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Auf der Suche nach einem neuen Heim

(Trier) Mitten zwischen den Bauarbeiten zum neuen Industriepark der Stadtwerke am Grüneberg wohnen zwei Sinti-Großfamilien. Bleiben können sie dort nicht.

19.06.2017
Christiane Wolff
Trier Zwei Arbeiter fräsen ein kreisrundes Loch in den Asphalt der Riverisstraße. Am höchsten Punkt ihrer Maschine haben sie eine Deutschlandfahne befestigt. Auch auf dem angrenzenden Gelände der ehemaligen Papierfabrik Ehm brummen die Baumaschinen. Hohe Halden mit Schreddermaterial zeugen von den Abrissarbeiten. Die Stadtwerke Trier bauen die alten Fabrikhallen so um, dass sie sie für ihren Energie- und Technikpark nutzen können, der Ende 2018 dort einziehen soll (der TV berichtete).
Genau gegenüber liegt die Riverissiedlung. Knapp 40 Menschen - darunter nach Auskunft der Stadtverwaltung sechs Kinder - wohnen in den städtischen Häusern, die seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben sind (siehe Extra).
Auf die Frage, ob und wie sie dort weiter leben können, wenn der riesige Industriepark in Betrieb ist, hat das Rathaus bisher keine Antwort. "Lösungsmöglichkeiten für den Umgang mit den Bewohnern der Riverissiedlung im Rahmen der Entwicklung des Gewerbegebiets werden derzeit von der Verwaltung intensiv geprüft und diskutiert", hatte die Stadtverwaltung im Sommer 2016 auf TV-Nachfrage erklärt.
Seitdem steht der Kürenzer Ortsvorsteher Bernd Michels mit den Bewohnern in engem Kontakt. Vorige Woche gab es das erste große gemeinsame Gespräch mit Baudezernent Andreas Ludwig und Sozialdezernentin Angelika Birk. Nahezu alle 40 Anwohner der Riverissiedlung waren gekommen, um über ihre Zukunft zu sprechen.
"Grundsätzlich können sich die Familien mittlerweile vorstellen umzuziehen", erklärte Ortsvorsteher Michels anschließend auf TV-Nachfrage. Denn eine Sanierung der Siedlungshäuser käme nicht infrage. "Die Bausubstanz ist viel zu marode", sagt Michels. Abriss und Neubau an gleicher Stelle, "würden in direkter Nähe des künftigen Energie- und Technikparks ebenfalls keinen Sinn machen".
Daher gelte es, andere Möglichkeiten in den Blick zu nehmen. Wie diese aussehen könnten, dazu will Jacques Kling, Sprecher der Sinti-Großfamilien, sich erst konkret äußern, wenn die Gespräche mit der Stadtverwaltung entsprechend vorangeschritten sind. "Am wichtigsten ist für uns, dass wir als Familie, als Gemeinschaft, weiter zusammenbleiben können", betont er allerdings gegenüber dem TV. Grundsätzlich seien mehrere Optionen möglich, erklärt Michels. Etwa ein gemeinsamer Umzug in die städtischen Wohnungsbauprojekte in Mariahof oder Filsch. "Aber die Familien würden am liebsten hier in Kürenz bleiben", sagt Michels. Auf dem Gelände des ehemaligen Walzwerks in Alt-Kürenz soll in den nächsten Jahren ein neues Wohnquartier entstehen (der TV berichtete). Zumindest zurzeit scheint aber das Burgunderviertel die wahrscheinlichere Alternative zu sein. Die ehemalige Siedlung des französischen Militärs auf dem Petrisberg steht seit Jahren leer. Die städtische Entwicklungsgesellschaft EGP hat das Quartier gekauft und will es zu einem neuen Wohnviertel aufblühen lassen (der TV berichtete). "Dort könnten die Sinti-Großfamilien einziehen", meint Michels, "etwa in so etwas wie eine Häusergruppe um einen gemeinsamen Innenhof." Dass der Familienverband zusammenbleiben will, empfindet der Ortsvorsteher von Kürenz nicht als eine unangemessene Forderung. Im Gegenteil: "Das ist doch genau das, wonach moderne Stadtplanung strebt: Alt und jung zusammen, in enger Verbundenheit, einer hilft dem anderen. Exakt diesen Generationenmix versucht doch die Stadtverwaltung auch bei anderen Wohnprojekten unbedingt umzusetzen. Denn alle Alten einfach ab ins Altenheim zu schicken kann nun wirklich nicht unser Ziel sein."
Ob die Häuser als Sozialwohnungen entstehen oder der Familienverband - mit Unterstützung der Stadt - selbst als Bauherr tätig wird, müsse noch geprüft werden. In Bremen und Kiel etwa hätte der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma ähnliche Wohnprojekte als Genossenschaftsbauten finanziell unterstützt.
Kommentar
Meinung
Stadt darf Sinti nicht vergessen

Die Stadtverwaltung kann also auch schnell. Zumindest, wenn es um die wirtschaftlichen Interessen der SWT geht. Ruckzuck ist ein Gutachten da, ruckzuck der Abrissbeschluss. Vorher hatte die Stadt zwar jahrelang behauptet, am Thema Riverissiedlung dran zu sein - allerdings ohne, dass irgendetwas passierte. Seit den 1990ern sind die Häuser dem Verfall preisgegeben. Seit zwei Jahren steht fest, dass das Umfeld im Zuge der Bauarbeiten für den Energie- und Technikpark sich erst in eine Baustelle, dann in ein Industriegelände verwandeln wird. Allerspätestens jetzt muss die Stadt zeigen, dass sie die Menschen, deren schreckliche Geschichte eng mit Trier verknüpft ist, nicht vergessen hat. c.wolff@volksfreund.de
Extra: DIE GESCHICHTE DER RIVERISSIEDLUNG

Nachdem die Nazis die Trierer Sinti in Konzentrationslager deportiert hatten, kamen die Überlebenden nach Kriegsende 1945 zurück nach Trier und siedelten sich mit ihren Wohnwagen am Grüneberg an. In den 1960ern errichtete die Stadt dort die Riverissiedlung - nicht nur für die Sinti: In den rund 60 Wohnungen der sechs Riegel lebten damals knapp 200 Menschen. 1997 - nur gut 30 Jahre nach dem Bau - ließ die Verwaltung den Stadtrat allerdings den Abriss der städtischen Häuser beschließen. Die Bausubstanz sei so schlecht, dass sich die Sanierung nicht mehr lohne, argumentierte der damalige Sozialdezernent und machte Druck auf die Bewohner, von denen daraufhin etliche auszogen. Ihr Versprechen, für die damals rund 60-köpfige Sinti-Großfamilie einen Neubau zu errichten, in den die Verwandten gemeinsam umziehen könnten, hielt die Stadt nicht ein. Später wollte die Verwaltung den Familienverband auflösen und in unterschiedliche Stadtteile umsiedeln - wogegen die Sinti sich wehrten. Die Häuser blieben stehen. Seit Ende der 1990er finanzierte die Stadt allerdings nur noch absolut notwendige Reparaturarbeiten. 19 Wohnungen sind noch an die knapp 40 Sinti vermietet, zu Monatsmieten zwischen 153 und 443 Euro.

Der Abbruch beginnt schon mal