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Kunst trifft Realität: Beobachtungen am Rande einer Provokation

(Trier) Das künstlerische Kontrast-Programm zur Heilig-Rock-Wallfahrt startete am Samstag mit einem spektakulären „Walk act“. Die Aktionskünstler Wolfram Kastner und Linus Heilig zogen, verkleidet als Papst und Adolf Hitler, durch die Trierer Innenstadt. Es blieb erstaunlich friedlich.

15.04.2012
Dieter Lintz
Da stehen sie vor der Tufa, die beiden Herren, die sich in der realen Geschichte nie begegnet sind. Der Papst in einem weißen Gewand mit roten Billig-Schläppchen, wie man sie im Reste-Wühlkorb bei Deichmann findet. Der Führer mit Bärtchen und Charlie-Chaplin-Anzug. Eine Groteske. Aber eine mit Sprengkraft, schließlich will man quer durch die Stadt wandern, vorbei auch an den Pilgern vor dem Dom.

Aktionskünstler Wolfram P. Kastner lässt Flugblätter verteilen, die den Hintergrund der Aktion ausleuchten: Das Reichskonkordat 1933, das der Kirche staatlicherseits Privilegien garantiert, die bis heute gelten. Und die parallele Zustimmung der katholischen Zentrumspartei zum Hitler’schen Ermächtigungsgesetz, maßgeblich beeinflusst vom Trierer Prälaten und Politiker Ludwig Kaas.

Grundsätzliche Glaubensfragen rührt die eher politisch orientierte Aktion nicht weiter an. Dennoch herrscht Hochspannung, als sich der Tross von der Tufa aus in Bewegung setzt. Michael Schmidt-Salomon, der aus Trier stammende oberste Kirchenkritiker der Nation, strahlt freudige Erwartung aus. Eher gemischte Gefühle zeichnen sich dagegen auf dem Gesicht von Tufa-Chefin Teneka Beckers ab, die im Zweifelsfall den Kopf hinhalten muss, wenn die Provokation im Desaster endet.

Man marschiert durch den fast menschenleeren Palastgarten, erntet anerkennende Anmerkungen („Sie sind ganz schön mutig“) von Passanten vor dem Kurfürstlichen Palais. Auf dem Basilika-Vorplatz der erste Kontakt mit Pilgern: Ein paar Männer in grünen Ordens-Uniformen schauen irritiert drein, ein wackerer Wallfahrts-Helfer tauscht quer über den Platz mit dem seltsamen Duo Argumente aus.

Die meisten Zuschauer nehmen die Sache gelassen, amüsieren sich gar. In der Liebfrauenstraße, wo sich die Schlangen zum Dom bilden, werden die Mienen mancher Beobachter deutlich finsterer.

Die Aktion kommt so richtig ins Rollen, ein Dutzend Foto- und Fernsehkameras sorgen für das nötige Aufsehen. „Die Medien sind Teil der Inszenierung“, analysiert SPD-Kultursprecher Markus Nöhl, der als einziger Kommunalpolitiker das Spektakel verfolgt. „Müsst Ihr diesen Mist denn aufnehmen?“, grummelt ein Pilger. Ein anderer spricht die Polizei an, die in kleiner Besetzung dem Protestzug folgt. „Kann man da nichts machen?“, fragt er. „Ist halt Kunst“, antwortet einer der Beamten schulterzuckend. Später wird die Polizei die Personalien der Künstler aufnehmen, sie aber bald weiterziehen lassen.

Die Eskalation bleibt aus, die einzige Attacke kommt von einem Spaßvogel, der hinter Papst und Führer herschleicht und ihnen Eselsohren macht.

Die Passanten in der Fußgängerzone machen Fotos, lachen oder schütteln die Köpfe.

Der Zug endet in der Brückenstraße mit der Enthüllung der Unterhose von Karl Marx. Noch eine Provokation, die Mühe hat, Provozierte zu finden. Tags drauf  wird der Focus titeln, Trier sei empört über die Aktion. Keine Ahnung, wo die Kollegen  das gesehen haben wollen.