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Kein Karl Marx zum Anfassen - Geteilte Meinung über Attrappe in Trier (Video)

(Trier) 6,30 Meter hoch wird die Skulptur des Philosophen und Ökonomen in Trier. Eine Attrappe ist am Donnerstag noch auf dem Simeonstiftplatz zu besichtigen. Künstler Wu Weishan reagiert begeistert. Für die Trierer ist das Ende der Diskussion aber noch nicht abzusehen. Dossier zum Thema: Karl Marx 2018

01.03.2017
Rainer Neubert
Per Internet-Telefondienst Skype lässt sich der chinesische Bildhauer Wu Weishan am Mittwoch zeigen, wie sich seine überlebensgroße Bronzeskulptur von Karl Marx auf dem Trierer Simeonstiftplatz präsentieren wird. „Mir gefällt das sehr gut“, teilt er aus Peking mit. Mit der Hilfe von Smartphone und Dolmetscherin Elisa Limbacher zeigt Baudezernent Andreas Ludwig dem Künstler den Standort der 6,30 Meter hohen Attrappe. Es ist vor allem die dunkle, unverputzte Hauswand, die Weishan begeistert. Vor der werde die 4,90 Meter hohe Bronzeskulptur auf ihrem 1,40 Meter hohen Sockel besonders gut zur Geltung kommen.

Auf dem Platz hinter dem Stadtmuseum bleiben viele Menschen beim Anblick der von den Malern des Trierer Theaters gestalteten Silhouette stehen. Die Konturen sind ihnen zwar ein wenig zu weich geraten im Vergleich zu dem eher von harten Linien dominierten Modellentwurf der Skulptur. Sie machen Fotos und diskutieren. 
 
Wenig Protest

Mit ganz wenigen Ausnahmen geht es dabei nicht darum, ob Trier eine Marx-Figur bekommen soll. Das lehnt lediglich ein einzelner Demonstrant ab, der sich mit einer Trillerpfeife die Lunge aus dem beleibten Leib zu pfeifen droht. Wenn kritische Worte zu hören sind, dann geht es eher um die Größe des chinesischen Gastgeschenks, über dessen Annahme der Trierer Stadtrat am 13. März entscheidet. 

„Mir gefällt es“, sagt Oberbürgermeister Wolfram Leibe. „Vor allem hat man einen Eindruck, der ganz unmittelbar ist. Ich gebe zu: Er ist groß. Aber vor dieser elf Meter hohen Hauswand passt er ganz gut.“ Leibe hegt keine Zweifel, dass die Stadt Trier bei dieser Abstimmung ihr Gesicht wahren wird. „Ich gehe davon aus, dass wir überwiegend Zustimmung bekommen. Wir zeigen die versprochene Transparenz. So etwas wie diesen Dummy gab es noch nie. Jeder kann gucken und sich ein eigenes Bild machen.“
 
Viel Zustimmung

„Es gibt eine Diskussion, ob die Figur zu groß ist“, weiß auch Michael Thielen, der als Marx-Darsteller an diesem Nachmittag ein beliebtes Fotomotiv vor der Skulpturen-Attrappe ist. „Ich denke, die passt genau hierhin. Wenn sie kleiner wäre, würde sie gegen die Mauer gucken. In dieser Größe könnte Karl Marx aber auch auf sein altes Wohnhaus in der Simeonstraße schauen. Das ist gut.“

Stadtführerin Justine Duda hat ebenfalls nichts gegen die Skulptur: „Es wird eine Attraktion, vor allem für asiatische Touristen.“ Und auch Gisela Helfrich spricht sich für das Marx-Denkmal aus: „Warum nicht? Er ist ein Kind der Stadt. Ich hatte mir die Skulptur noch größer vorgestellt. So sieht das doch gut aus.“

Am liebsten von seinem Sockel holen würde Brigitte Biertz den berühmtesten und gleichzeitig umstrittensten Sohn der Stadt. Mit dem Verein Karl-Marx-Viertel, wo in der Brückenstraße das Geburtshaus steht, streitet sie dafür, aus dem unnahbaren Mann mit Rauschebart eine Persönlichkeit zum Anfassen zu machen. „Ich würde deshalb auf den Sockel verzichten“, sagt sie. Und Jenny Marx dürfe natürlich auch nicht vergessen werden. 

Zumindest auf dem Simeonstiftplatz wird das in Skulpturenform nicht passieren. Hier wird die männliche Bronzestatue alleine mit der rechten Hand am Mantelkragen und dem Buch in der Linken im virtuellen Gegenwind schreiten. Zu viel Erinnerung an realsozialisitische Kunst oder Lenin-Kult? Oberbürgermeister Wolfram Leibe hält von solchen Vergleichen nichts: „Wenn man sieht, wie realistisch stalinistische Kunst ist, dann sagen alle – auch viele Künstler hier in Trier – dieser Entwurf ist gute Kunst. Er hat nichts mit diesen eckigen übertriebenen stalinistischen Kunstwerken früherer Zeiten zu tun.“
 
Viel Diskussionsstoff

Nicht alle Passanten, die an diesem Nachmittag zufällig oder bewusst die Marx-Silhouette mustern und darüber sprechen, sind mit dieser Einschätzung einverstanden. „Man hätte uns Trierer vorher fragen sollen, ob wir das wollen“, ist eine exemplarische Äußerung, wie sie am Mittwoch allerdings nur ohne Namensnennung gemacht wird. Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen will, hat dazu heute noch die Gelegenheit. Er muss allerdings vor 17 Uhr auf dem kleinen Platz am Margarethengässchen sein. Dann wird der Sperrholz-Marx wieder abgebaut. 

Der chinesische Bildhauer Wu Weishan hat sich am Mittwoch per Skype davon überzeugt, dass seine Bronze-Statue am richtigen Platz stehen wird. „Mir gefällt der Standort besser als der ursprünglich ausgesuchte“, übersetzt Dolmetscherin Elisa Limbacher die Antworten des Künstlers auf Fragen des Trierischen Volksfreunds. Nun sollen die Einzelheiten über die endgültige Gestaltung in enger Abstimmung mit der Stadt Trier erfolgen. Voraussetzung dafür ist die Entscheidung des Stadtrats, das Geschenk anzunehmen. 

Kommentar 
Dieser Karl Marx passt zu Trier
Von Rainer Neubert

Karl Marx gehört zu Trier wie die Porta Nigra und Kaiser Konstantin. Deshalb spricht nichts dagegen, mit einer Skulptur an den weltberühmten Philosophen und Ökonomen zu erinnern. Der auch von Künstler Wu Weishan gewählte Ort auf dem Simeonstiftplatz passt gut. Dieser Standort verträgt eine Bronzeskulptur, deren Scheitel auf einem Sockel stehend in 6,30 Metern Höhe schwebt. 

Zu dieser Erkenntnis muss jeder gelangen, der unvoreingenommen die zweidimensionalen Attrappe betrachtet, die seit gestern zwischen dem Stadtmuseum und dem historischen Domizil der Karl-Marx-Gesellschaft steht. Die Ikone Karl Marx von ihrem idalistischen Sockel zu holen wird im wörtlichen Sinne zwar angesichts der Größe nicht gelingen. Denkanstöße wird der Bronze-Marx aber in jedem Fall geben. 


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Zur Premiere des Films "Der junge Karl Marx" spricht der Hauptdarsteller über unterhaltsame Briefe und eine reizvolle Freundschaft.