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Der unbekannte Revolutionär: Nikolaus Valdenaire hat 1848 in Saarburg und Konz für Demokratie gekämpft

(Saarburg/Konz) In Saarburg-Stadt und der Verbandsgemeinde erinnert kaum etwas an Nikolaus Valdenaire. In Konz trägt immerhin eine Straße seinen Namen. Dabei zählt der gebürtige Franzose, der in Saarburg und Konz gelebt hat, zusammen mit seinem Sohn Viktor zu den wichtigsten Protagonisten der Region in der Märzrevolution 1848. Grund genug für den TV, das Leben des Kämpfers für Demokratie, Steuergerechtigkeit und Pressefreiheit in einem fiktiven Interview zu beleuchten.

17.02.2016
Marion Maier
Nikolaus Valdenaire ist im Sommer 1848 untergetaucht. Er wird von den Preußen per Steckbrief gesucht. Sein Sohn Viktor wurde auf einer Wahlversammlung verhaftet. Ihr mutmaßliches Verbrechen: Sie kämpfen im Vormärz für Demokratie, Steuergerechtigkeit und Pressefreiheit.

Monsieur Valdenaire, Sie sind in den französischen Vogesen geboren, was hat sie nach Saarburg verschlagen?

Nikolaus Valdenaire: Alors Madame, geboren wurde ich am 24. Mai 1772 in Ventron. Frankreich wird zu dieser Zeit von Louis XV., dem Ungeliebten, regiert. Ich bin mit den französischen Revolutionstruppen unter General Jean-Victor-Marie Moreau 1794 ins Rheinland gekommen. Dort ´abe ich mich mon amour, meine Liebe?, gefunden und mich schnell wohlgefühlt.

Was wollten die französischen Revolutionstruppen zu der Zeit eigentlich im Trierer Land?

Valdenaire: Mon Dieu, das wissen Sie nicht, Madame? Frankreich kämpfte nach der Revolution von 1789 jahrelang gegen eine Allianz aus Preußen, Österreich, England und dem russischen Zarenreich. Fünf Jahre nach dem Sturm auf die Bastille wurde Kurtrier von unseren Truppen besetzt und Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen musste letztlich nach Bayern fliehen. Das Saardepartement mit Trier als Präfektur war dann bis zum Wiener Kongress von 1815 französisch. Seither ’aben die Preußen ´ ier das Sagen.

Sie haben eine Triererin geheiratet. Sind Sie so zum großen Geld gekommen, oder wie konnten Sie sich den Roscheider Hof bei Konz leisten?

Valdenaire: O là là Madame, c`est vrai, ich ´abe Magarete Schmitt aus Trier in der Pfarrkirche Mariä Heimsuchung in Beurig geheiratet. Wir ’aben dann in Saarburg und Konz gelebt.
Den Roscheider ’of habe ich 1805 für 8500 Francs vom französischen Staat ersteigert, der das Gut der Kirche abgenommen hat. Über Geld spreche ich nicht. Nur so viel: ich ’abe als Steuereinnehmer gearbeitet.

Und Ihr großes Vermögen passt zu ihren politischen Idealen?

Valdenaire: Mais oui, Madame, das ist doch kein Widerspruch. Dem Staat geht es nur dann gut, wenn seine Bürger gut verdienen und die Bauern auf ihren Feldern genug erwirtschaften. Müssen sie ihr Vieh und ihr Saatgut verkaufen und verdienen im nächsten Jahr weniger, können sie ihre Steuern nicht zahlen. Die Preise für den Wein, die der Staat seiner Steuer zugrunde legt, werden schon lange nicht mehr erzielt. Die Not der Moselwinzer ist greifbar, wenn man durch das Land reist.

Was haben Sie politisch bewegt?

Valdenaire: Als ländlicher Grundbesitzer war ich ab 1833 Mitglied des Rheinischen Provinzial-Landtags. Der ’atte zwar nichts zu sagen, mais tant pis, egal. 1836 ’abe ich dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. ein’ Petition mit 160 Unterschriften übergeben. Ich forderte, die Steuern zu senken und weniger Beamte zu beschäftigen. Man überzog mich mit einem Strafverfahren, sprach mich naturellement frei. Zurzeit bin ich auch Mitglied des Saarburger Stadtrats. Zuletzt ’at sich der Bürgermeister Johann Baptist Crell geweigert, über unsere Forderungen - Demokratie, Steuergerechtigkeit, Pressefreiheit - zu beraten. Er besitzt deshalb längst nicht mehr das Vertrauen der Ratsmehrheit. Jüngst ’at er uns als Lumpenproletariat beschimpft.

Und hat Ihre Flucht vor den Preußen auch etwas mit ihrem politischen Engagement und den Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung zu tun?

Valdenaire: Oui, Madame! Weil ich für sie kandidiert ’abe und für sie nominiert bin, wirft mir die preußische Regierung die Beteiligung an einem Attentat zum Umsturz der preußischen Regierung vor. C’ est ridicule, lächerlich! Meinen Sohn Viktor, gewählter Abgeordneter für die Preußische Nationalversammlung in Berlin, ’at man hat man in Merzig verhaftet, als er in die Kutsche stieg, um in die ’auptstadt zu reisen.

Und Ihre Strafe?

Valdenaire: La Guillotine - Rübe ab - aus die Maus, Madame. Comme en France - wie in Fronkreisch: Die Revolution frisst ihre Kinder.

Beruhigen Sie sich, Monsieur. Man findet Sie nicht, das weiß ich. Noch was anderes: Man sagt Ihrer Familie auch Verbindungen zu dem bekannten Revolutionär Karl Marx nach. Was ist da dran?

Valdenaire: Bien, Madame. Karl Marx und mein Sohn Viktor ’aben beide das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier besucht. Karl hat ein Jahr später sein Abitur gemacht. Sein Vater Heinrich hat 1834 die Festrede im Trierer Casino gehalten, als die Abgeordneten des Rheinischen Provinzial-Landtags wieder zurück nach Trier kamen. Und eine Freundin von Jenny Marx ist mit Viktor verheiratet. Wir, also mein Sohn und ich, berichten auch immer wieder als Korrespondenten von der Mosel für die Rheinische Zeitung, die Karl Marx herausgibt.
Extra
Nikolaus Valdenaire ist 1849 in Freudenburg an Cholera gestorben - vermutlich als Folge seines Untertauchens. In der Festschrift zum 100. Gründungstag der Saarburger Casinogesellschaft steht: "…achtzehnhundertachtundvierzig zum ersten Male, machten die Saarburger auch ein kleines Revolutiönchen." Der Stadtspaziergang mit Nikolaus Valdenaire ist Teil des Programms zum Weltgästeführertag in Saarburg am Sonntag, 21. Februar. Das Motto des diesjährigen Weltgästeführertags lautet Gründerzeit - wobei nicht nur die Epoche zwischen 1848 und 1914 gemeint ist, sondern auch mit der Farbe Grün gespielt werden darf. Der Rundgang mit dem Revolutionär Valdenaire durch Saarburg startet um 10.30 Uhr an der Kirche St. Marien in Beurig. Um 13 Uhr führt Wolfgang Matthes durch die Glockengießerei Mabilon, einem Industriedenkmal aus der Gründerzeit. Christiane Beyer macht sich um 14.30 Uhr auf Spurensuche nach den Gärten in Saarburg. Diese Tour startet auf dem Parkplatz der einstigen Glockengießerei Mabilon. itz

 

 

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