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"Rassismus ist überall"

Zwei Trierer kämpfen gegen Fremdenfeindlichkeit - Mutter aus Nigeria fühlt sich als Opfer

(Trier) Rassismus ist nicht immer aggressiv und brutal. Er kann auch leise, nebenbei und alltäglich wirken und tiefe Wunden verursachen. Doch es gibt Hilfe: Markus Pflüger und Nicola Rosendahl treten auf vielen Ebenen gegen Fremdenfeindlichkeit und Extremismus an.

18.09.2014
Jörg Pistorius
Trier. "Ihr Sohn kann aber gut Deutsch." Es scheint Mary (Name geändert) regelrecht peinlich zu sein, darüber zu sprechen, wie sehr sie Sätze wie dieser immer wieder treffen. "Die Frau hat es ja wahrscheinlich sogar gut gemeint. Sehr oft sind die beiläufigen Bemerkungen gehässiger", sagt die 42-jährige Mutter aus Nigeria, deren drei Kinder in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Heute lebt die Familie in Trier.
Mary hat sich in der TV-Redaktion gemeldet, um über alltäglichen Rassismus zu sprechen. Motiviert wurde sie, wie sie sagt, durch den Artikel "Geschockt, entsetzt, machtlos" vom 3. September, in dem eine deutsch-amerikanische Familie über einen rassistisch motivierten lebensgefährlichen Angriff spricht. "Ich fühle mit dieser Familie", sagt Mary. "Uns hat zum Glück niemand angegriffen, aber dieses latente Misstrauen und die reflexartige Distanz gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe kann ich absolut bestätigen."
Marys Sohn Tom ist 21 Jahre alt. "Versuchen Sie mal bitte, als Mensch mit dunkler Hautfarbe in den Trierer Clubs auszugehen und an den Türstehern vorbeizukommen." Er schüttelt den Kopf, pure Resignation. "Oft heißt es einfach: Nein, du nicht." Eher ein Luxusproblem, sagt Tom, "aber es trifft dich doch". Marys Erzählungen sind Momentaufnahmen.
Eine Mutter, die ihre kleine Tochter im Bus wegzieht, als Mary mit ihren Kindern einsteigt. Zwei alte Frauen, die in der Schlange beim Einkaufen tuscheln "Die sind jetzt wirklich überall." Ihr Fazit: "Ich habe so lange dagegen angekämpft, nicht verbittert zu sein. Aber es ist schwer. Rassismus ist überall zu finden, und vielen Menschen ist es gar nicht bewusst, dass sie so denken und handeln."
Markus Pflüger und Nicola Rosendahl kennen Fälle wie diesen. Pflüger repräsentiert die Arbeitsgemeinschaft Frieden, einen 1979 gegründeten Verein, dessen Mitglieder sich politisch und persönlich gegen Rechtsextremismus und Rassismus einsetzen. Rosendahl ist Sprecherin des Vereins Für ein buntes Trier, gemeinsam gegen rechts, dessen Vorsitzender Triers Oberbürgermeister Klaus Jensen ist. Im Team bilden Rosendahl und Pflüger den Trie rer Knoten im Beratungsnetzwerk Rechtsextremismus in Rheinland-Pfalz.
"Es handelt sich dabei um ein Bundesprogramm", erläutert Pflüger. Das Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus ist ein Zusammenschluss von Repräsentanten staatlicher und ziviler Institutionen. Einzelne Mitglieder dieses Netzwerks bilden einen Beratungsknoten. Pflüger und Rosendahl bieten 15 Stunden Beratung und Prävention pro Woche an.
Der Kampf gegen den von Mary geschilderten leisen Rassismus oder auch die Unterstützung der Opfer eines brutalen Angriffs gehören zur Arbeit des Beratungsknotens. "Gewalttaten sind zum Glück Ausnahmen", sagt Pflüger. Das bestätigt die Polizeistatistik: Das Landeskriminalamt listet für das Jahr 2013 im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Trier zehn Straftaten mit fremdenfeindlichem Hintergrund auf. Das Netzwerk will im Rahmen seiner Möglichkeiten Eskalationen und Straftaten verhindern. "Prävention ist eine wichtige Säule unserer Arbeit", betont Rosendahl.
Die Szenarien, in denen das Netzwerk hilft, können sehr unterschiedlich sein: Eine rechtsextreme Jugendclique im Ort. Ein Jugendtrainer im Sportverein, der mit fremdenfeindlichen Parolen auffällt. Rechtsradikale Gruppierungen, die sich im Ort offen zeigen und Anhänger suchen.
Das Bundesprogramm läuft Ende 2014 aus. "Ein Anschlussprogramm unter dem Titel Demokratie leben, ist geplant", kündigt Nicola Rosendahl an. "Die Beratungsknoten werden unter der Trägerschaft der Landesjugendämter definitiv bestehen bleiben."
Extra
Der Beratungsknoten Trier-Eifel, bestehend aus Markus Pflüger und Nicola Rosendahl, ist unter der Nummer 0176 30491263 und der Mailadresse beratungsknoten-tr@lsjv.rlp.de erreichbar. Das Angebot des Knotens ist grundsätzlich kostenlos. Der Verein Für ein buntes Trier, gemeinsam gegen rechts veranstaltet am 10. Oktober den Kongress für ein buntes Trier. Diese Veranstaltung thematisiert die Aktivitäten der rechtsextremen NPD, die sich häufig auf Trierer Straßen zeigt. Außerdem geht es um Alltagsrassismus und die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft, unter der Menschen wie Mary unverändert leiden müssen. Der Kongress läuft von 15 bis 18 Uhr im Finanzamt Trier. jp

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