region/trier

Fall Tanja Gräff: Letzte Zweifel bleiben

(Trier) Nach zehn Jahren stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zum rätselhaften Verschwinden und Tod der Trierer Studentin ein. Dabei sind längst nicht alle Fragen geklärt. Dossier zum Thema: Tanja Gräff

28.06.2017
Rolf Seydewitz
Die beiden entscheidenden Sätze sagt Triers Leitender Oberstaatsanwalt Peter Fritzen gleich zu Beginn der Pressekonferenz: Die Ermittlungen im Fall Tanja Gräff hätten keine belastbaren Hinweise ergeben, dass die 21-jährige Studentin einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sei. Und: Das Verfahren wegen Verdachts eines Tötungsdelikts sei am vergangenen Donnerstag eingestellt worden. 

Damit ziehen die Ermittler nach zehn Jahren einen Schlussstrich unter ein Verfahren, das in seiner Dimension und Dauer zumindest in der Region beispiellos ist. 

Tanja Gräff war Anfang Juni 2007 nach einem Besuch des Sommerfests der Hochschule unter mysteriösen Umständen verschwunden. Trotz großangelegter Suchaktionen wurden die sterblichen Überreste der 21-Jährigen erst im Mai 2015 durch Zufall entdeckt – am Fuß der Roten Felsen im Trierer Stadtteil Pallien, unweit der Hochschule. Die Studentin starb nach Ansicht der Rechtsmediziner in der Nacht ihres Verschwindens an den Folgen eines Sturzes in die Tiefe. Aber warum soll Tanja Gräff vom Sommerfest durch den Wald alleine auf den Felsenweg gegangen sein? Und wie kam es schließlich zu dem tödlichen Absturz? Fragen, auf die auch die Ermittler keine definitiven Antworten haben, wie der Leitende Oberstaatsanwalt am Mittwoch einräumt. 

Dafür zitiert Peter Fritzen das Gutachten einer Psychologin des Landeskriminalamts, in dem steht, dass sich Tanja in jener Nacht in einem „psychisch labilen Zustand befunden haben dürfte“. Der Grund: Ein Kommilitone, in den sich Tanja offenbar kurz zuvor verguckt hatte, habe es vorgezogen, den Abend lieber mit Freunden ausklingen zu lassen. Mit dem jungen Mann, der zu diesem Zeitpunkt schon wieder in der Trierer Innenstadt war, hatte Tanja in der Nacht ihres Verschwindens um 4.13 Uhr noch telefoniert. Es war ihr letztes Lebenszeichen. War sie so geknickt und alkoholisiert, dass sie zu dem beliebten Aussichtspunkt auf den Roten Felsen ging und die Gefahr unterschätzte, wie es die Psychologin für denkbar hält?

„Schwachsinn. Das sind lebensfremde Schlussfolgerungen“, meint Rechtsanwalt Detlef Böhm, der die Interessen von Tanjas Mutter Waltraud vertritt. Tanjas Vater starb 2013, erlebte nicht mehr mit, dass die Leiche seiner Tochter gefunden wurde. 

Böhm bezeichnete nach der von ihm vor Ort mitverfolgten Pressekonferenz die Einstellung des Verfahrens als „nicht nachvollziehbar“. Aus seiner Sicht seien die Ermittlungen nach dem Auffinden der sterblichen Überreste zu sehr in Richtung Unfallthese geführt worden. Es gebe ausreichend Anhaltspunkte, die dafür sprächen, dass Tanja auch einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Tanjas Mutter lebe weiter mit der Ungewissheit, was in jener Nacht tatsächlich passiert sei. Auf Nachfrage unserer Zeitung sagte der Trierer Rechtsanwalt, er werde keine Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen einlegen.

Unwahrscheinlich, aber nicht ganz ausgeschlossen, dass die Ermittlungen in dem Fall eines Tages wieder aufgenommen werden könnten – „wenn gravierende neue Hinweise kommen“, so der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt.
Info: 2200 Hinweise im Fall Gräff
Die Ermittlungen im Fall Tanja Gräff füllen bei der Trierer Kriminalpolizei inzwischen über 200 Aktenordner. Im Laufe der Jahre gingen über 2200 Hinweise ein, mehr als 850 Spuren wurden überprüft.