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aus unserem Archiv vom 17. August 2012
Autor: Marion Maier Kommentare: Kommentare zeigen Ort: Trier/Bernkastel-Kues Drucken  E-Mail

Vom Anhänger zum Antifaschisten

Was Karl Mendgen im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, beschäftigt ihn noch heute. Warum es Neonazis gibt, versteht der Trierer Architekt nicht. Er hat 18 polnischen Juden, die aus einem KZ freigelassen wurden, das Leben gerettet.

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Trier/Bernkastel-Kues. Wenn Karl Mendgen erzählt, dann ist das wie lebendiger Geschichtsunterricht. Der hagere Mann aus Kues ist 90 Jahre alt, hat jede Menge erlebt und berichtet sehr wach von Ereignissen, die mehr als 70 Jahre zurückliegen.
Damals war Krieg. Und Karl Mendgen mittendrin. Als 18-Jähriger wird er 1940 zum Reicharbeitsdienst eingezogen. "In der Hitlerjugend war ich fanatisch", gibt Mendgen offen zu. Doch das ändert sich im Krieg. Heute sagt er: "Ich werde nie begreifen, warum es Neonazis gibt. Ich habe so viel Schlimmes erlebt mit Nazis."

Menschen ganz nah


Schon als Schüler handelt Mendgen sich Kritik ein, weil er unbedarft mit einem Mädchen mit Judenstern spricht. Der gebürtige Trierer sagt: "Ich hatte immer Sympathie für die Juden. Mein Vater, der die Klosterschenke in Pfalzel geführt hat, hatte einen jüdischen Freund."
Im Krieg kommt Mendgen nach Nürnberg und wird zum Geräteführer am Funkmessgerät ausgebildet. Als er sich weigert, einen Hiwi, einen "hilfswilligen Russen" aus nichtigen Gründen zu erschießen, landet er fünf Tage im Gefängnis. Hinter Gittern hat er die Wahl zwischen der Bibel und Hitlers "Mein Kampf".
Er entscheidet sich für Letzteres. Sein Fazit: "Ich habe den ganzen Mist gelesen und nur gedacht: Der ist doch nicht sauber!" Mendgen wurde zum Anti-Nazi.
Doch der Krieg geht weiter.
Der Moselaner wird ins oberschlesische Rudziniec (auf Deutsch Rudgershagen) versetzt, in dessen Nähe sich ein Nebenlager von Auschwitz befindet. Mendgen arbeitet mit russischen Hiwis in einer Großkampfbatterie zusammen und beschützt eine Anlage, in der Kohle zu Kraftstoff umgewandelt wird.
Bis Anfang 1945 "der Iwan kommt", wie Mendgen sagt, der ansonsten aber von der guten Kameradschaft mit vielen Russen schwärmt. Die Deutschen werden eingekesselt. Im nahen Konzentrationslager führt das laut Mendgen dazu, dass der Kommandant das Tor öffnet und die Gefangenen rauslässt mit den Worten: "Seht zu, wie ihr heimkommt." An Mendgen und die übrigen Deutschen ergeht der Befehl, nachts Streife zu gehen und herumlaufende KZler ohne Anruf zu erschießen. Mendgen: "Wir waren alle entsetzt und dachten: Wir schießen auf keinen Fall!" Auf seiner Streife begegnet er am Ortsrand einer Frau. Sie schreit: "Bitte nicht schießen! Ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt - aber lasst die Männer laufen!" Es sind 18 polnische Juden bei ihr.
Mendgen überlegt nicht lange. Er will sie zu den Russen in Sicherheit bringen. Er weiß von seinen russischen Hiwis, dass deren Kameraden aus Minsk kriegsmüde sind und dass sie nicht schießen werden, solange die Deutschen es nicht tun. Den Polen erklärt Mendgen, dass einer sein Hemd als Zeichen der Kapitulation an einen Ast binden soll. Er begleitet die so gewappnete Gruppe zum russisch besetzten Niewiesze (Grünwiese). 100 Meter vor dem Ort bleibt er zurück. Die Soldaten sind schon zu sehen. Doch es fällt kein Schuss.
Die Juden scheinen gerettet. Und Mendgen? Er kommt in russische Kriegsgefangenschaft nach Stalingrad. Weil er eine Ärztin mit jiddischen Gedichten und seinem Russisch, das er bereits in Trier gelernt hat, beeindrucken kann, schafft er es, im November 1945 in einen Waggon mit 600 Schwerkranken Richtung Frankfurt/Oder. Mendgen ist voll des Lobes über die Polen, die Essen zu den Waggons brachten. Dennoch kommen nur 200 Menschen in Deutschland an. Er gehört dazu, noch 80 Pfund schwer.
Zurück an der Mosel stellt Mendgen eine Muttergottes auf als Dank dafür, dass er heimkehren durfte. Sie steht noch heute am Weinmuseum. Auch in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem lebt Mendgens Erinnerung weiter. Für seinen Bericht hat man sich dort bedankt. Das wertvolle Dokument sei ins Archiv eingeordnet worden, heißt es in einem Brief.
Extra
Karl Mendgen hat nach dem Krieg Architektur studiert. Folgende Gebäude hat er unter anderem gebaut, renoviert oder umgebaut: das Weinmuseum in Bernkastel-Kues, das Cusanus-Geburtshaus, die Schulsporthalle am Schulzentrum in Kues, das Altenzentrum Bernkastel-Kues und die Alte Schule Veldenz. Mendgen ist verheiratet und Vater von drei Kindern mai




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