region/trier

Helau unterm Hakenkreuz

(Trier) Jutta Albrecht erzählt vom Karneval zur Zeit des Nationalsozialismus, unter anderem auch in Trier, und hat dabei auch eine wichtige Botschaft für heutige Karnevalisten.

02.03.2017
Katharina Hahn
Trier Wie sah das närrische Treiben zur Zeit des Nationalsozialismus aus, als an ausgelassene Sorglosigkeit und politische Kritik kaum zu denken war?
Dieser Frage geht CDU-Stadträtin Jutta Albrecht in ihrem Vortrag "Heil Hitler und Helau - Karneval unter dem Hakenkreuz" nach. Wie sie selbst sagt, möchte die Trierer Historikerin ihre knapp 30 Zuhörer im Stadtmuseum Simeonstift mitnehmen auf eine Zeitreise. Wie die Situation zwischen 1933 und 1945 in Trier ausgesehen hat, lässt sich aufgrund der dünnen Quellenlage größtenteils nur spekulieren. "Überall war der lange Arm des Regimes gegenwärtig", erklärt Albrecht und zeichnet nach, wie aus kleinen regionalen Festen mit Reden und Liedern in der jeweiligen Mundart opulent inszenierte Ereignisse von nationaler Tragweite wurden, die zum Ziel hatten, den nationalsozialistischen Einfluss weiter zu stärken.
In Trier zeigte sich diese Entwicklung vor allem anhand einiger einflussreicher Einzelpersonen. So wurde 1938 beispielsweise die KG Heuschreck umbenannt und ihrer Selbstständigkeit beraubt. Der alte Vorstand wurde zum Großteil ausgemustert und durch Regimetreue ersetzt. Nur drei der ursprünglich 13 Mitglieder durften bleiben. Nun befanden sich auch der Geschäftsführer von "Kraft durch Freude" und der Kreisleiter der NSDAP unter den "neuen" Karnevalisten.
Auch der neue Karnevalsprinz Adolf Hägin handelte regimetreu, indem er die jüdischen Mitgeschäftsführer seines "Kleinpreis-Kaufhauses Porta" entließ und es so arisierte. Im Trierer Straßenkarneval gab es bombastisch inszenierte Umzüge, die von der rechts orientierten Zeitung "Trierer Nationalblatt" begleitet wurden. Deren überschwengliche Lobeshymnen auf die ekstatische urdeutsche Festtagssause erschienen dann aber dummerweise schon an dem Samstag vor dem so gepriesenen Rosenmontagsumzug. Anders als in Köln oder Düsseldorf waren die Trierer Festwagen weniger explizit antisemitisch. Nur ein Wagen mit dem Titel "Auswandererfürsten" hatte vermutlich einen judenfeindlichen Hintergrund - er ist aber auch der einzige, von dem kein Foto erhalten ist. Was heute völlig normal ist, der karnevalistisch-satirische Blick auf die Weltpolitik, auf sich und die anderen, war damals undenkbar. Frei nach dem Motto "Kritisch dürft ihr sein, aber auf keinen Fall gegen das eigene System" feierte die nationalsozialistische Ideologie also auch Einzug in die Karnevalssaison. Gerade deshalb kehrt Albrecht zum Schluss noch einmal die wichtigste Botschaft hervor: "Demokratie ist ein hohes Gut, das gepflegt werden muss. Nicht nur, aber auch im Karneval."
AUSSTELLUNG ZUM THEMA KARNEVAL

Extra
Das Stadtmuseum Simeonstift plant eine Ausstellung zum Trie rer Karneval, die vom 11. November 2019, dem traditionellen Beginn der Karnevalssaison, bis zum Aschermittwoch 2020 dauern soll. Dabei wird es um eine historische Aufarbeitung des Karnevals im Allgemeinen und in der Stadt Trier im Besonderen gehen. Neben Kostümen werden auch andere historische Zeugnisse wie Bilder und Filme zu sehen sein.