region/trier

„Integration bedeutet voneinander lernen“: Bundesverdienstkreuz Thomas Zuche aus Trier

(Trier) Für sein Engagement in der Friedensarbeit ist der Trierer Thomas Zuche mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden (der TV berichtete). TV-Redakteurin Christiane Wolff hat mit dem Ehrenamtskoordinator im Projekt „Flucht und Asyl“ des Landkreises Trier-Saarburg darüber gesprochen, wie Integration gelingen kann und warum rechtspopulistische Kräfte Zulauf haben.

15.02.2016
Christiane Wolff

Thomas Zuche kann sich an die Erzählungen seiner Mutter erinnern, die erlebt hatte, wie in der Nazi-Zeit nach und nach die behinderten Menschen aus dem Trierer Stadtbild verschwanden. Sein Vater hatte noch den Bus gesehen, mit dem die letzten „Insassen“ der so genannten „Irrenanstalt“ – dem damaligen Trierer Brüderkrankenhaus – abtransportiert worden waren. Zeit seines Lebens hat Zuche sich für Frieden und Menschlichkeit eingesetzt – und schon lange vor der aktuellen Flüchtlingskrise für die Integration von Zuwanderern.

Herr Zuche, was bedeutet für Sie Integration?
Zuche: Beide Seiten können voneinander lernen. Wir müssen den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, die Inhalte unseres Grundgesetzes – Menschenrechte, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit – möglichst früh in Sprach- und Integrationskursen vermitteln. Was Integration allerdings nicht bedeutet ist, dass die Flüchtlinge unsere Kultur, unsere Werten und unsere gesellschaftlichen Gebräuche komplett übernehmen müssen. Wir können diese Menschen nicht assimilieren! Vielmehr wird ein offenes Aufeinanderzugehen nötig sein – das durchaus positive Effekte für unsere Gesellschaft haben kann. Viele Ehrenamtliche haben mir zum Beispiel berichtet, wie überwältigt sie von der Höflichkeit, Freundlichkeit und dem Familiensinn vieler Flüchtlinge sind. Im Gegenzug sind viele Asylbewerber überrascht, wie grob wir Deutschen zum Teil miteinander umgehen oder wie wir unsere Alten und Kranken in Pflegeheimen unterbringen. Da könnte es durchaus positiv für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft sein, wenn wir auch Werte von den Flüchtlinge übernehmen würden. Die Integration der Flüchtlinge könnte auch mit sich bringen, dass unterfinanzierte Bereiche unserer Gesellschaft wieder besser finanziell ausgestattet werden – zum Beispiel Schulen, Polizei, Gesundheitswesen, sozialer Wohnungsbau. Das käme dann ebenfalls allen zugute!

Paris, Istanbul, Köln: Haben die Anschläge und die Silvesternacht die Stimmung bei den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern verändert?
Zuche: Eine Frau hat mir erzählt, dass sie kurz nach Silvester in Trier alleine durch eine dunkle Unterführung gegangen ist und ihr plötzlich sechs junge Männer – offenbar Flüchtlinge – entgegenkamen. Da habe sie Angst gehabt – und sich hinterher geärgert, dass dieses irrationale Gefühl von ihr Besitz ergriffen hat. Es ist verständlich, dass Berichte über sexuelle Übergriffe Angst auslösen. Die Ehrenamtlichen, mit denen ich darüber gesprochen habe, waren sich aber alle einig, dass Asylsuchende nicht unter Generalverdacht gestellt werden dürfen. Dass sich nach den Vorkommnissen in der Kölner Silvesternacht Ehrenamtliche zurückgezogen haben, habe ich nicht erfahren.

Erleben Sie denn außerhalb des Kreises derer, die sich aktiv an der Flüchtlingshilfe beteiligen, dass die Stimmung kippt?
Zuche: Viele Bürger haben tatsächlich Sorge um die Zukunft unseres Landes, zum Beispiel, weil sie befürchten, dass nach den großen finanziellen Aufwendungen für Flüchtlinge kein Geld mehr für die bisherige Unterstützung von sozial Schwachen, Kranken oder Alten übrigbleibt. Ich kann dazu nur sagen: Die Caritas, bei der ich angestellt bin, hat weder Gelder noch Personal gekürzt. Nächstenliebe und Verständnis für die Situation der Flüchtlinge überwieg aber bei den meisten Bürgern weiterhin. Dass die Stimmung gekippt ist, sehe ich nicht.

Und wie erklären Sie sich dann den großen Zulauf zur rechtspopulistischen und flüchtlingsfeindlichen AFD, die nach neusten Umfragen bei der Landtagswahl drittstärkste Partei werden könnte?
Zuche: Die menschenfeindlichen, rassistischen und anti-demokratischen Einstellungen, die zurzeit hochkochen, haben schon lange in unserer Gesellschaft geschlummert. Ein Netzwerk aus AFD, intellektuellen Rechten, Pegida bis hin zur NPD und anderen Nazis macht sich das jetzt zunutze – ein verheerendes Phänomen! Aber die Republik wird daran nicht zugrunde gehen. Die Zahl der Demokraten ist weit höher als die der Antidemokraten. Wichtig ist jetzt allerdings, dass wir für unsere Demokratie und ihre Werte auch eintreten und uns dafür stark machen, privat und öffentlich!

Andere bewerten die Situation negativer und sagen, wer sich immer schon gefragt hat, wie die Nazis 1933 an die Macht kommen konnten, kann ein solches Phänomen derzeit in Zeitraffer beobachten.
Zuche: In der Weimarer Republik war Deutschland eine Demokratie ohne Demokraten. Das ist heute anders. Einiges ist allerdings tatsächlich ähnlich: rechte Demonstrationen auf der Straße wie von Pegida und AFD, Vertrauensverluste in die Politik, Anfeindungen gegen die Medien. Dazu Begriffe wie „Vaterlandsverräter“ und „Lügenpresse“, die auch genauso von den Nazis verwendet wurden. Das sind alles sehr bedenkliche Entwicklungen.
Zur Person
Thomas Zuche ist 56 Jahre alt und seit dem Sommer Ehrenamtskoordinator im Projekt Flucht und Asyl des Landkreises Trier-Saarburg und der Caritas. In der Verbandsgemeinde Konz ist er für die Qualifizierung und den Einsatz der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer zuständig. Vorher war der studierte Politikwissenschaftler und Theologe mehr als 15 Jahre in Saarburg mit dem Thema Integration befasst. Seit seiner Jugend engagiert sich Zuche zudem in der Friedensarbeit und in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit für die Opfer des Nationalsozialismus. Zuche gehörte 1978 zu den Mitorganisatoren der ersten Friedenswoche in Trier, war Mitbegründer der AG Frieden Trier und in dieser als Friedensarbeiter tätig, er initiierte zusammen mit Thomas Schnitzler die Stolperstein-Aktion in Trier (Gedenksteine im öffentlichen Straßenpflaster als Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus). Regelmäßig lädt Zuche zu Stadtführungen ein, um Menschen die lokale Geschichte von 1933 bis 1945 an historischen Orten ins Bewusstsein zu rufen. In Rheinland-Pfalz war Zuche in den 1980er-Jahren als Mitorganisator eines Gottesdienstes vor der US-Air-Base Bitburg in die Datei des Innenministeriums zur präventiven Spurensicherung vor Anschlägen gelandet. In der DDR war die Akte des Ministeriums für Staatssicherheit über Zuches Engagement für die Städtepartnerschaft Trier-Weimar 200 Seiten dick. „Dass jemand wie ich heute durch den Bundespräsidenten mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wird, empfinde ich auch als Signal, wie sich Staat und Gesellschaft seit den späten 1970er Jahren – zumindest in Teilen – zum Positiven verändert haben.“

Empfehlungen

Kommentare