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aus unserem Archiv vom 06. September 2011
Autor: Elisa Limbacher und Andreas LehrfeldOrt: Trier/XiamenKommentare: Kommentare zeigenDrucken  E-Mail

Vom Familienhof ins Hochhaus

Das Trierer Studentenpaar Elisa Limbacher und Andreas Lehrfeld studiert seit knapp einem Jahr in Triers chinesischer Partnerstadt Xiamen. Im neunten Teil unserer Serie berichten die beiden über das Nebeneinander traditioneller und moderner Wohnformen in der Millionenstadt.
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Trier/Xiamen. Im alten China war die Großfamilie die Keimzelle der Gesellschaft, ein in sich geschlossener Kosmos familiärer Beziehungen, die durch die konfuzianische Lehre genau definiert waren. Im Denken der Menschen war die Trennung von öffentlicher ("gong") und privater ("si") Sphäre fest verankert. Baulicher Ausdruck dieser Trennung waren die familiären Höfe. Anders als in Deutschland in der "guten Stube" spielte sich das Familienleben im Innenhof des Hauses ab, wo die alltäglichen Arbeiten verrichtet wurden. Durch fensterlose Mauern rund um das Grundstück schirmten sich die chinesischen Familien ab, Privates sollte möglichst nicht nach draußen dringen. In der modernen Millionenstadt Xiamen ist diese Form des traditionellen Wohnens allerdings kaum noch zu finden.

Blick in die Geschichte


Um die Wohnverhältnisse in Xiamen besser verstehen zu können, lohnt ein kurzer Blick in die Geschichte: Die Ursprünge der Stadt lassen sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Die direkte Küstenlage und der Handel mit Tee wirkten sich insofern auf den städtischen Wohlstand aus, als durch den Bau eines Hafens Handelsbeziehungen mit Asien und anderen Teilen der Welt aufgebaut werden konnten.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde auf der kleinen, zu Xiamen gehörenden Insel Gulangyu ein ausländisches Konzessionsgebiet errichtet. Dieses prägt noch heute das Stadtbild und ist eines der touristischen Highlights.
In den 1980er Jahren wurde die Stadt dann zu einer der ersten Sonderwirtschaftszonen Chinas ernannt. Dies führte dazu, dass ausländisches Kapital nach Xiamen floss. Das große Industriegebiet und der internationale Flughafen im Norden der Hauptinsel sind Ausdruck des damit verbundenen wachsenden Wohlstands in der Stadt.
Diese Mischung aus maritimer Lage, relativem Wohlstand und ausländischem Einfluss ist es, die das Leben und die Gesellschaftsentwicklung in Xiamen mitbestimmt.
Denn auch, wenn die traditionellen Wohnsiedlungen zunehmend zugunsten großer Wohnkomplexe weichen müssen, finden sich im Südwesten der Insel noch einige Viertel, die den speziellen Charme Xiamens ausmachen. Wer sich traut, in die verwinkelten Gässchen einzudringen, der wird mit einem Schlag in das China versetzt, wie man es sich wohl vor einem Aufenthalt vorstellt: an jeder Ecke neue Gerüche, Straßenmärkte mit allerhand Exotischem und zum Trocknen ausgelegte Kräuter, Pilze und Fische direkt auf der Straße.
Hier kann man auch chinesisches Leben in Nahaufnahme erleben, Männer beim chinesischen Schachspiel und hilfsbereite alte Damen, die einem verirrten Trierer gerne den Weg weisen. Kaum treten wir aus dem traditionellen Viertel heraus, so vereinnahmen hohe Wohnkomplexe unseren Blick.
Diese großen Gebäude verdrängen zunehmend die vergleichsweise flachen Viertel, um der chinesischen Mittel- und Oberschicht neuen, modernen Wohnraum zu erschließen. Als Compound (Deutsch: eingezäuntes Gelände) angelegt, besitzen diese zum Teil mehr als 30 Stockwerke hohen Appartmentgebäude auch Gartenanlagen, Sportbereiche und ein eigenes Überwachungs- und Verwaltungssystem. Obwohl diese Bauten die ursprüngliche Bebauung verdrängen, bieten sie für viele Xiamener zugleich die Chance auf eine Verbesserung des Lebensstandards und das Gefühl, es in der chinesischen Gesellschaft zu etwas Wohlstand gebracht zu haben.
Ein Grund dafür, dass der Traum von einer solchen modernen Wohnung für viele Chinesen unerreichbar bleibt, ist der im Vergleich zum Monatslohn relativ starke Anstieg der Wohnungsmieten.
Die heutige chinesische Gesellschaft muss sich zudem weiteren neuen Herausforderungen stellen, die mit der Modernisierung des Landes einhergehen: Überalterung, eine steigende Zahl an Singlehaushalten, die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen und die damit verbundene Auflösung von traditionellen Familienstrukturen erfordern Lösungen. Dazu kommt die Immobilienspekulation, der der Staat mit erhöhten Zinsen begegnen will, um die steigende Inflation zu bekämpfen. Die Folgen sind allerdings selbst für chinesische und ausländische Experten bislang kaum abzusehen.




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