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Brutal aus dem Leben gerissen

Stolpersteine in der Jesuitenstraße erinnern an Schüler, die zu Naziopfern wurden

(Trier) 19 neue Stolpersteine sind in Trier verlegt worden. Hinter jedem steht eine menschliche Tragödie - und eine menschenverachtende Haltung der Gesellschaft, die sich nicht wiederholen darf.

23.02.2014
Dorothee Quaré
Trier. Zehn Brüder sind sie, und es stirbt einer nach dem anderen. Das ostjüdische Volkslied "Tsen Brider", das, interpretiert von André Heller, in der Jesuitenstraße aus dem CD-Gerät erklingt, erinnert fatal an die "Zehn kleinen Negerlein".
Zwölf Zwölftklässler des Friedich-Wilhelm-Gymnasiums (FWG) führen dazu eine Szenencollage auf: Aus ihrer Arbeit und ihrem Alltag heraus werden die jüdischen Mitbürger aus dem Leben gerissen - und sie kommen nie mehr zurück. Das Stück endet mit einem Appell. "Lasst uns das Leben leise wieder lernen", intonieren die Jugendlichen.

Das Leben leise lernen


"Sie haben sich das Stück selbst erarbeitet", sagt Lehrerin Gabriele Braun. "Es war ihnen sehr wichtig, dass es nicht mit dem Verlust endet. Sie wollten zeigen: wir müssen mit der schrecklichen Erfahrung leben."
19 neue Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig auf Einladung des Kulturvereins Kürenz in Trier verlegt, 11 davon beim Priesterseminar, dem früheren Standort des FWG. Für drei der Steine übernahm der Ehemaligenverein des FWG die Patenschaft. Alle Stolpersteine erinnern an Opfer der NS-Gewaltherrschaft in Trier. Der Historiker Thomas Schnitzler hat die Schicksale der Opfer recherchiert. Er wolle die "Erinnerungskultur" erneuern, betont er. Eigene Verstrickungen in die Gewaltherrschaft und Täterschaften unter ehemaligen FWG-Abiturienten seien verdrängt worden, sagt Schnitzler, der dort selbst das Abitur gemacht hat.
 

Schreibtischtäter aus Trier


Neben dem NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie habe es dort etwa drei Schreibtischtäter bei der "Endjudung jüdischer Gewerbe" gegeben; teilweise hätten sie von den billigen "arisierten" Immobilien profitiert. Ein Marinegeneral, Mitglied im Ehemaligenverein des FWG, sei Rüstungsforscher im Dritten Reich gewesen. Drei Ehemalige hätten damals Medizinverbrechen begangen. "Einer hat Hunderte Frauen zwangssterilisiert, einer hat die 'Heilanstalt' Andernach mit 900 Krankenmordopfern geleitet", ermittelte der Historiker. "Ein weiterer war Gutachter beim Erbgesundheitsgericht Trier."
"Trotz des schlechten Wetters fand ich es sehr wichtig zu kommen", sagt Rosalia Jacquin, eine der zahlreichen Besucherinnen der Stolpersteinverlegung. "Meine Mutter hat selbst miterleben müssen, wie Spielkameradinnen von den Nazis verschleppt wurden. Sie hat sie nie wieder gesehen."

Einige Opferschicksale



Unter den gewürdigten ehemaligen jüdischen FWG-Schülern sind sieben Ärzte, drei Juristen und der bekannte Komponist Wolfang Ze'ev Steinberg, der nach Palästina fliehen konnte. Mit dem "Israel String Quartett" gastierte er in den 80er Jahren in Trier - auch in der FWG-Aula. "Für mich schließt sich der Kreis", soll Steinberg damals gesagt haben.
Dr. Ernst Mayer, Kölner Orthopädiearzt, wurde in Auschwitz ermordet. In Theresienstadt starben der Charlottenburger Mediziner Dr. Alexander Wolf, der dort tätige Jurist Paul Rothschild, der Frankfurter Hautarzt Dr. Raphael Kaufmann und der Berliner Arzt Dr. Jakob Kahn. Der Aachener Allgemeinmediziner Dr. Paul Maas beging im Jahr 1942 gemeinsam mit seiner Frau Selbstmord.
Den Juristen Ernst Isay und Rudolf Max Isay gelang die Flucht nach Brasilien. "Er hat sich als Deutscher gefühlt. Seine Freunde sagten, er sei doch verrückt auszuwandern", sagt die Urenkelin des letzteren, Andrea Belke, die zu der Verlegung der Steine aus Köln nach Trier angereist ist. Seine Biografie habe sie tief beeindruckt, sagt Andrea Belke, "vor allem seine humanistische Einstellung".
Extra
Seit 2005 sind 166 Stolpersteine in Trier verlegt worden, initiiert von der AG Frieden und dem Kulturverein Kürenz. Vier neue erinnern in der Saarstraße etwa an die Mutter und den Bruder der Schriftstellerin Gertrud Schloss. In der Peter Friedhofen-Straße wird des Euthanasieopfers Mathias Koch gedacht, in der Engelstraße beim Elisabeth-Krankenhaus werden drei Opfer der Zwangssterilisation gewürdigt. Erste Stolpersteine wurden auch in Pellingen und Wittlich verlegt. Stolpersteine-APP Informationen über die gewürdigten Trierer NS-Opfer bietet das Projekt der Hochschule Trier in Kooperation mit der Stolpersteininitiative AG Frieden unter www.stolpersteine-guide.de DQ