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Geister des Winters treffen Helene Fischer - So feiern die Biewerer den Schärensprung

(Trier) Am Faschingsdienstag zeigen die Biewerer, wie sich der jüngere Karneval mit einer keltischen Tradition verbinden lässt.

28.02.2017
Benedikt Laubert
Die Biewerer Straße gleicht an diesem verregneten Faschingsdienstag einem Zeitstrahl in einem Geschichtsbuch. Das Werk erzählt in knallbunten Bildern von Hexen, Narren und Wagen die Wandlung des Karnevals in Biewer.

Am Anfang des Zeitstrahls tanzt der 73-jährige Volker Casel mit einem Dutzend Hexen und einem jungen Fahnenträger in blauem Gewand. Mit seiner linken Hand zieht Casel die 40 Frauen und Männer, die das Herz des Biewerer Karnevals ausmachen: die Schären. Hand an Hand hüpfen und tanzen die als Giraffe, Mönch oder Marienkäfter Verkleideten in einer Schlangenlinie durch die Biewerer Straße Richtung Mosel. Immer wieder folgt ein Zuschauer ihren Aufforderungen, fasst mit an und hilft mit, die Geister des Winters zu vertreiben. In Biewer sagt man sich, der Brauch stamme wohl noch von den Kelten. 

Der neue Karneval

Als die Hexen und Schären vorbeigetanzt sind, bekommen die Zuschauer den hinteren Teil des Zeitstrahls zu sehen. Dort fahren die als Hippies verkleideten Narren aus Newel-Butzweiler und beschallen das Publikum mit Helene Fischers „Atemlos“. Es folgt rund ein Dutzend weiterer Wagen, deren Lautsprecherboxen im Wechsel „Die Karawane zieht weiter“ und eine Handvoll anderer Schlager aus den vergangenen Jahrzehnten durch die Straße plärren. 

Volker Casel, der die Schären seit 20 Jahren jeden Faschingsdienstag an seinen großen kräftigen Händen durch den Trierer Stadtteil zieht, hatte kurz vor Beginn des Umzugs gesagt: „Die Wagen sind erst in den vergangenen Jahrzehnten hinzugekommen.“ Früher seien beim Biewerer Schärensprung nur Hexen, Schären und Fußgruppen mitgezogen. Der frühere Versicherungskaufmann ist bei den Schären schon dabei, seit er stehen und springen kann. Ohne Hexen und Schären sei der Biewerer Umzug „nur wie jeder andere auch“, sagt er. 

Fast so schlimm wie vergangenes Jahr

Der weiße Kragen seines Kostüms ist an den Rändern inzwischen dunkler geworden – der starke Regen hat ihn aufgeweicht. Zur sonst gut besuchten Veranstaltung sind wegen des schlechten Wetters heute nur etwas mehr als 1000 Zuschauer gekommen – viele verfolgen den Zug von ihren Fenstern aus. Schon vergangenes Jahr hatten sich die Narren über den starken Regen geärgert und waren sogar früher losgezogen, um die Veranstaltung nicht ganz abblasen zu müssen.

Aber bisher hat Volker Casel keinen Schärensprung sausen lassen. Ihm und seinen Mitstreitern vom veranstaltenden Heimatverein Biewener Hoahnen ist es wichtig, den Zuschauen etwas anderes bieten zu können als andere Stadtteile und Gemeinden mit ihren Umzügen. Und das können sie. Den Schärensprung gibt es in dieser Form nur in Biewer. Einzig im britischen Helston existiert eine ählicher Brauch, der Furry Dance – vermutlich ebenfalls eine keltische Tradition.

Britische Freunde

Eine Delegation des Biewener Heimatvereins war deshalb in den 1970er Jahren nach Wales gereist, um sich die karnevalistische Schwesterstadt einmal anzusehen. Nach ein paar Jahren des Austauschs sei der Kontakt aber wieder eingeschlafen, sagt Martina Stadler, Vorsitzende der Biewener Hoahnen. 

So stolz Stadler, Casel und ihre Nachbarn auf ihr Biewerer Alleinstellungsmerkmal sind – zu den Narren aus den anderen Stadtteilen pflegen sie ein freundschaftliches Verhältnis. Viele Schären rufen ihr „Helau“ mit heiserer Stimme, weil sie am Vortag beim Umzug in Trier-Ehrang kräftig mitgefeiert haben.