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Stadt Trier macht Dampf bei sozialem Wohnungsbau

Mariahof und Trier-West profitieren als erste von neuer Verwaltungsstruktur - "Flüchtlinge auch Chance für Trier"

(Trier) Die 650 Sozialwohnungen der Stadt Trier befinden sich in einem teilweise unbewohnbaren Zustand. Mit einer neuen Organisationsstruktur will die Stadtverwaltung das möglichst rasch ändern. Es geht auch um Neubauprojekte.

09.03.2016
Rainer Neubert
Eine so emotionale Versammlung wie Ende Januar hatte das Pfarrheim St. Michael in Mariahof noch nicht erlebt. Im Mittelpunkt standen dabei die ersten Planungen für Neubauvorhaben für Flüchtlinge auf dem Platz neben dem Hofgut und der schlechte Zustand der 120 Sozialwohnungen in dem Höhenstadtteil. Im März werde der Stadtrat endlich über die Sanierung der Wohnungen entscheiden, versuchte damals Sozialdezernentin Angelika Birk die Wogen zu glätten. Es war kein leeres Versprechen. Am kommenden Dienstag steht das sieben Millionen Euro schwere Sanierungsprojekt tatsächlich auf der Tagesordnung der Ratssitzung.

Zur vorbereitenden Diskussion im Ortsbeirat ist für die erkrankte Sozialdezernentin nun sogar Oberbürgermeister Wolfram Leibe mit seinem Mitarbeiterstab nach Mariahof gekommen. "Ich will damit auch zeigen, wie wichtig das Thema ist", versichert er zur Freude von Ortsvorsteher Jürgen Plunien und der überwiegenden Mehrheit der Ortsbeiratsmitglieder.
Sozialer Wohnungsbau und Flüchtlinge - wie sehr diese Themen in diesen Tagen verknüpft sind, machen die Ausführungen des Stadtoberhaupts deutlich. "Ich bekomme an jedem Tag Briefe, in denen die Schreiber deutlich machen, dass der Oberbürgermeister dieser Stadt ein Idiot ist und nicht im Sinne der Bürger agiert." Das halte aber weder ihn noch den Stadtrat davon ab, weiterhin auf eine möglichst dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen zu setzen. "Wir bauen in Mariahof und auf dem Tarforster Plateau keine Notunterkünfte, sondern hochwertig und in den Erdgeschossen barrierefrei." Für diese Wohnungen würden von Beginn an auch Menschen aus dem Stadtteil berücksichtigt.

Flüchtlinge sieht Leibe auch als eine Chance für die Stadt, die zudem vor der Herausforderung steht, 650 Sozialwohnungen sanieren zu müssen. "Das Geld dafür steht aus Fördermitteln und aus dem Haushalt zur Verfügung. Wir haben jetzt einen konkreten Zeitplan. Das wäre vor einem Jahr nicht möglich gewesen. Nach dem Sommer können wir in Mariahof beginnen." Wie Gabi Schmitt, Abteilungsleiterin im Amt für Soziales und Wohnen, erläutert, sollen zunächst Treppenhäuser saniert und Wohnungstüren erneuert werden. Über den Winter werde dann alles vorbereitet, um im Frühjahr möglichst rasch Fenster und Fassaden anzugehen. Danach würden Elektro- und Sanitärleitungen, Bäder und Toiletten erneuert.

Für Trier könnte die Sanierung der Wohnungen in Mariahof sogar zu einem Modellprojekt werden, falls der Stadtrat den Überlegungen von Dezernenten und Oberbürgermeister zustimmt, Planung, Bau und Finanzen für den Bereich sozialen Wohnungsbau in einem eigenen und unabhängigen Bereich zu bündeln. "Die Dezernate treten dann nicht mehr einzeln auf", verspricht Wolfram Leibe. "Die Verwaltung ist in Zukunft als Einheit zu sehen." Auch zusätzliches Personal werde eingestellt, um effizienter und unbürokratischer zu agieren.

Betätigungsfelder dafür gibt es genug, auch wenn die Stadt zumindest in einigen Quartieren nicht alleine agieren muss. So plant zum Beispiel die Wohnungsgenossenschaft am Beutelweg (Wogebe) derzeit die Sanierung von 24 ihrer Wohnungen in der Franz-Georg-Straße. Mit 265 000 Euro trägt die Wogebe einen Großteil der Gesamtkosten von 370 000 Euro. Von den 105 000 Euro Zuschüssen aus dem Förderprogramm Soziale Stadt muss Trier einen Anteil von zehn Prozent beisteuern.

Wesentlich teurer wird es für die Stadt in der Gneisenaustraße in Trier-West. In dem derzeit unbewohnbaren Gebäude mit der Nummer 33-37 sollen 28 neue Sozialwohnungen entstehen. Die genauen Kosten dafür sind noch nicht klar, werden sich aber im Bereich von mehr als fünf Millionen Euro bewegen. Für die bereits laufende Instandsetzung von Wohnungen in der Magnerichstraße sind 908 000 Euro kalkuliert. Ziel der Stadtverwaltung ist es bei allen Sanierungsprojekten, dass sich die Mieten danach nur sehr moderat erhöhen werden.

Wie hoch die Kosten für die geplanten Mehrfamilienhäuser für Flüchtlinge sein werden, die in Modularbauweise möglichst rasch im Neubaugebiet BU 14 auf dem Tarforster Plateau und neben dem Hofgut Mariahof gebaut werden sollen, ist noch nicht klar. Insgesamt soll dort Wohnraum für 300 bis 400 Menschen entstehen. In den bisherigen Kostenschätzungen ist von zehn bis zwölf Millionen Euro die Rede.
Meinung
Wichtige Signale
Mit seinem Erscheinen bei der Ortsbeiratssitzung in Mariahof hat Oberbürgermeister Wolfram Leibe bewusst ein Zeichen gesetzt. Der soziale Wohnungsbau in der Stadt Trier wird zur Chefsache. Die Zeit des jahrelangen Vertröstens soll bald nur noch ein wenig rühmliches Kapitel im Geschichtsbuch der Stadtverwaltung sein. Letztlich zu verdanken ist das auch den vielen Flüchtlingen, die seit dem vergangenen Jahr in das Land kommen. Denn vor allem, weil für diese Menschen dringend zusätzlicher Wohnraum benötigt wird, haben Bund und Land umfassende Fördermittel und Zuschüsse für den sozialen Wohnungsbau bereitgestellt. Davon profitieren in Trier absehbar auch alle, die seit langem und zunehmend ungeduldig darauf warten, dass ihre Mietwohnung renoviert wird. Um das möglich zu machen, wollen der Oberbürgermeister und die Dezernenten im Stadtvorstand effizientere Strukturen schaffen. Über Dezernatsgrenzen hinweg soll der soziale Wohnungsbau in Zukunft von einer eigenständigen Einheit der Stadtverwaltung koordiniert und realisiert werden. Der Stadtrat muss darüber zwar noch beraten. Aber wer kann ernsthaft etwas gegen mehr Effizienz und weniger Bürokratie haben? r.neubert@volksfreund.de
Extra
650 Sozialwohnungen befinden sich derzeit im Besitz der Stadt. Sie sind alle in einem schlechten baulichen Zustand. Nach Aussage von Oberbürgermeister Wolfram Leibe sind etwa 20 Prozent der Wohnungen so marode, dass sie nicht bewohnt werden können. Der Sanierungsbedarf für alle kommunalen Wohnungen wurde im Jahr 2012 auf 38,5 Millionen Euro geschätzt. Durch Inflation und Kostensteigerungen habe sich dieser Betrag inzwischen auf 50 Millionen Euro erhöht. 7 Millionen Euro sind für die Sanierung von 120 Sozialwohnungen in Mariahof veranschlagt. Sie soll im Herbst beginnen. r.n.

 

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