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Trierer Bischof Ackermann im Interview: „Mit dem Parteiengezänk muss Schluss sein“

Im Volksfreund-Interview nimmt der Trierer Bischof Stephan Ackermann die Kanzlerin in Schutz und ist besorgt über den Zustand der EU

(Trier) Beim gegenwärtigen Umgang mit dem Thema Flüchtlinge gibt es vieles, was dem Trierer Bischof Stephan Ackermann nicht gefällt – etwa wie die Kanzlerin attackiert wird, die meisten EU-Länder sich aus der Verantwortung stehlen oder immer häufiger fremdenfeindliche Töne zu hören sind. Mit Bischof Ackermann sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz.

26.01.2016
Rolf Seydewitz
Trierer Bischof besorgt über Populismus

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat in der aktuellen Flüchtlingsdiskussion an die Politiker appelliert, die Verunsicherung vieler Bürger ernstzunehmen. Nicht jeder, der angesichts der derzeitigen Situation besorgt oder verängstigt sei, sei deswegen schon ein Rechtsextremer, sagte Ackermann unserer Zeitung. Zugleich äußerte sich der 52-Jährige besorgt über die zunehmend populistischen und fremdenfeindlichen Töne in Teilen der Bevölkerung. Malu Dreyers (SPD) Absage an die SWR-Elefantenrunde hält Ackermann für falsch. So entstehe der Eindruck, die Regierungschefin scheue die Auseinandersetzung mit der AfD.

Laut Ackermann wollen die rheinland-pfälzischen Bischöfe auch vor dieser Landtagswahl wieder ein Hirtenwort veröffentlichen und darin zur Wahlteilnahme aufrufen. sey

 
 „Mit dem Parteiengezänk muss Schluss sein“

Wenn ich Ihnen das Stichwort Flüchtlinge nenne, denken Sie zuerst an.
Ackermann:  ….eine riesige Aufgabe.

Der die Kanzlerin nach Meinung vieler nicht gewachsen ist!?
Ackermann: Ich glaube nicht, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel an Realitätsverlust leidet. Im Gegenteil. Nationale Maßnahmen alleine helfen nicht, eine Lösung gibt es nur mit internationaler Kooperation. Ich finde es unmöglich, dass jetzt schon darauf gewettet wird, wie lange es die Kanzlerin wohl noch durchhält.

Derzeit wird besonders über Zuzugsbeschränkungen oder Kontingente heiß diskutiert: Brauchen wir in Deutschland eine Obergrenze; wenn ja, wie sollte dies in der Praxis überprüft werden?
Ackermann: Wir brauchen eine Drosselung der Zahlen, das sehe ich auch so. Aber eine feste Obergrenze halte ich für schwierig. Was wäre denn dann mit dem berühmten 200.001. Flüchtling? Also: Nötig ist eine Reduzierung, aber wir brauchen auch zugleich die nötige Flexibilität. Wie das konkret zu managen wäre, müssten die Politiker sagen. Es ginge jedenfalls auch nicht in einem nationalen Alleingang.

Aber die Lösung eines Teils der Flüchtlingsprobleme scheitert doch gerade an der Zerstrittenheit in der Europäischen Union.
Ackermann:  Kontroversen in einem solchen Verbund sind normal. Aber was die EU derzeit bietet, ist ein Trauerspiel. Das macht mir Sorge. Sind wir eine Wertegemeinschaft – oder nur eine Währungsunion? Es kann uns nicht kalt lassen, wenn Experten jetzt sagen: Die EU kann über die jetzige Krise auseinanderbrechen. Die Folgen wären verheerend.

Die Nationalisten und Rechtspopulisten sind die Krisenprofiteure und nicht nur in Polen oder Frankreich im Aufwind, sondern auch bei uns: Was ist Ihre Meinung zum AfD-Höhenflug?
Ackermann:  Ich bin besorgt darüber, dass die populistischen und fremdenfeindlichen Töne zunehmen. Umso wichtiger ist, dass die Regierungsverantwortlichen aufhören mit ihrem Parteiengezänk. Und: Es gibt eine Verunsicherung in der Bevölkerung, die die Politik ernst nehmen muss. Nicht jeder, der angesichts der derzeitigen Situation besorgt oder verängstigt ist, ist deswegen schon gleich rechtsextrem.

SPD-Chef Lewentz hat die AfD in einem Atemzug mit dem rechtsextremen Dritten Weg genannt und ihre Politiker als Hetzer und Brandstifter bezeichnet – auch, weil sie Vorurteile gegen Flüchtlinge schürten. Nachvollziehbar oder überzogen?
Ackermann: Wir sind im Wahlkampf. Da wird nicht alles auf die Goldwaage gelegt, sind auch schon mal härtere Töne zu hören. Andererseits: Man sollte auch aufpassen, dass nicht mit der Sprache noch weiter eskaliert und polarisiert wird. Die Situation ist schon schwierig genug.

Inwiefern können Sie die Dreyer-Absage an die SWR-Elefantenrunde nachvollziehen?
Ackermann: Ich kann nachvollziehen, dass Frau Dreyer sich in einer solchen Runde nicht mit irgendwelchen populistischen oder holzschnittartigen Thesen auseinandersetzen will. Dennoch hätte ich es für besser empfunden, sie hätte sich darauf eingelassen. So entsteht der Eindruck, dass Frau Dreyer die offene Auseinandersetzung scheut.

Machen die rheinland-pfälzischen Bischöfe einen Wahlaufruf? Und gehen Sie wählen?
Ackermann: Natürlich gehe ich wählen. Und die rheinland-pfälzischen Bischöfe werden in diesem Jahr ein Hirtenwort zur Wahl veröffentlichen. Natürlich machen wir darin keine konkrete Wahlempfehlung, aber wir sagen den Menschen: Geht wählen! Es kommen so viele Leute aus Ländern zu uns, die nicht demokratisch sind und in denen es kein Wahlrecht gibt. Deshalb ist es unser gemeinsames Anliegen, dass die Rheinland-Pfälzer zur Wahl gehen. sey
Extra

Stephan Ackermann ist seit Mai 2009 Bischof von Trier. Der gebürtige Mayener wurde 1987 zum Priester geweiht, im Jahr 2000 promovierte er. Ackermann war zuletzt Regens des Studienhauses in Lantershofen, bevor er 2006 unter Reinhard Marx Weihbischof wurde. Vor sechs Jahren wurde der heute 52-Jährige von der Deutschen Bischofskonferenz zum kirchlichen Missbrauchsbeauftragten ernannt. Außerdem ist Stephan Ackermann Vorsitzender der katholischen Friedensorganisation Justitia et Pax. sey












 

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