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Philosophin Natalie Knapp bietet beim Empfang des Evangelischen Kirchenkreises überraschende Erkenntnisse

(Trier) Unsicherheit ist nicht bloß ein unangenehmes, störendes Gefühl, sondern erfüllt eine wichtige Funktion. Diese Sicht hat Natalie Knapp in einem Vortrag in der Konstantin-Basilika mit zahlreichen Argumenten begründet. Der Evangelische Kirchenkreis Trier hatte die Philosophin zu Beginn des neuen Schuljahrs um einen pädagogischen Impuls gebeten.

14.09.2016
Martin Recktenwald
Sicher erschien das Publikum zunächst noch nicht, als Natalie Knapp mit einer These in den Vortrag einstieg: "Ich denke, dass die Bildung der Zukunft davon abhängen wird, die Unsicherheit mit einzubeziehen." In einem angenommenen Gerichtsprozess führte sie als "Anwältin der Unsicherheit" aber überzeugend ins Feld, welche positiven Aspekte mit diesem Gefühl verbunden sind. Nicht weniger als Hoffnung, freier Wille, Kreativität und gar das Leben selbst seien ohne sie nicht vorstellbar.

"Zu Gericht" saßen in der Evangelischen Kirche zum Erlöser zahlreiche Lehrerinnen, Erzieher und weitere pädagogisch Interessierte aus der Region Trier. Sie waren der Einladung zum Neujahrsempfang des Kirchenkreises gefolgt - seit 1999 findet dieser alljährlich zum Start des Schuljahres statt.

"Mit der Unsicherheit Freundschaft schließen. Emotionale Bildung in unsicheren Zeiten", lautete diesmal das Thema.

Hoffnung wäre aus Knapps Sicht das erste Opfer einer Verbannung der Unsicherheit. Um totale Sicherheit zu erlangen, müssten wir die Zukunft kennen. "Um aber die Zukunft zu kennen, müsste sie feststehen", setzte sie die Kette fort. Hoffnung auf das Eintreten eines unwahrscheinlichen Ereignisses wäre in einer solchen Welt aber sinnlos.

Aus der gleichen Logik heraus steht auch der freie Wille auf dem Spiel. "Jeder Mensch ist in der Lage, Dinge zu tun, die niemand erwartet hat, und somit die Zukunft zu beeinflussen", meinte die Philosophin. Niemand, vielleicht nicht einmal sie selbst, habe mit Angela Merkels Handeln in der Flüchtlingspolitik im vergangenen Jahr gerechnet. Eine große Entscheidung, die enorme gesellschaftliche Folgen in ganz Europa nach sich ziehe. Doch wir alle hätten die Möglichkeit auch durch kleine Schritte Einfluss auszuüben. Ein gesellschaftliches Klima setze sich zusammen aus sehr vielen, vielleicht zunächst unbedeutend erscheinenden Einzelentscheidungen.

Unsicherheit und das sie hervorrufende Element des Zufalls seien untrennbar mit der gesamten Existenz verbunden. Selbst die Quantenphysik kenne den Begriff des "objektiven Zufalls": Das Verhalten eines Atoms ist letztlich nicht vorherbestimmt. Die daraus entstehende schöpferische Kraft erscheint grenzenlos. Jedes Lebewesen, selbst eine einzelne Zelle, ist bemüht, die Sicherheit seiner Form ständig zu erhalten. Möglich ist dies aber nur durch den unsicheren Austausch mit der Umwelt. Atmung und Essen sind Beispiele für wechselseitige Aufnahmen körperfremder Stoffe und das Abgeben eigener Elemente nach außen.

Demzufolge sei Unsicherheit ein Gefühl, das uns hilft, einen wesentlichen Teil der Realität zu erfassen. "Sie sagt uns, dass hier etwas ist, mit dem wir uns nicht auskennen und wir nicht wissen, wie angemessen zu handeln ist", erläuterte Knapp. Vorsichtiges, überlegtes Handeln sei die natürliche und erfolgversprechende Antwort. Dies erschließe dann oft unerwartete, neue Perspektiven und Chancen. Gefahr droht allerdings durch die leicht mögliche Verwechslung von Unsicherheit und Angst. Denn Angst sei eine körpereigene Reaktion auf lebensbedrohliche Situationen und dränge deshalb zu schnellen, instinktiven Aktionen. Schnellschüsse helfen aber gegen die zur Vorsicht mahnende Unsicherheit gerade nicht.