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Die Lehren aus dem falschen Amok-Alarm: Größtes Schulzentrum der Region zieht Konsequenzen

(Trier) Ein Amokläufer im Schulgebäude: Schüler und Lehrer des Trierer Berufsschulzentrums mussten Ende November befürchten, dass ihre Leben in Gefahr sind. Es war ein Fehlalarm, aber dieser deckte Probleme auf, die im Ernstfall katastrophale Folgen haben können. Die Schulleiter stellen sich der Frage, was besser werden muss.

21.03.2016
Jörg Pistorius
 „Der beste Schutz vor Krisen ist eine wirksame Präventionsarbeit.“ So steht es in der „Handreichung für die Bewältigung von Krisensituationen an Schulen“, die das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz im April 2013 herausgegeben hat. Doch trotz aller Prävention kann das Undenkbare eintreten, das stellt dieses Papier nicht in Frage. „Dennoch gibt es auch an Schulen unvorhergesehene Gewalt- und Notsituationen. Sie sind als Ausnahmesituation eine enorme Herausforderung für alle am Schulleben Beteiligten.“

Der Alarm: Diese Herausforderung traf am 27. November die Lehrer und Schüler des Berufsschulzentrums Trier. Es ist mit rund 5000 Schülern, von denen etwa die Hälfte täglich in Trier ist, der größte Schulstandort in der Region. Ein Amokalarm wurde ausgelöst, alle Schulgebäude wurden geräumt und von einer Spezialeinheit der Polizei durchsucht (der TV berichtete). Erst nach Stunden kam die Entwarnung: Es ist ein Fehlalarm, es gibt keinen Amokläufer. Zuvor saßen Schüler in ihren Klassenzimmern, waren teils eingesperrt, wussten nicht, was draußen geschah. Sie sahen schwer bewaffnete Polizisten. Sie schickten übers Internet Nachrichten an besorgte Eltern und Freunde – bis es für sie die glückliche Auflösung gab, dass kein Amokläufer an der Schule unterwegs war.

Die Folgen: So wurde ein falscher Alarm zu einer Großübung, in deren Verlauf und späterer Analyse klar wurde, dass es im Berufsschulzentrum Trier gravierende Schwächen gibt. Schwächen, die eine schnelle und effektive Reaktion auf einen bewaffneten Gewalttäter in der Schule behindern oder sogar blockieren können. Schwächen, die dringend behoben werden müssen.
Das bestätigen Reinhold Hoffmann und Michael Müller, Leiter der Berufsschulen Wirtschaft sowie Gewerbe und Technik, im Gespräch mit dem TV. Martina Groß, Chefin der Berufsbildenden Schule für Ernährung, Hauswirtschaft und Sozialpflege, fehlte wegen eines wichtigen Termins. Alle drei Schulen und die in der Nachbarschaft liegende Ausonius-Grundschule waren von dem Fehlalarm betroffen.

Die Schulleiter: Beide Pädagogen sind nicht begeistert, eine Diskussion zu führen, die ihre Schulen in direkten Zusammenhang mit dem Alptraumthema Amok bringt. Dennoch stellen sie sich konsequent den Fragen des TV. „Absolute Sicherheit erreichen wir nie“, sagt Reinhold Hoffmann. „Aber wir können die größtmöglichen Vorbereitungen treffen.“

Erstes Problem: Einschließen der Klassen. Die Schüler sollen dem Zugriff eines möglichen Amokläufers sofort entzogen werden. „Die Regel sagt: Türen abschließen, verbarrikadieren, sich in die hinterste Ecke zurückziehen“, erläutert Hoffmann. Der Lehrer soll mit dabei sein – um eine Panik zu verhindern, durch die Schüler verletzt werden könnten, und um sie zu beruhigen und zu gewährleisten, dass sie leise sind und nicht die Aufmerksamkeit des Täters erregen.

Doch in Trier sind viele Klassen im November ohne ihre Lehrer eingeschlossen worden und waren zuerst einmal allein mit ihrer Angst und Verwirrung. Hoffmann und Müller bestreiten das nicht.

„Aber es ist in einem modernen Schulalltag nicht möglich oder wünschenswert, dass jede Klasse und Gruppe immer und zu jedem Zeitpunkt von einem Lehrer betreut wird“, sagt Michael Müller. Selbstständiges Arbeiten sei eine Selbstverständlichkeit. Deshalb könne nie garantiert werden, dass immer ein Lehrer als Betreuer da ist, wenn der Alarm ertönt. Hoffmann: „Wir können doch nicht alle Fortschritte eines modernen Unterrichts wegen eines Notfalls aufgeben, der bei uns hoffentlich nie eintritt.“ Dieses Problem bleibt offen.

Zweites Problem: Kommunikation. Seit fast zehn Jahren trainiert die Polizei Einsätze zur Abwehr von Amokläufen an Schulen. Einer der Grundsätze dieser Abwehr: Der Amokalarm an der Schule muss absolut unmissverständlich sein und klar die Botschaft tragen, dass ein Bewaffneter in der Schule ist und sich alle sofort in Sicherheit bringen müssen. Die Polizei hat dafür die Parole „Frau Koma kommt“ entwickelt.
Doch am Berufsschulzentrum Trier, das mit seinen Einzelgebäuden und Tausenden Schülern einen kleinen Campus im Stadtzentrum bildet, gibt es keine Alarmcodes wie „Frau Koma kommt“ und auch kein einheitliches Kommunikationssystem für alle Häuser. Jedes Gebäude müsste einzeln Alarm geben. So kann es viel zu lange dauern, bis jeder Schüler weiß, was los ist.

Drittes Problem: Übungen bisher nicht erwünscht. Ein Alarm hat dann Sinn, wenn die davon Betroffenen sofort und ohne Zögern und Verwirrung auf ihn reagieren können. Deshalb sind Feueralarme Standard an Schulen. Amokalarme dagegen nicht. „Jahrelang hieß es, dass Schulen solche Situationen nicht üben sollen, um keine Ängste und Traumata auszulösen“, sagt Reinhold Hoffmann. „Es ist ganz offensichtlich, dass wir solche Situationen in Zukunft üben müssen.“

Das wird sich ändern: Einheitliche Kommunikations- und Schließanlagen seien bereits bei der Stadt angefordert, sagt Michael Müller. Das Üben eines Amokalarms sei kein Tabu mehr und stehe auf dem Stundenplan, ergänzt Reinhold Hoffmann.

Das sagt das Land: Rainer Uhlendorf ist Leiter des Referats Berufsbildende Schulen bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier. „Das Thema Amoklauf ist bei der Schulleiterdienstbesprechung diskutiert und ausgewertet worden“, sagt er. „Außerdem sind alle kritischen Punkte in einem Gespräch der Schulleiter mit der ADD und der Polizei deutlich angesprochen worden.“

Die anderen Schulen: Die ADD hat keine allgemeingültigen Regeln aufgestellt, an die sich alle Schulen im Fall eines Amokalarms halten müssten. „Das würde auch keinen Sinn machen“, sagt Pressesprecherin Eveline Dziendziol. „Jede Schule ist schließlich ein individueller Fall.“ Außerdem wolle die Behörde keine „falsche Sicherheit“ suggerieren, betont Dziendziol. „Würde es ein solches Regelwerk geben, dann könnte der Eindruck entstehen, man müsse sich einfach nur strikt daran halten, um alles richtig zu machen und sicher zu sein.“

Das sagt die Polizei: Seit September leitet Norbert Hausen die Kriminaldirektion Trier. „Die Amokläufe von Erfurt, Emsdetten, Winnenden und Ansbach haben auch die Abläufe bei der Polizei verändert“, sagt der erfahrene Beamte. Vorher sei die Taktik angewandt worden, keine Eskalation zu provozieren, mit äußerster Vorsicht vorzugehen und die Kommunikation mit Tätern geschulten Experten zu überlassen. „Heute geht die Polizei mit dem Ziel rein, die Gefahr und damit den Amokläufer so schnell wie möglich auszuschalten.“

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