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Tierheim Trier: Kleine Igel, feste Prinzipien

(Trier) Seit die Wildtierstation Wiltingen/Saarburg geschlossen hat, quillt das Trierer Tierheim über. Doch eine Lösung der Finanzprobleme scheint näherzurücken.

01.07.2017
Christiane Wolff
Trier. Dass der Anblick von Babys - auch Babytieren - selbst gestandene Landräte zu verzückten "Ohs" und strahlendem Lächeln verleitet, ist ein tief verankertes Prinzip der Evolution. Kindchenschema nennt sich der Schlüsselreiz, der dazu führt, dass man kleine Wesen mit großem Kopf und großen Augen einfach lieb hat und sich um sie kümmern will. So sichert die Natur die Pflege der Brut.

Gleich fünf kleine Igel und ein ganzes Nest voller Baby-Mauersegler hatten die Vorsitzende des Trierer Tierheim-Vereins, Inge Wanken, und die Pressesprecherin des Tierheims, Gerda Savelkouls, am Freitagmittag unangemeldet in die Kreisverwaltung Trier-Saarburg mitgebracht - und damit erst mal für Ärger gesorgt. "Man muss mich nicht mit der Niedlichkeit kleiner Tiere beeindrucken, ich stehe auch so hinter der Wildtierstation Wiltingen/Saarburg, ich weiß, wie viel da geleistet wird und dass wir die Station erhalten müssen", betonte Landrat Günther Schartz. Aber ebenso, wie die Natur ihre Prinzipien , hat sie auch der Landrat: "Die Finanzierung der Wildtierstation ist Sache des Landes."

Auch der Saarburger Bürgermeister Jürgen Dixius und Maria Meyer, die mit ihrem Mann Jürgen ehrenamtlich und quasi rund um die Uhr die Wildtierstation in Wiltingen betreut hat, waren am Freitag zum Gespräch in die Kreisverwaltung gekommen. Ein Hilferuf der Meyers vor einem Jahr war wirkungslos verhallt. Weil Jürgen Meyer, der Vollzeit als Lackierer arbeitet, die viele Arbeit nicht mehr stemmen konnte, hat die Station seit April geschlossen. Seitdem nimmt ersatzweise das Trierer Tierheim verletzte Wildtiere auf - und stößt dabei selbst an seine Belastbarkeitsgrenzen (der TV berichtete).

Nach anfänglichem Ärger über den unerwarteten Auftritt des Tierheims - das mit den Babytieren öffentlichen Druck erzeugen wollte - endete der Termin in der Kreisverwaltung versöhnlich. "Es war ein konstruktives Gespräch, das einhellige Ziel ist, die Wildtierstation wieder zu öffnen", sagte Wanken. Vorerst werde das Tierheim weiter pflegebedürftige Wildtiere aufnehmen.

Landrat Schartz (CDU) bekräftigte, dass eine "kurzfristige Lösung so bald wie möglich" gefunden werden soll. Er habe mittlerweile mehrere Gespräche mit der Landesumweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) geführt. "Schließlich übernimmt im Saarland auch das Land die Kosten für die Wildtierpflege zu 100 Prozent", erläuterte Schartz. Ein möglicher Weg in Rheinland-Pfalz könne sein, dass die finanziell gut ausgestattete Stiftung Natur und Umwelt ihre Satzung erweitere und dann nicht mehr nur für geschützte Wildtierarten, sondern für alle Wildtiere zuständig sein könnte.

Der Verein Wildtierzentrum mit Sitz in Saarburg hat im vergangenen Jahr 1300 Wildtiere aufgenommen und gepflegt - vom Singvogel bis zum Reh. Die laufenden Betriebskosten von rund 30 000 Euro sind durch Mitgliedsbeiträge, Tierpatenschaften, Spenden sowie Zuschüsse des Landes, des Landkreises und der Verbandsgemeinde Saarburg gedeckt. Der Verein will allerdings für Jürgen Meyer eine feste Pflegerstelle einrichten. Dafür wären zusätzlich 40 000 Euro notwendig. Eine Förderung von 30 Prozent habe das Land laut Verein bereits in Aussicht gestellt, 15 Prozent - zumindest für die nächsten drei Jahre - seien von einer luxemburgischen Stiftung zugesagt. 55 Prozent fehlen noch.
Es geht also um jährlich 22 000 Euro - zumindest vorerst. "Für eine langfristige Lösung - schließlich muss sich Herr Meyer darauf verlassen können, dass die Finanzierung dauerhaft steht, bevor er seinen aktuellen Job kündigt - müssen wir aber auch berücksichtigen, dass die Institutionalisierung der Wildtierstation dazu führen könnte, dass diese stärker in Anspruch genommen wird, also mehr Tiere abgegeben werden - dann wären eventuell noch mehr Personal oder auch Räumlichkeiten nötig", sagt Thomas Müller, Pressesprecher der Kreisverwaltung. Das nächste Gespräch zwischen Kreisverwaltung, Wildtierzentrum und Tierheim ist für Donnerstag angesetzt.
Kommentar
Meinung
Ein Zeichen der Verzweiflung

Junge Tiere zum Protestieren zu instrumentalisieren mag nicht die feine Art sein. Doch zeigt es in diesem Fall, wie groß die Verzweiflung ist. Denn die Tierheimvertreter gehen ansonsten äußerst verantwortungsvoll mit ihren Schützlingen um, wie man beim Besuch des Hauses beobachten kann. Und sie haben sich auch in diesem Fall auf wenige, leicht zu transportierende Geschöpfe beschränkt. Die Verzweiflung in Sachen Wildtiere erscheint nachvollziehbar. So haben die Betreiber des Wildtierzentrums ein Jahr, bevor sie das Zentrum im April dichtgemacht haben, den Behörden eindringlich klargemacht, dass sie nicht mehr weitermachen können. Passiert ist nichts. Anfang Juni dann haben die Tierheimleute, die sich seit April um die Wildtiere kümmern, wegen Überforderung Alarm geschlagen. 1100 Stunden Zusatzarbeit sind ihnen seitdem entstanden. Passiert ist nichts Sichtbares - außer Diskussionen zwischen Kreis und Land, in denen jeder die Verantwortung von sich schiebt. Verständlich, dass die Tierschützer da ein Zeichen setzen wollten. Dieses bringt das Land nun hoffentlich zum Handeln. m.maier@volksfreund.de
Extra: TRIERER STADTRAT LEHNT ZUSCHUSS AB

Die Grünen hatten in der jüngsten Trierer Stadtratssitzung beantragt, dass die Stadt Trier "dem Tierheim vorübergehend die durch die derzeitige Aufnahme von Wildtieren zusätzlich entstehenden Kosten erstattet". Weiter solle die Stadt "Gespräche mit dem Betreiberverein, dem Umweltministerium und dem Landkreis aufnehmen" mit dem Ziel, den Weiterbetrieb des Wildtierzentrums Wiltingen zu sichern. Die anderen Fraktionen im Rat signalisierten Verständnis für die Motivation des Antrags, lehnten aber geschlossen ab. Die Finanzierung der Pflege von Wildtieren im Kreis sei Aufgabe des Landkreises, hieß es unisono. Mit der Tierheim-Vorsitzenden Inge Wanken hatten die Grünen ihren Antrag im Stadtrat übrigens nicht abgesprochen. "Ich höre davon jetzt zum ersten Mal", sagte sie am Freitag im Gespräch mit dem TV. "So eine kurzfristige Finanzspritze wäre auch definitiv nicht das gewesen, was wir wollen."