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Hitlers langer Schatten

Die Stadt Trier will ihrem einstigen Ehrenbürger Adolf Hitler nach 77 Jahren die Ehrenbürgerwürde posthum entziehen. Für eine entsprechende Initiative von OB Klaus Jensen zeichnet sich eine Mehrheit ab. Bislang waren entsprechende Vorstöße an formalen Einwänden gescheitert.

23.08.2010
Von unserem Redakteur Dieter Lintz Von Dieter Lintz
Trier. Ein Gespenst aus der Vergangenheit taucht diese Woche im städtischen Steuerungsausschuss auf: Die Ehrenbürgerwürde für Adolf Hitler. Am 19. April, keine drei Monate nach der Machtergreifung, hatte sich Trier bei den vielen Städten eingereiht, die dem "Führer" besondere Ehren zukommen ließen - und zwar einstimmig, in einem von Linken "gesäuberten" Stadtrat. 1938 wurde auch Nazi-Bildungsminister Bernhard Rust zum Ehrenbürger ernannt.
 
Geht es nach OB Jensen, dann erkennt der Stadtrat den Nazi-Verbrechern ihre Ehrenbürgerschaft nachträglich ab. "Das sind wir den Opfern des Nazi-Terrors schuldig", sagt das Stadtoberhaupt. Ein solcher "unmissverständlicher und für alle nachvollziehbarer Schritt" sei notwendig.
 
Entsprechende Diskussionen hatte es in Trier mehrfach gegeben, aber sie waren stets an der Rechtsauffassung gescheitert, die Ehrenbürgerwürde (die von der Stadt seit 1858 zwanzig Mal verliehen wurde) sei mit dem Tod erloschen und eine nachträgliche Aberkennung nicht möglich. 1979 führte ein SPD-Vorstoß zu heftigen Diskussionen (siehe Extra). Eine Phalanx aus öffentlicher und veröffentlichter Meinung sorgte seinerzeit dafür, dass das Thema wieder in der Versenkung verschwand.
 
Später erklärte der langjährige Oberbürgermeister Helmut Schröer mehrfach an exponierter Stelle, aus Sicht der Stadt hätten Hitler und Rust die Ehrenbürgerschaft unabhängig von Formalien "durch ihr verbrecherisches und würdeloses Handeln verwirkt".
 
Sein Nachfolger an der Stadtspitze empfindet das als "unzureichende, rein formale Einordnung". Der von ihm vorgeschlagene "demonstrative Schritt" sei "längst überfällig, aber nicht zu spät".
 

CDU: Zustimmung ohne Begeisterung


 
Dem Jensen-Vorschlag scheint eine breite Mehrheit sicher. Sogar die CDU signalisiert Zustimmung, wenn auch recht verhalten: "Wenn die Geschichte damit endgültig erledigt ist, dann in Gottes Namen", sagt Fraktions-Chef Bertrand Adams. Die Christdemokraten haben lediglich darauf bestanden, dass der Akt in der Vorlage als Absage an jede Form von Extremismus (und nicht, wie ursprünglich vorgeschlagen, nur gegen Rechtsextremismus) definiert wird.
 
Der FDP-Fraktionsvorsitzende Karl-Josef Gilles hält die Initiative im Grunde für "überflüssig". Sie wirbele unnötig Staub auf, mache eine Figur wie Bernhard Rust überhaupt erst wieder bekannt und komme im Übrigen "viel zu spät". Wie seine Fraktion letztlich abstimmt, weiß Gilles freilich noch nicht. Man will die Beratungen abwarten. FWG-Sprecherin Christiane Probst steht dem Vorschlag "grundsätzlich positiv" gegenüber, will aber noch einige Sachfragen klären.
 
Ein Herzensanliegen ist der Antrag SPD und Grünen. Es sei "nur ein Symbol, aber auch ein Signal gegen Extremismus allgemein und gegen Rechts im Besonderen", sagen SPD-Vormann Sven Teuber und sein Grünen-Kollege Gerd Dahm.
 

Meinung

 
Thema verjährt?
 
Es ist eine späte Genugtuung für Christoph Grimm und die Diskutanten von 1979: Was damals nicht möglich war - eine rationale Auseinandersetzung mit der Trierer Nazi-Vergangenheit - scheint heute machbar. Wenn der Stadtrat Hitler und Rust die Ehrenbürgerwürde entzieht, dann sagt er damit auch: Die Verleihung im Jahr 1933 durch einen mehrheitlich nicht mit Nazis besetzten Stadtrat war Unrecht. Das geht über die Position, Hitler und Rust hätten die Ehrenbürgerschaft quasi "von selbst" verwirkt, hinaus. Die Urenkel stellen sich der Verantwortung ihrer Ahnen. Und sie nehmen Abschied von der Lebenslüge, Trier sei keine Nazi-Stadt gewesen. Das ist politisch und historisch richtig so. Ob es heute noch Sinn hat, ist eine andere Frage. Denn der Antrag ist nicht Folge bürgerschaftlicher Diskussionen, sondern Resultat einer kuriosen Motivationsmischung im Stadtrat: Die einen wollen einen seit langem offenstehenden Punkt abhaken, und den anderen ist es nicht wichtig genug, um sich darum zu streiten. Wenn aber am Ende nur eine Fußnote steht, die gleich wieder vergessen wird, dann wäre das dem Thema nicht angemessen. Man darf gespannt sein, ob die bislang geheime Ratsvorlage Vorschläge enthält, wie man das Thema "Trier und die Nazis" den Menschen, vor allem den jüngeren, nahe bringt. Und damit der Sache Sinn verleiht. d.lintz@volksfreund.de

Extra

Als der SPD-Politiker Christoph Grimm 1979 die Aberkennung der Hitler-Ehrenbürgerwürde forderte, schlug ihm Entrüstung entgegen. Dabei ging es bei der Diskussion weniger um die Person Hitler, als um die Frage des angemessenen Umgangs mit der Vergangenheit. Die Trierer hätten es nicht nötig, sich 34 Jahre nach Kriegsende zu entnazifizieren, schimpfte TV-Lokalchef Norbert Kohler. Und der damalige OB Carl-Ludwig Wagner wusch die 1933 amtierenden Stadtoberen um den Zentrums-Politiker Heinrich Weitz von Schuld rein, indem er erklärte, die Ernennung Hitlers sei "nur durch erpresserischen Druck zustande gekommen". Historiker weisen heute darauf hin, dass Weitz ein begeistertes Plädoyer für Hitler gehalten habe. Auch der frühe Zeitpunkt kurz nach der Machtergreifung deute nicht auf eine erzwungene Handlung hin. (DiL)