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Keine Zeit, beim Sterben die Hand zu halten

Eines der umstrittensten und problematischsten Felder im Bereich der Pflege ist die Qualität der Pflegeleistung. Zwischen Patienten und Angehörigen einerseits und den pflegenden Einrichtungen andererseits wird die Realität dabei sehr unterschiedlich wahrgenommen.
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Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) befand erst vor wenigen Wochen in einem Interview, die Lebensqualität von Senioren im Pflegeheim sei "im Schnitt" gut, "vor allem wegen der hervorragenden Qualität der Pflegekräfte". Glaubt man dagegen dem Bestseller-Autor und Pflegekritiker Claus Fussek, werden in Deutschland Pflegebedürftige des Öfteren "ausgemustert, ausgesondert, endgelagert". Fussek bezweifelt, das die Pflege in Deutschland immer den Kriterien der Menschenwürde entspricht. Minister Bahr hingegen spricht von "schlimmen Einzelfällen", aber auch vom "international anerkannten" hohen Standard der Pflege in Deutschland.
Wer letztlich der Realität näher kommt, ist schwer zu beurteilen. Ein internationaler Vergleich der Pflegequalität sei "gar nicht möglich", befindet etwa die Münchener Pflegewissenschaftsprofessorin Astrid Herold-Majumdar, "weil die Grundvoraussetzungen und Auffassungen von Qualitätssicherung unterschiedlich sind".
Dennoch versucht man in Deutschland, eine Art objektive Messung der Pflegequalität zu realisieren.
 
Dokumentations-Bürokratie
 
Seit den 1990er Jahren arbeitet man mit Din-Normen, und im Jahr 2002 wurde im Zusammenhang mit der Einführung der Pflegeversicherung ein "Pflege-Qualitätssicherungsgesetz" eingeführt. Es sieht ein breit angelegtes Qualitätsmanagement mit umfassender Dokumentationspflicht und internen sowie externen Kontrollen vor.
 
Genau daran entzünden sich aber neue Konflikte. Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen weisen häufig darauf hin, dass die "Dokumentations-Bürokratie" reichlich wertvolle Zeit in Anspruch nehme, die man bei den Patienten abknapsen müsse - vor allem vor dem Hintergrund rigorosen Kosten-Managements. In der Regel, so die Kritik, seien keine zusätzlichen Personalressourcen für diesen Bereich geschaffen worden. "Ich sitze am Computer und habe keine Zeit mehr, einem Sterbenden die Hand zu halten", sagt eine Altenpflegerin aus Saarburg, die anonym bleiben will.
 
Da ist sie sich mit Pflegekritiker Claus Fussek einig, dem sie ansonsten - wie viele Pflege-Mitarbeiter - eher skeptisch gegenübersteht. Fussek wettert häufig gegen den "Pflege-Tüv", dem er nicht zutraut, tatsächlich die Qualität der Pflegeleistung zu messen.
 
Der 59-jährige Sozialpädagoge hat seine eigenen Qualitätskriterien entwickelt und unter dem Titel "Sieben Mindestanforderungen für eine menschenwürdige Grundversorgung" zusammengefasst. Darunter nennt er "die Berücksichtigung der individuellen Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme des Pflegebedürftigen", "angemessene Unterstützung" bei der Ausscheidung und der täglichen Körperpflege, die "Möglichkeit, täglich an die frische Luft zu kommen", die "Wahlmöglichkeit, mit wem man sein Zimmer teilt", das Vorhandensein von "wenigsten einem Mitarbeiter, der die Muttersprache des Bewohners spricht" und die "Sicherheit, dass jemand in der Todesstunde da ist, um die Hand zu halten".
 
Wenn das Forderungen sind, die in der Praxis erst einmal umgesetzt werden müssen, hat Deutschland in der Tat ein Problem mit der Qualität der Pflege.

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