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Alle unter einem Himmel

(Konz) Lieder von Heimat, Flucht und Ankommen: Der Vokalkreis Konz wagt mit seinem Chorprojekt mit Musik, Tanz und Poesie einen interkulturellen Brückenschlag.

29.09.2017
Mechthild Schneiders
Konz Achmed Biyram hat nicht viel mitgebracht auf seiner Flucht aus Syrien nach Deutschland. Ein paar Habseligkeiten - und den Tod. Der schwirrt in seinem Kopf. Jahrelang. Bis er den Bann bricht. In einer kurzen Geschichte. "Heute wird meine Freundin mich entführen", hat er sie genannt. Darin schreibt er über den Tod eines Schulfreundes im Jahr 2015 in Aleppo.
"Diese Geschichte kam einfach und sagte: Schreib mich auf", erzählt Biyram. Ein syrischer Dichter habe einmal gesagt: "Geschichten sind wie Erdbeben, sie schlagen dich." Das sei bei ihm passiert.
Eine Katze spielt dort eine Rolle. "Meine Mutter hat mir gesagt: Wenn eine Katze schreit, heißt das, dass etwas Schlimmes passiert." Und noch mehr Vergleiche zieht Biyram in seiner Geschichte. Nach zwei Jahren in Konz hat der 19-jährige Realschüler sie in einer neuen Sprache aufgezeichnet - und das sehr ausgereift. Er habe auf Arabisch angefangen, aber die Geschichte wollte wohl auf Deutsch geschrieben werden.
Biyram ist nicht der Einzige beim Chor- und Tanzprojekt des Vokalkreises Konz am Samstag, 30. September, der eine Geschichte erzählt. 14 junge Menschen zwischen zwölf und 18 Jahren, mit und ohne Migrationshintergrund sprechen ebenfalls aus, was sie umtreibt - nicht in Worten, sondern in tänzerischer Form. Drei Tage lang haben sie sich in einem Workshop mit dem syrischen Tänzer Maher Abdul Moaty, Mitglied der Trierer Tanz-Company People United, und in Zusammenarbeit mit dem Jugendnetzwerk Konz darauf vorbereitet.
"Tanz ist eine Sprache", sagt Abdul Moaty. Er habe beobachtet, wie sich die Jugendlichen bewegten, als sie sich einander vorgestellt haben. Daraus hat der Choreograph einen zeitgenössischen Tanz entwickelt. "Als ich ein Kind war, hatte ich eine Puppe, der ich alles erzählt habe", sagt er. Und so erzählen auch die jungen Tänzer ihren Puppen von ihren Sorgen und Nöten und Freuden des Alltags.
Außerdem hat Abdul Moaty mit ihnen einen Hip-Hop-Tanz einstudiert. "Ich wusste vorher nicht viel über die Ausdrucksformen der jungen Leute", sagt er. Der Kurs mit den Jugendlichen habe ihn inspiriert, künftig Tanzprojekte mit jungen Menschen zu initiieren. Er selbst tritt auch solo auf, mit syrischen Volks- und Derwisch-Tänzen.
Auch musikalisch stehen verschiedene Kulturkreise im Vordergrund. Der Initiator und Veranstalter des Projektes, der Vokalkreis Konz, singt Volkslieder aus ganz Europa, aber auch hebräische Stücke und ein Spiritual. Und das unter ganz neuem Dirigenten. Nach dem Weggang von Martin Folz hat Andreas Wagner die Leitung der rund 40 Sänger übernommen. Persische Volksweisen steuern die Musiker Milad und Ali Sharani bei.
"Die Liedauswahl steht unter dem Titel ‚Unter einem Himmel‘", sagt Vera Quintus, Vorsitzende des Vokalkreises.
Die Idee zum Projekt, das im Rahmen der Interkulturellen Woche stattfindet, sei entstanden, weil sie und andere Sänger Menschen anderer Herkunft begleiten, etwa in Deutschkursen, sagt Quintus. Die Liedauswahl befasse sich mit Themen wie Fluchtgründen, Weggehen, Unterwegs sein, Ungewissheit, Ankommen, Suche nach Heimat, Angenommen werden, Hoffnung. Auch und vor allem für Menschen wie Biyram, die alles zurückgelassen haben und in Deutschland ein neues Leben beginnen.
Das Chorkonzert am Samstag, 30. September, beginnt um 19 Uhr in der Sport- und Festhalle Konz. Kartenvorverkauf im TV-Service-Center in Trier.