/dossier/default

Vier Erstwähler im TV-Gespräch: Über diese jungen Leute würde Sokrates sich wundern

(Trier) Der TV im Gespräch mit vier Erstwählern. Sie entsprechen keinem der gängigen Klischees, die seit der Antike über die Jugend im Umlauf sind. Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

09.09.2017
Von Katharina de Mos
Erstwähler. Da denkt man an Pickel und pubertäres Palaver. An die Jugend, über die seit Tausenden Jahren geschimpft wird. Schon der alte Sokrates warf ihr schlechte Manieren vor. Es mangele ihr an Respekt vor Autoritäten, sie schwadroniere in der Gesellschaft, tyrannisiere ihre Lehrer und widerspreche ihren Eltern.
Erstwähler. Da denkt man an junge Rebellen. Vielleicht nicht immer optimal informiert, aber doch auf jeden Fall dagegen!

Von wegen!

Auf diese vier jungen Menschen passen die alten Klischees so gut wie Hippiemusik ins Hochamt.
Katharina, Charlotte, Jan und Niklas (alle um die 18 Jahre alt, alle sportlich und alle lieber nicht mit ihrem vollen Namen in der Zeitung) dürfen dieses Jahr zum ersten Mal ihr Kreuz machen. Und die meisten der Trierer Gymnasiasten wissen auch schon, wo. Denn sie haben sich informiert. Sie schauen die Nachrichten. Und sie diskutieren mit ihren Eltern über Politik. Anders als Sokrates vielleicht vermuten würde, fliegen dabei nicht die Fetzen. Man sei sich meistens ziemlich einig, sagen die Schüler.

Was sie von den Kanzlerkandidaten halten? „Schulz, das wäre mal was Neues“, sagt Jan, der Einzige, der bei dieser Frage noch ein wenig unentschlossen wirkt. Er hätte aber auch nichts dagegen, wenn Angela Merkel bliebe. Die anderen wissen genau, was sie wollen: Merkel soll Kanzlerin bleiben. „In der Zeit, in der wir gerade leben – mit Trump und Putin – da kann man niemand anderen wählen. Angela Merkel ist die Einzige, die einen klaren Kopf behält“, sagt Niklas, der dieses Jahr Abitur macht.

Auch Charlotte, eine passionierte Reiterin, die bereits in der zwölften Klasse einen Ausbildungsplatz als Tierarzthelferin gefunden hat und später Tiermedizin studieren möchte, sieht das ähnlich. Merkel schenke Deutschland Stabilität. Sie sei nicht so unüberlegt. „Sie hat die Erfahrung“, sagt auch Katharina, die Physiotherapeutin werden will. Die Kanzlerin kenne die Konflikte und die handelnden Personen. Kurz: Es sei nicht der richtige Moment für einen Wechsel.

Früher waren es der Kalte Krieg und das Waldsterben. Heute gibt es Trump und Terror. Geht da die Angst um? 
Angst vor dem US-Präsidenten hat Niklas nicht. „Ich frage mich eher, wie kann das sein“, sagt er. Der Terror führe schon dazu, dass die „Leute sich nicht sicher fühlen können in ihrem eigenen Land“, sagt Charlotte. Und Jan, ein muskulöser junger Mann, dem man sein Hobby Kraftsport ansieht, wird durchaus bang dabei, wie Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un „sich wie kleine Kinder streiten“ und den Atomkonflikt dabei immer weiter eskalieren lassen. Es sei beunruhigend, die Folgen der amerikanischen Wahlentscheidungen so zu spüren zu bekommen.

Daher ja auch: Merkel. Und: weiter so. Keine Experimente. Aber gibt es denn gar nichts, was sie verändern wollten oder was sie derzeit in Deutschland stört?
„Warum soll es nicht so bleiben, wenn es doch gut ist?“, fragt Niklas, der Älteste in der Runde – und die anderen nicken. Sie sind zufrieden mit ihrem Land.

Bei der inneren Sicherheit müsse nicht mehr viel passieren. Deutschland sei bereits sicher, sagt Charlotte. Auch die Bildung und das Gesundheitswesen seien gut. Ihr fällt nichts ein, was sie verbessern wollte. Katharina findet allerdings, dass bei der Integration von Flüchtlingen einiges besser organisiert werden könnte, um für mehr Miteinander zu sorgen. „Wenn man schon so viele Menschen aufnimmt, dann sollte man auch einen Plan haben, wie man es für die Flüchtlinge und auch für uns angenehm machen kann. So, dass eine Gemeinschaft entsteht“, sagt sie.
Einem neuen Kanzler will sie diese Aufgabe aber nicht anvertrauen, auch wenn sie nicht glaubt, dass Merkel mit dem Erreichten zufrieden ist. Das sei ein Prozess. Und nochmals: nicht der richtige Zeitpunkt für Veränderungen.

Niklas fällt dann doch noch etwas ein, was er gerne verbessert sähe: In der Schule lerne man zu viel für die Schule und zu wenig fürs Leben. „Ich kann Gedichte auf Französisch interpretieren, aber ich weiß nicht, wie man eine Steuererklärung macht“, sagt der Trierer, der in seiner Freizeit gerne Fußball spielt.
Und dann gibt es doch noch etwas, das sie alle stört. Die AfD. Gerade erst habe er in der Schule eine Rede Alexander Gaulands analysiert, erzählt Jan, in der der Politiker Zitate zweckentfremde, Fakten verdrehe und Menschen manipuliere, indem er deren Ängste ausnutze. „Ich finde es krass, dass man nicht aus der Vergangenheit gelernt hat“, sagt Niklas. Keiner der vier kann verstehen, wie jemand gegen Europa sein kann, das für sie so selbstverständlich ist. Sie genießen die Freiheit, einfach überall hinkommen zu können. Sie sind jung, die Welt steckt voller Möglichkeiten. Die Probleme Armer, Alter oder Kranker sind da weit, weit weg.

Dennoch wirken diese vier Menschen sehr erwachsen. Ob sie gerne schon mit 16 gewählt hätten? Nein, heißt die einhellige Antwort. Mit 16 hätten sie noch keine Ahnung gehabt. Mit 16 hätte ihnen die geistige Reife gefehlt.
So wenig Rebellion. So viel Vernunft. Sokrates würde sich wundern.