für Raum- und Luftfahrt. Er sagt, am Boden sei nichts zu messen. „Die umweltschädliche Wirkung des normalen Flugverkehrs ist deutlich größer.“ Der Tüv Rheinland kommt zu dem Ergebnis, das die Verunreinigung des Bodens vernachlässigbar sei. Das Problem: Auch das Gutachten liegt gut 25 Jahre zurück. Schweitzer fordert, bei der neuen Studie über bisherige Ergebnisse hinauszugehen. Er fordert, Messungen einfließen zu lassen, was derzeit nach Holger Münch vom Bundesumweltamt nicht geplant sei. Auf einen Schwerpunkt pocht Schweitzer in Rheinland-Pfalz, das überdurchschnittlich betroffen sei. 

Stefan Hill vom Umweltministerium sieht noch weitere Mängel. Es fehle daran, das Land über Vorfälle aufzuklären. Bislang dringen Kerosin-Ablässe nur im Halbjahres-Takt an das Bundesverkehrsministerium. Um wirklichen Schaden aufzuspüren müsse das Land umgehend informiert werden. „Wenn wir erst Monate später davon erfahren, können wir nicht messen, nicht das Wetter einbeziehen, keine Ursachen, Flugrouten und Wirkungen herstellen“, sagt er im Ausschuss. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Blatzheim-Roegler (Grüne) schlägt vor, eine Meldekette zwischen Behörden einzurichten. 

Eine Alternative zum Kerosin-Ablass, sagt Lufthansa-Pilot Ritter, sehe er bei Notfällen nicht. „Es ist wie bei der Feuerwehr, wenn ein Haus qualmt. Klingle ich und warte, bis jemand öffnet? Oder greife ich ein und lösche den Brand“, sagt er. Piloten müssten dann schnell entscheiden. Ein anderer Weg? Flugzeuge technisch auszubessern, schlägt Gabriele Wieland (CDU) vor. Das kontert der Pilot. Das Gewicht des Flugzeugs würde dann wieder steigen, genauso der Spritverbrauch. Ritter rechnet, ein Flugzeug brauche 6,3 Tonnen mehr Treibstoff, wenn es 20 Tonnen schwerer sei. „Damit leisten wir der Umwelt einen Bärendienst.“ 

Einen schnellen Umstieg auf Elektroantriebe in zehn Jahren, wie von Hill angeregt, hält Münch nicht für machbar, „bestenfalls für Kurzstrecken- und Regionalflüge“. Die Lufthansa regt dagegen neue Ablass-Vorrichtungen an, damit abgelassenes Kerosin weniger schädlich auf die Erde nieselt. Sofern es der Umwelt überhaupt schadet. Die Frage bleibt unbeantwortet. Mit Pech noch über 2018 hinaus.


WIE GEHT ES WEITER IN DER KEROSIN-DISKUSSION?
Der rheinland-pfälzische Verkehrsausschuss diskutiert die Ergebnisse der Anhörung am 6. Dezember. Danach könnte das Land über den Bundesrat Druck ausüben. Die neue Studie zum Kerosin-Ablass ging ebenfalls auf eine Initiative des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums zurück.