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Allein in einem fremden Land: Minderjährige Flüchtlinge in Trier

(Trier/Konz) Knapp 180 minderjährige Geflüchtete, die ohne ihre Familie nach Deutschland gekommen sind, leben in Trier und Trier-Saarburg. Die Integrationsangebote zeigen erste Erfolge. Wichtiges Ziel ist die Vermittlung von Praktika und Ausbildungsplätzen.

13.10.2017
Lisa Bergmann
Immer dienstags heißt es in Konz: Hefte raus, Deutschstunde. Die pensionierte Lehrerin Ingeborg Wagner lehrt einige "Unbegleitete minderjährige Asylsuchende" (Uma), wie sie im Amtsdeutsch heißen, die deutsche Sprache. Seit den Sommerferien gibt Wagner sogar noch eine zweite Stunde: Darin geht es um Mathematik. "Das haben sich die Jugendlichen selbst gewünscht", sagt Hartmut Schwiering, Vorsitzender der Konzer-Doktor-Bürger-Stiftung.

Die Stiftung organisiert den Kurs seit einem Jahr. Ursprünglich war der Ansatz ein ganz anderer: Die Stiftung wollte mit einem Deutschkurs geflüchtete Frauen mit Kindern unterstützen. Doch das Interesse der Frauen war zu gering. Über die Gründe will Schwiering nicht spekulieren. "Das würde nur Vorurteile schüren." Für das ursprüngliche Projekt hatten sich neun pensionierte Lehrkräfte gemeldet, Wagner blieb dabei. Seitdem unterrichtet sie die Jugendlichen, die sie als ihre "Jungs" bezeichnet. Insgesamt kamen bislang zehn "Jungs" zu Wagner in den Unterricht.

Die Jugendlichen sind zwischen 15 und 18 Jahre alt und leben in einer Wohngruppe in Konz-Hamm. Deren Träger ist der Verein Karree Eifel, ein Fachdienst für Familienhilfe und schulische Inklusion. Zu zehnt wohnen sie hier zusammen. Im gesamten Kreis Trier-Saarburg leben nach Angaben der Kreisverwaltung 62 minderjährige Geflüchtete. Zuständig sind ganz unterschiedliche Institutionen. Für die Mädchen in der Regel die Kreuznacher Diakonie, für die Jungen im Kreis engagiert sich neben Karree Eifel unter anderem auch das Jugendhilfezentrum Don Bosco Helenenberg.

Dabei flaut der Zustrom etwas ab. Nach Angaben der Kreisverwaltung kamen noch im Januar dieses Jahres zehn neue Jugendliche im Kreis an, aktuell sind es nur noch drei pro Monat.

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich auch in der Stadt Trier ab. Dort leben derzeit 117 unbegleitete Asylsuchende. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan und Nordafrika, aber zum Teil auch aus den Balkanstaaten. Nach den großen Wanderungsbewegungen 2014 und 2015 habe sich die Zahl auf etwa 120 laufende Fälle eingependelt. Die Stadtverwaltung führt das auf die Schließung der Balkanroute 2016 zurück.

Einige der 117 Jugendlichen werden derzeit vom Verein Palais betreut. Seit 2015 engagiert er sich in Kooperation mit dem Jugendhilfezentrum Helenenberg im "Projekt Uma". 30 Jungen leben verteilt auf zwei Wohngruppen in der Stadt. Einige von ihnen durchlaufen derzeit noch das sogenannte Clearing-Verfahren, das den Hilfebedarf des Jugendlichen klären soll.

Auch hier ist die Zahl der Geflüchteten rückläufig. "Seit Mitte 2016 ist es deutlich ruhiger geworden", sagt Christine Hanke, Mitarbeiterin des Palais. In Spitzenzeiten habe man bis zu 70 Jugendliche betreut. "Und damals haben wir die Strukturen erst geschaffen, die wir heute haben." Ziel des Projekts ist zunächst die Grundversorgung des Jugendlichen, für Hanke heißt das: "Versorgung nach unseren Jugendhilfestandards".

Langfristig aber ist die Integration das Ziel. Dazu gehört die Vorbereitung auf den Beruf genauso wie auf ein selbstständiges Leben, nach Möglichkeit in einer eigenen Wohnung. Dazu will auch die Konzer-Doktor-Bürger-Stiftung mit dem Kurs von Ingeborg Wagner beitragen.

Ziel der Kooperation mit Karree Eifel sei es, den Jugendlichen zu helfen, in eine qualifizierte Ausbildung zu kommen. Die ersten Schritte sind gemacht: Einige von Wagners Jungs haben schon Praktika gemacht, einer von ihnen sucht derzeit einen Ausbildungsplatz.

Bei Omar (18) aus Syrien läuft es beim Palais bisher gut. Seit 22 Monaten lebt er in Deutschland, im Moment besucht er die zehnte Klasse eines Trierer Gymnasium. Gerade hat er ein Praktikum im Kindergarten gemacht, die Einrichtung hat ihm schon einen Nebenjob angeboten. Ob er allerdings Erzieher werden will, weiß er nicht: "Ich habe ja noch Zeit. Erst mal mache ich jetzt mein Abitur."

Extra
Das Clearing-Verfahren bei Minderjährigen
Im Zusammenhang mit der Aufnahme von minderjährigen Geflüchteten ist häufig die Rede vom sogenannten Clearing-Verfahren. Das bedeutet meistens zunächst die Abklärung der aktuellen Situation des Geflüchteten - dazu zählen zum Beispiel die Gesundheitssorge, die Betreuung im Asylverfahren und die Ermittlung des konkreten Hilfebedarfs. Besonders wichtig ist die Feststellung des tatsächlichen Alters der Minderjährigen. Das hat Einfluss zum Beispiel auf den Zugang zu Bildungsangeboten. Aus den Ergebnissen dieses Verfahrens wird für jeden Jugendlichen ein individueller Hilfeplan erstellt. Dann werden die Jugendlichen an die örtlichen Träger mit den entsprechenden Angeboten weitervermittelt. Das Clearing-Verfahren ist Teil der sogenannten Inobhutnahme, also der Unterbringung etwa in einer Wohngruppe, dafür zuständig sind die Jugendämter in Kreis und Stadt.