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Eine leidenschaftlich Überzeugte

Jenny Marx: Ehefrau, Gerechtigkeitsfanatikerin, politisch denkender Mensch - Ein Gastbeitrag von Marlene Ambrosi

Als geborene Jenny von Westphalen heiratete sie nicht nur den bürgerlichen Karl Marx entgegen den gesellschaftlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts, sondern sie unterstützte auch aus Überzeugung ein Leben lang seine revolutionären Aktivitäten. Jenny Marx‘ Alltag wurde von Widrigkeiten überschattet. Jahrzehntelang war ihr Leben von materieller Not geprägt - und Familienfreund Friedrich Engels rettete sie nicht nur einmal aus finanzieller Bedrängnis. Die Autorin Marlene Ambrosi hat jetzt ein neues Buch über die bekannte Triererin veröffentlicht. Für den Trierischen Volksfreund berichtet sie in diesem Gastbeitrag über ein Ereignis, das sich vor 172 Jahren zutrug: die Hochzeit von Jenny Marx mit Karl.

08.07.2015

Am 22. Juni 1843, vor genau 172 Jahren, erfuhren die Leser der "Trier’schen Zeitung" die interessante Neuigkeit:

"Ihre heute vollzogene Verbindung Zeigen an
Dr. Marx
Jenny Marx geb. von Westphalen
Kreuznach, den 19. Juni 1843"

Am 19. Juni hatten sich Jenny von Westphalen und Karl Marx in Kreuznach (dem heutigen Bad Kreuznach) das Jawort gegeben. In Trier war die Nachricht von der Vermählung durchaus von Interesse. Freunde und Bekannte von Jenny von Westphalen und Karl Marx hatten seit Jahren die Liaison zwischen dem "schönsten Mädchen von Trier", der "Ballkönigin" und Karl Marx verfolgt. Manche waren erstaunt, dass es überhaupt noch zu dieser Ehe kam. Denn sieben lange Jahre hatte die Braut warten müssen, bis sie zum Traualtar geführt wurde. Jenny von Westphalen wurde zweimal Frau Marx: zivilrechtlich und kirchlich. Nach den gesetzlichen Vorschriften wurde sie mit ihrer Heirat eine Bürgerliche, aber sie nahm aus Liebe den Standesverlust in Kauf. Heute hätte sie sich Frau von Westphalen-Marx nennen können. Und Karl Marx wäre vielleicht in die Geschichte als Karl von Westphalen eingegangen!

Eine Liebe in Trier


Jenny von Westphalen trug bei der zivilrechtlichen Trauung ein grünes Kleid und einen rosafarbenen Blumenstrauß. Ob sie ganz in Weiß mit Karl Marx zum Traualtar schritt, ist nicht belegt. Zu den Hochzeitsgästen zählten neben Mutter Caroline von Westphalen und Bruder Edgar die Trauzeugen und einige Freundinnen. Von der Familie Marx war niemand anwesend, aber Mutter Henriette Marx hatte ihr Einverständnis im Januar in Trier gegeben. Nach den Feierlichkeiten startete das junge Ehepaar ganz traditionell in die Flitterwochen. "Wir reisten von Kreuznach über die Ebernburg nach der Rheinpfalz und kehrten über Baden-Baden nach Kreuznach zurück", notierte Frau Marx in ihren Lebenserinnerungen.
Das Paar hatte sich in Trier, seit 1822 Mittelpunkt eines Regierungsbezirkes in der preußischen Rheinprovinz, kennengelernt. Hier lebte Jenny, gebürtig in Salzwedel in der Altmark, seit ihrem zweiten Lebensjahr. Die Väter und die Kinder aus den Familien von Westphalen und Marx waren eng miteinander befreundet. Karl Marx fand in Ludwig von Westphalen einen Mentor und ging als Schüler im Hause von Westphalen täglich ein und aus; spätestens seit 1834/1835 nicht nur wegen der Diskussionen mit seinem väterlichen Freund, sondern auch wegen der intelligenten, charmanten und schönen Jenny.
Diese erkannte nach einer gescheiterten Verlobung mit einem wenig geistvollen preußischen Leutnant, dass sie sich nur ein Leben an der Seite eines intellektuellen freiheitlich Gesinnten vorstellen konnte - und ein solcher war Karl Marx.

Glücklicher Schwiegervater


Sie verlobten sich heimlich im Herbst 1836. Im April 1837 machte der 18-jährige Karl bei Ludwig von Westphalen seine Aufwartung. Jennys Vater schrieb seinem ältesten Sohn Ferdinand aus erster Ehe, dass er sich "über den herrlichen, herrlichen ...Sohn", "den bewunderswerten Sohn" freue. Aus seiner Sicht würden Jenny und Karl "ein sehr, sehr glückliches Ehepaar" werden.
Aber der Vater sprach auch von schwierigen Anfangsjahren für das junge Paar. Er befürchtete, dass Karl Marx nicht wie Vater und Brüder eine juristische Karriere im preußischen Staat anstreben würde. Aber seine Tochter Jenny, die sich dem "Jungen Deutschland", einer kritischen literarischen Bewegung, zugehörig fühlte, unterstützte Karls oppositionelle Einstellung.
Ein Enkel ihrer Halbschwester Lisette von Krosigk gab später wieder, was man über Jenny in seiner Familie dachte: "Jenny sei ein schwer zu lenkendes Mädchen mit einem Gerechtigkeitsgefühl gewesen, das zu leidenschaftlichen Ausbrüchen führen konnte ... Sie habe sich als Vertreterin des "Jungen Deutschland" auf die Seite der Radikalen gestellt ... Mit der leidenschaftlichen Überzeugungstreue der Frau, der Jugend und der revolutionären Politikerin habe sie das Hinterwäldlertum der bürgerlichen Welt gegeißelt. Sie habe nicht nur durch ihre märtyrerhafte Überzeugung und die Reinheit ihrer Leidenschaft für sich eingenommen, sondern auch, weil ihr "um der Gerechtigkeit und Liebe willen das Los der vom Schicksal Betrogenen, der Proletarier, naheging."
Karl Marx beendete 1842 sein Studium mit einem Doktorexamen in Philosophie. Als sich seine akademische Karriere wegen der immer restriktiveren preußischen Kulturpolitik zerschlug, fand er als politischer Journalist seine Berufung. "Nun mengelierst Du Dich gar noch in die Politik. Das ist ja das Halsbrecherischste", warnte seine Braut. Aber sie wusste, dass der Lebensplan ihres zukünftigen Mannes die Grundlage für ihren gemeinsamen Lebensweg war. Mit ihrem Jawort am 19. Juni 1843 teilte Frau Jenny Marx das Schicksal von Karl Marx.
Extra
Marlene Ambrosi studierte Germanistik und Geschichtswissenschaften an der Universität Konstanz und unterrichtete Deutsch und Geschichte in Baden-Württemberg, Berlin und Rheinland-Pfalz. In Trier, der Heimatstadt von Jenny Marx und Karl Marx, lebte sie von 1993 bis 2010; seitdem beschäftigt sie sich mit Jenny von Westphalen, der Ehefrau von Karl Marx. Ihr Buch ist im Verlag Weyand erschienen: Marlene Ambrosi, Jenny Marx | 480 Seiten | 35 Abbildungen | gebunden |ISBN 978-3-942 429-09-2, 19,95 Euro