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aus unserem Archiv vom 21. Februar 2012
Autor: Jörg PistoriusOrt: TrierKommentare: Kommentare zeigenDrucken  E-Mail

Alkoholexzesse in Trier: Hilflosigkeit und Provokation

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. In Trier haben die Reaktionen auf die Alkoholexzesse am Weiberdonnerstag jedoch gerade erst begonnen. Während die Stadt an den Konsequenzen arbeitet, wagt sich Pädagoge Martin Schümmelfeder an Erklärungsversuche.

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Trier. Rosenmontag, früher Abend, die Arena in Trier. Nach einem tollen Rosenmontagszug bei herrlichem Wetter feiern vor allem junge Narren den Höhepunkt der Session. Im Vergleich mit Weiberdonnerstag verläuft der Montag geradezu brav. Niemand torkelt völlig betrunken durch die Gegend oder liegt abgefüllt am Boden. Spricht man sie auf den Donnerstag an, reagieren viele mit dem Prinzip "Ich war nicht dabei." Niemand will seinen Namen in der Zeitung sehen.
"Ich verstehe die ganze Aufregung nicht", sagt einer der Feiernden. "Am Weiberdonnerstag wird ordentlich gesoffen. Das war noch nie anders." Aber so lange, bis der Notarzt kommt? "Und?", fragt er. "Früher haben sich die Leute halt nach Hause geschleppt, wenn sie nicht mehr konnten, und waren dann eine Zeit lang krank. Wenn heute alle direkt ärztlich behandelt werden, wird es dort halt sehr eng."
Keiner der Befragten geht auf Distanz zum Notarzt-Rekord am Donnerstag. "Alkohol und Karneval kriegst du nie auseinander", sagt ein Jeck, der die 30 schon überschritten hat. "Niemals."
Die für den Trierer Straßenkarneval und seinen sicheren Ablauf verantwortlichen Institutionen - Stadtverwaltung, Arbeitsgemeinschaft Trierer Karneval, Polizei - werden für 2013 wohl ein neues Konzept präsentieren, in dem schärfere Kontrollen und Einschränkungen auftauchen. Mit diesen werden sie versuchen, den Vollrausch Jugendlicher und junger Erwachsener zu verhindern. Eine Bekämpfung des Symptoms, während die Frage nach den Ursachen abstrakt und offen bleibt. Über diese Ursachen spricht der TV mit Martin Schümmelfeder. Der Musiker und Pädagoge vom Trierer Exhaus am Moselufer ist ein Experte für Jugendkultur.
"Ich finde es in höchstem Maße traurig, zu erkennen, wie wenig Selbstwertgefühl Jugendliche haben müssen, die sich durch derart überzogenen Alkohol- oder Drogenkonsum zum großen Teil ganz bewusst Schaden zufügen", sagt Schümmelfeder. "Das Verhalten der Jungs und Mädels auf dem Hauptmarkt an Weiberfasching kommt mir daher ein Stück weit vor wie eine unkoordinierte Demonstration und Provokation." Das dabei herrschende Motto: "Schaut her, wir machen uns dermaßen weg, dass gar nichts mehr geht und ihr könnt uns alle mal!" - passend zum oben zitierten Songtext der Band Sondaschule.
Schümmelfeder spricht von einem Hilferuf, der auf Orientierungslosigkeit und "ein Zuviel an Leistungsdruck" aufmerksam mache. "Hier wird sich ganz demonstrativ und provokativ von der gesellschaftlichen Norm und der Alltagswelt abgegrenzt." Eine gefestigte, gut entwickelte Persönlichkeit mit einem gesunden Selbstwert verhalte sich anders. "Unser Bildungssystem bis hin zur Hochschule aber beschränkt sich zunehmend auf Leistung und darauf, so früh wie möglich einen guten Job zu bekommen und Geld zu verdienen."
Meinung
Notruf ans Elternhaus

Die verantwortlichen Behörden und Karnevalisten können realistisch betrachtet nichts ausrichten, wenn ein finster zum Vollrausch entschlossener 15-Jähriger an Weiberfasching Selbstzerstörung zelebrieren will. Das ist allen Beteiligten mit Sicherheit klar. Dennoch wird es Konsequenzen geben, denn die Verantwortungsträger werden sich nicht dem Vorwurf aussetzen wollen, vor der Situation zu kapitulieren. Strengere Kontrollen, der Hauptmarkt als Ab-18-Zone oder sogar ein komplettes Alkoholverbot im öffentlichen Raum - solche Reaktionen werden bestenfalls dem fröhlich sein wollenden Straßenkarneval einen finsteren Anstrich geben und ihm schlimmstenfalls jeden Reiz nehmen, auch für die nicht am Vollrausch interessierten Jecken. Die Alkoholexzesse sind ein weiteres von vielen klaren Signalen: Der Dreh- und Angelpunkt eines funktionierenden Jugendschutzes ist ein waches und aktives Elternhaus. j.pistorius@volksfreund.de

 

 



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