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TV-Interview mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann zur Lage der Flüchtlinge, zu Fremdenhass und kirchlicher Hilfe

(Trier) Enorme Hilfsbereitschaft der Bevölkerung für Flüchtlinge auf der einen Seite, Hass und Gewalt auf der anderen Seite. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ist überwältigt von dem Engagement der Bürger und verurteilt jede Form vom Fremdenhass. Dossier zum Thema: Flüchtlinge

04.09.2015
Von Bernd Wientjes
Kommunen suchen händeringend nach Unterkünften für Flüchtlinge. In vielen Kirchengemeinden stehen Pfarrhäuser leer. Ob und wie die Kirche die Gemeinden bei der Suche nach Wohnraum für Asylbewerber unterstützen kann, und wie er die Lage der Flüchtlinge einschätzt – darüber sprach TV-Redakteur Bernd Wientjes mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann. 

Herr Bischof, in Trier, Bitburg und Hermeskeil müssen Flüchtlinge in Zelten übernachten. Täglich kommen weitere Flüchtlinge zu uns. Gleichzeitig ertrinken fast jeden Tag Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
Bischof Stephan Ackermann: Es ist eine dramatische Situation. Sie hat sich auch durch den Bürgerkrieg in Syrien noch gesteigert. Die Lage übertrifft all das, was man bereits vorher geahnt hat.

Was muss getan werden, um diese Lage in den Griff zu bekommen?
Ackermann: Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und zwar für ganz Europa. Europa ist auf die Probe gestellt. Und zwar nicht erst jetzt, sondern schon seit Jahren. Der Schutz der europäischen Außengrenzen durch Frontex ist keine Antwort auf die Flüchtlingsproblematik. Die Flüchtlinge sind auch eine Chance für Europa. Wenn es sich durch die Flüchtlingsfrage nicht auseinanderdividieren lässt, kann Europa zeigen, wie stark es ist. 

Was halten Sie von einer Kontingentierung von Flüchtlingen, von festen Quoten für jedes EU-Land?
Ackermann: Ich halte das für sinnvoll. Denn es braucht insgesamt eine gerechtere Verteilung als bisher.

Wie kann den derzeit bei uns unter anderem in den Aufnahmeeinrichtungen lebenden Flüchtlingen geholfen werden?
Ackermann: Die Menschen dort müssen unbedingt vor dem Herbst aus den Zelten raus. Die derzeitige Unterbringung kann und darf keine Lösung sein. Die Einrichtungen brauchen auch auf jeden Fall mehr Personal. Die Zusammenarbeit mit allen Ebenen – Bund, Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, kirchlichen Organisationen und freiwilligen Helfern – muss noch enger werden. Wir brauchen unkonventionelle Lösungen, die nicht an Verwaltungsvorschriften scheitern. Die Hilfsbereitschaft der Bürger ist sehr groß, und um diese auch zu nutzen, müssen alle Hemmnisse aus dem Weg geräumt werden. 

Wird auch das Bistum leerstehende Gebäude für Flüchtlinge zur Verfügung stellen?
Ackermann: Hier geschieht bereits viel mehr als öffentlich wahrgenommen wird. Wir prüfen, was wir zur Verfügung stellen können. Allerdings haben wir nicht Wohnraum im großen Maße leerstehen. Es gibt Teile von Anlagen wie etwa im Kloster Himmerod, die für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden. Aber Eigentümer von Himmerod ist die Ordensgemeinschaft, nicht das Bistum. Um es deutlich zu sagen: Der Bischof verwaltet nicht alle kirchlichen Immobilien im Bistum. Unser Generalvikar hat nun noch mal alle Kirchengemeinden dringend aufgerufen, nach freiem Wohnraum zu schauen. Wir rufen dazu auf, vor Ort zu prüfen, welche Immobilien sich für die Unterbringung von Flüchtlingen eignen. Bislang werden rund 40 Objekte von Kirchengemeinden im Bistum für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt. Weitere sind den Behörden angeboten, aber noch nicht abgerufen worden. 

Und wie sieht es mit dem Priesterseminar und dem Tagungszentrum Robert-Schuman-Haus in Trier aus? Die gehören dem Bistum.
Ackermann: Im Priesterseminar werden wir eine größere Gruppe von indischen Priestern unterbringen, die zu uns ins Bistum kommen, so dass es dort keinen geeigneten Raum für Flüchtlinge gibt. Das Robert-Schuman-Haus ist ein laufender Tagungsbetrieb.

Können Sie Pfarreien verpflichten, Wohnraum zur Verfügung zu stellen?
Ackermann: Das kann ich nicht. Die Kirchengemeinden sind rechtlich selbstständig. Wir haben aber ganz klar die Maßgabe an die Gemeinden ausgegeben, wo immer es möglich ist zu helfen. Ich kenne sogar Beispiele, wo Gläubige privaten Wohnraum zur Verfügung gestellt haben, wo es von der Pfarrei her keine Möglichkeit gibt.

Das Bistum hat im vergangenen Jahr einen Hilfsfonds zur Unterstützung ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit in Höhe von 250.000 Euro aufgelegt. Ist das Geld bereits aufgebraucht? Wird es eine Aufstockung des Fonds geben?
Ackermann: Der Fonds für das zweite Halbjahr 2014 und das erste Halbjahr 2015 ist größtenteils abgerufen. In den kommenden fünf Jahren werden wir gemeinsam mit der Caritas ein Maßnahmenpaket von rund acht Millionen Euro auf den Weg bringen. Wie gesagt, wir erleben eine enorme Hilfsbereitschaft. Aber wir erleben auch, dass die ehrenamtlichen Helfer fachliche Unterstützung brauchen. Dafür soll das Geld vor allem da sein. 

Hilfsbreitschaft auf der einen Seite, aber auch Hass und Gewalt gegenüber Flüchtlingen auf der anderen Seite. Macht Sie das betroffen?
Ackermann: Ich finde das abstoßend und menschenverachtend. Wir stellen uns mit aller Entschiedenheit gegen Fremdenhass. Braunen Umtrieben in der Bevölkerung muss mit aller Härte des Gesetzes begegnet werden. 
Wer zu Fremdenfeindlichkeit anstachelt, hat die Kirche gegen sich. Das fängt schon bei der Sprache an. Statt von Asylanten sollten wir von Menschen auf der Flucht sprechen, von Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Allerdings sollte man bestehende Ängste von Bürgern vor dem Zuzug von Flüchtlingen nicht einfach unter den Teppich kehren, sondern ernst nehmen. 

Herr Bischof, Sie sprechen von Menschen, die auf der Flucht sind, die unsere Hilfe brauchen. Gehören dazu auch sogenannte Armutsflüchtlinge etwa aus Albanien?
Ackermann: Es gibt das Grundrecht auf Asyl, und jeder Mensch hat das Recht bei uns, dass dies individuell geprüft wird. Aber es gibt Unterschiede. Es ist etwas anderes, wenn Menschen, die um ihre nackte Existenz bangen, etwa aus Syrien oder dem Irak zu uns kommen oder diejenigen, die für sich keine Lebensperspektive sehen wie etwa vom Balkan. Wobei man natürlich auch berücksichtigen muss, dass es verfolgte Minderheiten wie die Roma dort gibt. Ich bin daher dagegen, solche Staaten als sichere Herkunftsstaaten einzustufen, nur um das Asylbegehren von Menschen abzuwehren. Damit wird das Grundrecht auf Asyl gefährdet. 

Was muss sich ändern?
Ackermann: Man muss Möglichkeiten schaffen, dass Menschen, die nicht unter das Asylrecht fallen, trotzdem legal zu uns kommen können, um Arbeit zu finden, ohne dass sie erfolglos Asyl beantragen müssen. Gleichzeitig muss den Menschen etwa in Albanien geholfen werden. Es kann doch nicht sein, dass hunderttausende überwiegend junge Männer wegen Perspektivlosigkeit abwandern. Dadurch blutet das Land ja aus. Das muss durch internationale Zusammenarbeit verhindert werden. 

Menschen aus den Balkanstaaten, die hier Asyl beantragen, werden zum größten Teil in ihre Heimat zurück geschickt, also abgeschoben. Ist das christlich?
Ackermann: Dort wo das Asylrecht nicht greift, müssen Menschen auch wieder zurück in die Heimat. Unchristlich wäre es, wenn man sich damit zufrieden gäbe und die Not der Menschen in dem Land ignorieren würde. wie