region/trier
02.09.2012
Katharina Hammermann

Wie ein Sex-Club die Gemüter erhitzt

(Trier) In Trier soll in zwei Wochen ein Billig-Bordell eröffnen - und alle sind sauer: Frauenrechtlerinnen, weil sie nicht verstehen, warum "ein solches Übel" nach Trier kommen darf, der Oberbürgermeister, weil er sich ungerechtfertigt angegriffen fühlt, und der Bordellbetreiber, weil angeblich alles nicht so schlimm ist.

Trier. Die Frauen wurden mit falschen Versprechungen über die Grenze gelockt und in mehreren über Deutschland verteilten Clubs zur Prostitution gezwungen. Zwischen 20 und 60 Männer mussten sie täglich bedienen. Auch, wenn sie krank waren. Oft gab es dafür nicht mehr als vier Euro pro Freier, denn die Männer zahlten einen niedrigen Pauschalpreis und bekamen dafür Sex mit so vielen Frauen, wie sie wollten und konnten. Die Häuser der Flatrate-Bordellkette "Pussy-Club", in denen sich das abgespielt hat, sind längst geschlossen, und die Verantwortlichen sitzen wegen Menschenhandels und Zuhälterei im Gefängnis. Was der Skandal hinterlassen hat, ist einerseits die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte, und andererseits Alarmglocken, die in den Köpfen vieler Menschen zu schrillen beginnen, wenn es um Sex-Flatrates geht.
Das ist auch in Trier so, wo schon in zwei Wochen ein Club seine Türen öffnen will, der zum günstigen "All-Inclusive-Preis" das "Rundum-sorglos-Paket für geile Erlebnisse" verspricht. Schon ab 79 Euro kann man bei dem Saarbrücker Mutterunternehmen Sex mit allen anwesenden Frauen haben - Eintritt, Getränke und Badelatschen inklusive. In Trier wird das Ganze wegen der Prostitutionssteuer etwas mehr kosten.


Die Frauenrechtlerinnen des Vereins "Terre des Femmes" schreiben in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Klaus Jensen dazu: "Wie ein solches Übel in Trier beantragt und sogar bewilligt wurde, ist uns einfach unerklärlich. Dass Sie als Stadtoberhaupt die Verantwortung übernehmen, einen solchen Betrieb in unserer Stadt zuzulassen, macht Sie praktisch zum potenziellen Komplizen der namenlosen Frauenverachtung, die dieses Geschäftskonzept beinhaltet. Können wir zusehen, wie Frauen und Mädchen aus allen Weltregionen als sexuelle Objekte, ja geradezu seelenlose Ware, zur Befriedigung männlicher Triebe ausgenutzt werden? Hat unsere Solidarität Grenzen, wenn es um Stadtentwicklung und die Ansiedlung neuer Unternehmen geht?" Die Frauen appellieren an Jensen, "diese Entscheidung zu überdenken und zu revidieren".

Der Oberbürgermeister ist nicht nur empört, weil er sich ungerechtfertigt angegriffen fühlt. Der Brief scheint ihn persönlich zu treffen. "Ich bin seit 45 Jahren in der Menschenrechtsbewegung. Da tut so ein Vorwurf weh", sagt Jensen, der solche Flatrate-Modelle als menschenunwürdig bezeichnet und sie in seiner Stadt ebenso wenig haben will wie die Frauen. Allerdings lasse sich Prostitution in diesem Gewerbegebiet in Trier-Nord nicht einfach verbieten. "Jedes Gericht würde uns zwingen, die Baugenehmigung zu erteilen", sagt er. Der Stadtvorstand sei sich einig, dass man keine solchen Flatrate-Clubs will. Eine Arbeitsgruppe suche nun deutschlandweit nach rechtlichen Argumenten.

Der Betreiber des Pauschal-Bordells - ein Ableger des "Saarbrücker Poppstalls" - ärgert sich über die Vorwürfe. Trotz der eindeutigen Pauschalangebote, mit denen der Saarbrücker Club auf seiner Internetseite wirbt, sagt er: "Wir sind kein Flatrate-Bordell." Denn zum einen gebe es pro Dame eine Zeitbeschränkung von 20 Minuten. Zum anderen müssten die Freier für Extras zahlen. Und die freiberuflich tätigen Frauen könnten nicht nur einen Teil, sondern das ganze Geld, das sie für diese Extraleistungen bekommen, behalten (zum Beispiel zehn Euro für Oralsex ohne Kondom). Von dem Eintrittsgeld wird die Hälfte auf alle Frauen verteilt, bei denen ein Freier war. "Wer fleißig ist, verdient viel", sagt er. Und das sei mehr als in anderen Clubs. Deshalb stünden die Mädchen auch Schlange, um bei ihm arbeiten zu können. Und überhaupt. Welcher Mann könne schon so oft. "Das ist einfach ein cleveres Geschäftsmodell", sagt der Mann, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Die katholische Kirche sieht die zunehmende Kommerzialisierung der Sexualität kritisch. "Das biblische Wort Jesu selbst warnt aber davor, die betroffenen Menschen geringzuschätzen", sagt Monsignore Michael Kneib, Leiter des Zentralbereichs Pastoral und Gesellschaft im Bischöflichen Generalvikariat. Der Grund für Prostitution könne ja auch Not oder Zwang sein. "Dennoch ist Prostitution als solche ethisch nicht zu billigen." Denn sie verletze die Würde der Menschen und sei oft mit der Erniedrigung der Prostituierten verbunden.

 

Empfehlungen

Kommentare