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Trampelpfade auf gefährliches Terrain

(Trier) Es ist einfach, auf die Gleise und an die abgestellten Loks und Waggons des Ehranger Bahngeländes zu gelangen. Doch das Risiko ist groß.

12.09.2017
Christiane Wolff
Trier Dichtes Gebüsch trennt den Radweg zwischen Pfalzel und dem Schulzentrum Ehrang von den Gleisen. Ein Schild, dass das Betreten der Bahnanlage verboten ist, lässt sich zumindest in der Nähe des Schulgeländes nirgends ausmachen. Hier und da sind Gras und Äste der Böschung allerdings niedergetreten. Die Trampelpfade führen direkt zu den Schienen. Auch von der Hafenstraße aus gelangt man problemlos und ohne ein Verbotsschild ignorieren zu müssen zu den Gleisanlagen. Pfade durchs Grün weisen auch hier darauf hin, dass offenbar häufiger Fußgänger auf oder über die Gleise unterwegs sind.
Irgendwo müssen sich am Sonntagnachmittag auch die drei Pfalzeler Kinder ihren Weg auf das gefährliche Gelände gebahnt haben. "Dabei haben sie entweder das mehrmals stündlich befahrene Gütergleis oder den ebenfalls häufig befahrenen Schienenstrang für die Personenzüge überquert", sagt Hans-Werner Knopp, stellvertretender Ortsvorsteher von Trier-Pfalzel. Denn die Abstellgleise, die die Deutsche Bahn und private Bahnunternehmen nutzen, um Waggons und Loks zu parken, verlaufen zwischen den beiden aktiven Gleissträngen. Auf eine der Loks sind die drei Kinder bei ihrer Abenteuertour geklettert. Ein Stromschlag aus einer der 15 000-Volt-Oberleitungen erwischte dort das jüngste der Kinder. Die zehnjährige Grundschülerin trug lebensgefährliche Brandverletzungen davon und liegt nach TV-Informationen in einer Mainzer Spezialklinik im künstlichen Koma (siehe Text unten). Ihre Schwester und ein befreundeter Junge, zwölf und 14 Jahre alt, erlitten einen Schock.
"Es ist schrecklich, die Kleine ist so ein lebensfrohes Mädchen", berichtet die Pfalzeler Ortsvorsteherin Margret Pfeiffer-Erdel. "Die drei waren immer viel zusammen im Dorf unterwegs. Dass sie offenbar auch auf den Bahngleisen gespielt haben, wusste wohl niemand", sagt Pfeiffer-Erdel.
Dutzende Oberleitungen führen über die riesige Gleisanlage, die sich vom Mäusheckerweg bis zur Ehranger Brücke auf mehr als zwei Kilometern erstreckt. Jede der Leitungen birgt die potenziell tödliche Gefahr. "Das gesamte Areal sicher abzusperren ist allerdings schlicht unmöglich", sagt Knopp. Alle Gleise, abgestellte Waggons und Loks so abzusichern, dass niemand herumklettern kann, sei nicht machbar, hatte auch Bahnsprecherin Ursula Eickhoff bereits im August 2016 betont. Damals war ein 16-Jähriger auf einen ausrangierten Waggon gestiegen und hatte einen lebensgefährlichen Stromschlag erlitten. Nach TV-Informationen geht es dem Jungen mittlerweile wieder einigermaßen gut.
"Es ist zuallererst Aufgabe der Eltern, ihre Kinder über die Gefahren aufzuklären, die von Gleisanlagen und Oberleitungen ausgehen", sagt der Ehranger Vize-Ortschef Knopp. "Aber auch die Schulen sind da in der Pflicht!"
In der Grundschule Pfalzel war am Montagmittag niemand mehr zu erreichen, der Auskunft hätte geben können, ob die Gefahren des nahen Bahngeländes im Unterricht thematisiert werden. Martin Steineke, Vorsitzender des Schulelternbeirats, sagt: "Ganz vordringlich stellt sich uns zunächst die Frage, wie die Bahnanlage gesichert ist und wie Kinder offenbar da so einfach hingelangen können. Wir werden uns da kundig machen - und uns dann auch mit der Schule zusammensetzen, um zu überlegen, wie solchen schrecklichen Unglücken vorgebeugt werden kann."
Marita Wenz, Schulleiterin der Realschule plus Ehrang, die die beiden älteren Kinder des Trios besuchen, räumt gegenüber dem TV ein: "Wir üben mit den Fünftklässlern zwar das Busfahren, sicheres Verhalten im Straßenverkehr und im Schwimmbad. Aber die speziellen Gefahren des benachbarten Bahngeländes haben wir bislang nicht aufgegriffen." Nun soll die unsichtbare, tödliche Gefahr, die nur wenige Meter vom Schulgelände lauert, allerdings in den Unterricht eingebaut werden. Wenz: "Die Sache wird nächste Woche Thema sein bei der Klassenleiterkonferenz der fünften und sechsten Stufe."