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Im Wartesaal der Hoffnung: Trierer helfen Flüchtlingen in der französischen Küstenstadt Calais

Kathrin Schug hat mit Trier ohne Grenzen Flüchtlinge im französischen Calais unterstützt und schildert ihre Eindrücke im TV

(Trier/Luxemburg/Calais) Die Gruppe Trier ohne Grenzen ist über den Jahreswechsel in den französischen Küstenort Calais gefahren, um dort Freiwilligenarbeit zu leisten. In dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Camp sind Geflüchtete aus aller Welt gestrandet, die einen Weg nach Großbritannien suchen. Kathrin Schug aus Trier gehörte zu den Teilnehmern der Reise. In diesem Beitrag hat sie ihre ganz persönlichen Erlebnisse aufgeschrieben - und schildert ihre Eindrücke einer Reise zwischen Hoffnung und Wut.

12.01.2016
Straßen aus Erde, die sich im Regen in knöcheltiefen Matsch verwandeln. Zerrissene Zelte, Müll und Kinder, die in Sandalen durch die kalten Pfützen laufen. Über allem der stechende Geruch der nahe gelegenen Chemiefabrik. Aber auch: Offenheit und Gastfreundschaft, Einladungen zum Tee in windschiefen Hütten, Menschen, die auch inmitten eines menschenunwürdigen Umfelds das Lachen nicht verlernt haben.

Noch am ersten Weihnachtsfeiertag, am Vorabend unserer Abreise, wusste niemand aus unserer Gruppe, was genau uns in Calais erwarten würde - trotz der unzähligen Artikel, Videos und Augenzeugenberichte, die wir im Vorfeld unserer Reise gesichtet hatten. Die Gruppe von Freiwilligen aus Trier und Luxemburg hatte erst wenige Wochen zuvor zusammengefunden: Techniker, Studierende, Mediziner, Angestellte, Psychologen - die beruflichen Hintergründe waren ebenso breit gefächert wie die Altersstruktur, die von Anfang 20 bis über 60 reichte.

Humanitäre Katastrophe


Eine vielfältige Gruppe mit der gemeinsamen Idee, die freien Tage zwischen den Jahren zu nutzen, um Menschen zu unterstützen, die in Europa auf der Flucht sind. Die Wahl fiel auf den französischen Küstenort Calais, wo rund 6000 Menschen - Männer, Frauen und Kinder - täglich auf ihre Gelegenheit warten, über Fähren oder durch den Eurotunnel nach Großbritannien zu gelangen. Eine Hoffnung, die oftmals mit dem Leben bezahlt wird. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in Calais aktuell eine humanitäre Katastrophe mitten in Europa stattfindet.

"Jungle" - mit diesem Wort hat man die Siedlung in den Dünen bedacht. Seit über 15 Jahren siedeln hier Flüchtlinge und Asylsuchende mit dem Ziel Großbritannien. Der französische Staat hat der britischen Regierung die Zusage gegeben, die Geflüchteten von der Insel fernzuhalten. Mehrfach hat die französische Regierung das Camp mit Planierraupen dem Erdboden gleichgemacht, Bewohner des Camps berichteten uns von regelmäßigen, willkürlichen Tränengasattacken durch die französische Polizei. Die Schienen und Straßen in Richtung des Eurotunnels sind ein Hochsicherheitstrakt aus meterhohen Zäunen, gekrönt von rasiermesserscharfem Nato-Stacheldraht.

Freiwillige aus der ganzen Welt


Kein Staat ist im Camp vertreten, wenige Hilfsorganisationen leisten eine lückenhafte medizinische Versorgung - davon abgesehen sind die Menschen weitgehend sich selbst überlassen. Unterstützung erhalten sie von organisierten Freiwilligen aus Europa und der ganzen Welt, die sich hauptsächlich über soziale Medien vernetzen und organisieren.
Während unseres einwöchigen Aufenthalts haben wir mit der Organisation L’Auberge des Migrants gearbeitet, die Freiwillige in ihrer Arbeit koordiniert: Täglich haben wir Kleiderspenden sortiert, in der Küche ausgeholfen, die täglich 1500 Essen in das Camp liefert oder in der Werkstatt Holzhütten aus Europaletten und Holzplatten gebaut, die zumindest minimalen Schutz vor Wind und Wetter bieten. Zwei mitreisende Mediziner leisteten erste Hilfe im Camp.
Essen, Kleidung, medizinische Versorgung - es sind die Grundbedürfnisse menschlichen Lebens, die durch engagierte Freiwilligenarbeit zumindest notdürftig versorgt werden können. Darüber hinaus macht sich niemand Illusionen: Die Situation an sich ist eine politische Krise, die auf politischer Ebene gelöst werden muss. Bis dahin leisten Freiwillige aus der ganzen Welt, wofür sich sonst niemand verantwortlich fühlt.

Die Rückkehr nach Trier ist niemanden aus unserer Gruppe leichtgefallen. Aktuell stehen wir weiterhin mit Calais in Kontakt. Die Nachrichten, die uns erreichen, sind allerdings alles andere als beruhigend: Ein dringender Aufruf fragt verzweifelt nach Ärzten, um die zahlreichen Opfer einer nächtlichen Tränengasattacke durch die französische Polizei zu behandeln; die Freiwilligenküche schlägt Alarm, dass ohne Geldspenden die Lebensmittelversorgung nicht aufrechterhalten werden kann; Regen und Unwetter sollen die Zelte im vorwiegend von Familien bewohnten Camp in Dünkirchen zerstört haben. Wenn strenger Frost einsetzt, ist es eine Frage der Zeit, bis Menschen erfrieren.

Hilfe von Freunden und Fremden


Ermöglicht wurde unsere Fahrt durch die Solidarität und Unterstützung, die wir im Vorfeld von Verwandten, Freunden und Kollegen, aber auch von uns persönlich Unbekannten erhalten haben, die mit Geld und Sachspenden geholfen haben. Diese Erfahrung, ebenso wie die gemeinsame Arbeit mit den Freiwilligen in Calais, waren die wichtigste Antwort auf die Wut und Frustration, die wir angesichts der Zustände oftmals empfunden haben. Es sind viele, die helfen. Und die vielen machen einen Unterschied.
Extra
Die Gruppe Trier ohne Grenzen steht in direktem Kontakt mit der Hilfsorganisation L’Auberge des Migrants in Calais und kann Spenden ohne Abzug weiterleiten. Aktuell werden Geldspenden zur Versorgung mit Lebensmitteln benötigt. Spenden können auf das Konto des Exzellenzhaus e.V. überwiesen werden, Spendenquittungen sind möglich. Kontoinhaber: Exzellenzhaus e.V. Trier Sparkasse Trier, IBAN: DE82585501300000978213, BIC: TRISDE55 Stichwort: Trier ohne Grenzen

 

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