region/trier

Der letzte Mann auf der Trierer Mariensäule verabschiedet sich mit einem Kuss

(Trier) Zwischen 1945 und 2007 durften einige Männer der Maria, die hoch über Trier thront, näherkommen. Vom Elektriker bis zum Gerüstbauer war alles dabei. Doch wer tatsächlich der letzte Mann auf dem Kopf der Mariensäule war, sollte sich nun erst mal geklärt haben.

09.03.2016
Myriel Desgranges
Mit einem TV-Artikel über Matthias Büchel fing alles an. Darin erklärte er, dass er der Letzte auf dem Kopf der Mariensäule gewesen sei. Zwischen 1945 und 1948 wurde er zum Elektriker ausgebildet. Während dieser Zeit musste er oft auf den Kopf klettern, um die Beleuchtung zu reparieren. Anders als heute wurde die Maria damals auch noch von oben bestrahlt. Dann meldet sich Rita Schlesier, geborene Schwickerath, zu Wort. „Ich muss der Aussage von Herrn Büchel widersprechen, da ich genau weiß, dass er nicht der Letzte auf dem Kopf der Mariensäule gewesen sein kann“, schreibt sie im Leserbrief. Und wer war es dann? Sie sagt: Ihr Vater, Johannes Schwickerath. 1950, zwei Jahre, nachdem Matthias Büchel seinen Auftrag beendet hat, erhält der Elektromeister den Auftrag zur Wartung der Mariensäule. Die Firma Schwickerath betreut die Mariensäule bis 1963. Demnach müsste ein Elektriker der Letzte auf dem Kopf der Mariensäule gewesen sein. Hier könnte die Geschichte enden – doch es geht noch weiter.

Vom Elektriker zum Steinmetz

Noch am selben Tag erreicht den Trierischen Volksfreund ein weiterer Leserbrief. Dieses Mal von Steinmetz- und Steinbildmeister Henning Wirtz. „Nur um der Ehre willen und mit einem Zwinkern“, schreibt er. Im Jahr 2007 sei die Mariensäule umfassend restauriert worden – und das von seiner Firma. In seinem Brief heißt es weiter: „Deshalb dürfte der letzte Mann auf dem Kopf der Mariensäule ein Steinmetz gewesen sein.“ Für die Firma Henning Wirtz und den gebürtigen Trierer sei das damals eine große Ehre gewesen, denn wer darf der Maria sonst so nahe kommen? 2007 wurde die Firma von der Bautenschutz Theisen GmbH aus Orenhofen (Eifelkreis Bitburg-Prüm) damit beauftragt, die Mariensäule komplett zu sanieren. 

Die ganze Palette des Handwerks

Seit der Erbauung gab es außer der regelmäßigen Pflege im Zwei-Jahres-Takt keine nennenswerten Sanierungsarbeiten mehr. Wind und Wetter nagten an der Substanz des Denkmals, am Innenleben und am Treppenaufgang. Außerdem gefährdeten Risse Fugen, Dekor und Steine. Von April 2007 bis September 2007 dauerte die Restauration. Marode Steine wurden ausgebaut und neue Steine eingesetzt. Verwittertes Maßwerk wieder ausgetauscht und neu zusammengefügt. Fugen wurden erneuert und die Mutter Gottes komplett gereinigt. Und das sind nur einige Vorgänge der Sanierung. Die ganze Palette des Handwerks sei hier abgerufen worden, berichtet Steinmetz Henning Wirtz. Bei schlechtem Wetter konnte in 40 Metern Höhe natürlich nicht gearbeitet werden, weshalb sich die Arbeit an der Mariensäule in die Länge zog. „Dennoch war es eine unvergessliche Saison für alle Mitarbeiter. Lokalpatriotisch gesehen auch sehr emotional“, sagt der gebürtige Trierer.

Eine Gefahr für die Arbeiter

Während der Sanierung sei die Mariensäule oft Opfer von Vandalismus geworden. Sperrungen wurden überwunden, um auf die Gerüste zu gelangen. „Es ging den Betroffenen nicht nur um die Aussicht“, erzählt Wirtz. Die Maria wurde bemalt und Abfall auf dem Gelände verteilt. Sogar Teile des Gerüstbaus wurden ausgebaut und in den Hang geworfen. Grobe Fahrlässigkeit, die eine große Gefahr für die Mitarbeiter darstellte. „Es ist sehr schade, dass wegen des Schabernacks weniger die Mehrheit leiden muss“, sagt Henning Wirtz. Bis zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts konnten Besucher von einer Plattform aus die herrliche Aussicht auf das Moseltal genießen. Seit 1905 ist sie nicht mehr frei zugänglich. Aber apropos Gerüste – zurück zum Thema „Der Letzte auf der Mariensäule“: Henning Wirtz hat etwas bedacht, was seine beiden Vorgänger schon ganz vergessen hatten. Wie konnten die Arbeiter, vom Elektriker bis zum Steinmetz, überhaupt so nah an die Maria herankommen? Natürlich nur mit Hilfe eines Gerüsts. „Da die Mariensäule bis zum Scheitel eingerüstet war, müsste der bisher letzte Mensch auf Marias Kopf ein Gerüstbauer der Firma Spanier-Wiedemann gewesen sein, als er nach Abschluss der Arbeiten die Einrüstung zurückbaute“, erklärt der 44-Jährige.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Und genau dieser Gerüstbauer ist Hermann Spanier, Chef der Firma. Nach Abschluss der Arbeiten begann der Gerüstabbau durch vier seiner Mitarbeiter. Spanier, der nur den Aufbau begleitet hat, war wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn bevor das Gerüst komplett abgebaut wird, überprüft der Chef abschließend, ob keine Schäden entstanden sind. So kam es, dass er der letzte Mann auf dem Kopf der Mariensäule war.

Ein Abschiedskuss

Wenn die Gerüstbauer der Firma Spanier-Wiedemann für eine längere Zeit die Letzten auf einer Baustelle sind, haben sie bestimmte Rituale, um sich zu verabschieden. In diesem Fall gab Hermann Spanier der Maria einen Abschiedskuss. Ganz nach dem Motto „Jetzt hast du erstmal deine Ruhe!“ Denn er wird für längere Zeit der Letzte gewesen sein, dem diese Möglichkeit zuteil wurde. Hier endet die Geschichte – der letzte Mann auf dem Kopf der Mariensäule ist gefunden. Doch wer weiß? Sobald die Mariensäule erneut restauriert werden muss oder sonstige Arbeiten anstehen, geht die Geschichte weiter. Bis dahin kann die (ansonsten unbefleckte Maria) in der Erinnerung ihres letzten Kusses schwelgen.
Extra
Auf der linken Seite des Moseltals, 300 Meter über dem Meeresspiegel, wacht die Mariensäule über die Stadt. Oberhalb des Stadtteils West-Pallien steht sie auf der benachbarten Anhöhe des Markusbergs. Mit dem Sockel ist das Denkmal insgesamt 40 Meter hoch und somit der am höchsten aufragende Bau der Stadt Trier. Sie wurde 1866 dank Spenden der Trierer Bürger eingeweiht. Die Mariensäule ist ein beliebtes Ausflugsziel, da der Vorplatz einen fantastischen Blick über die Römerstadt und das Moseltal bietet.

 

Empfehlungen

Kommentare