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Ein ganz verrücktes Weinjahr

(Trier/Schoden) So früh wie noch nie: Anfang Oktober haben viele Winzer an Mosel, Saar und Ruwer bereits die Rieslingtrauben geerntet. Die Mengen sind gering, die Qualität gut.

07.10.2017
Albert Follmann und Winfried Simon
Trier/Schoden Dieses Weinjahr ist außergewöhnlich. In "normalen" Jahren beginnen die Winzer erst Anfang Oktober mit der Rieslinglese, nun sind die meisten schon fertig. Die Trauben waren in diesem Jahr sehr früh reif, und weil sie in vielen Weinbergen von Fäulnis befallen sind, muss es jetzt sehr schnell gehen. Sie wollen die Ernte retten, bevor noch mehr Schaden entsteht.
Kleine und mittelgroße Weinbaubetriebe haben ihre Rieslingernte bereits eingebracht oder werden Ende dieser Woche fertig. Die Lesemannschaften größerer Weingüter sind auch nächste Woche in den Steillagen. Doch Mitte Oktober dürften über 95 Prozent der Rieslingtrauben auf der Kelter beziehungsweise als gärender Most im Keller sein.
Für Peter Geiben vom Weingut Karlsmühle in Mertesdorf (Ruwer) geht in einer knappen Woche die Rieslinglese zu Ende. Mit den frühen Sorten hat er am 18. September begonnen, so früh wie noch nie. "Der Druck, lesen zu gehen, ist durch die drohende Fäulnis groß geworden." Die Natur habe diesmal alle Register gezogen, sagt Geiben. Frost habe an der Ruwer zu Mengeneinbußen von 20 Prozent und mehr geführt.
Nicht nur in den besonders gefährdeten Flachlagen waren Ende April junge Triebe und Knospen erfroren, es erwischte auch die Steillagen. Von da an war klar: Die Erntemenge wird nicht üppig ausfallen. Es folgte ein sehr trockener Sommer, der laut Geiben den Trauben viel Stress bereitet hat. Die Folge: Die Reben wuchsen rasant, die Trauben wurden schnell reif und dick und damit anfällig für Fäulnis. Und jetzt also der hektische Herbst, um möglichst viele gesunde Trauben reinzuholen.
Im Keller von Peter Geiben gären jetzt die Rieslingmoste. Mit den Qualitäten - die Mostgewichte bewegen sich zwischen 80 und 100 Grad Oechsle - ist er sehr zufrieden. "Es wird mit Sicherheit ein gehaltvoller, kräftiger Wein mit guten Aromen."
Auch an der Saar rechnen die Winzer mit harmonischer Säure und viel Mineralität. Claudia Loch vom Rieslingweingut Herrenberg in Schoden ist mit der Qualität sehr zufrieden: "Wir können in diesem Jahr alle Qualitätsstufen abdecken und haben goldgelbe Bilderbuchtrauben geerntet."
Das durchschnittliche Mostgewicht liege bei 90 Grad Oechsle, im Keller habe man aber auch eine Beerenauslese mit 180 Grad Oechsle liegen. Sorgen bereitet Claudia Loch die geringe Menge. "Wie viele Winzer an der Saar haben wir 60 bis 70 Prozent Verlust durch den Frost." Das werde sich vermutlich auch auf den Preis niederschlagen müssen, sagt die Winzerin.
Das Leseteam hat permanent die faulen Trauben aussortiert. Das ist mühsam und kostet Geld. Am kommenden Dienstag will das Weingut Loch alle Trauben geerntet haben.
Winzer Michael Hank vom Weingut Hank in Longen (Mosel) ist schon mit der Lese durch. Sein Fazit: Ein guter Jahrgang, aber ein Drittel weniger Menge. Auch er glaubt, dass die Verbraucher wegen des knappen Angebots etwas mehr für die Flasche zahlen müssen.
Wünschenswert sei auch eine Preisanhebung für die Fassweinvermarkter: "Es gab dieses Jahr für alle mehr zu tun. Die Laubarbeiten waren aufwendiger, ebenso die Lese, weil die Trauben mit der Hand aussortiert werden mussten."
Extra: WEINLESE 2017 ERSTE BILANZ

Der Weinjahrgang 2017 zeichnet sich durch eine geringe Erntemenge und gute bis sehr gute Qualitäten aus. So lautet eine erste vorläufige Bilanz des Deutschen Weininstituts (DWI). Das DWI ist die zentrale Kommunikations- und Marketingorganisation der deutschen Weinwirtschaft. Die Menge aller Weinanbaugebiete in Deutschland wird vorläufig auf 7,5 Millionen Hektoliter geschätzt. Das wären 18 Prozent weniger als im vergangenen Jahr und auch 18 Prozent weniger als im langjährigen Mittel, erklärte DWI-Sprecher Ernst Büscher. Höher sei der Mengenrückgang an der Mosel ausgefallen, wo mit einem Verlust von bis zu 25 Prozent gerechnet werde. Die deutschen Winzer stehen mit dem Ernterückgang allerdings nicht allein da: Europaweit scheine sich in diesem Jahr die kleinste Ernte seit 2000 abzuzeichnen, so Büscher. Mit 146 Millionen Hektolitern werde die europaweite Menge um 14 Prozent schlechter ausfallen als 2016. Der Rückgang in Italien von elf und in Frankreich von 8,4 Millionen Hektolitern sei jeweils größer als der Gesamtertrag deutscher Winzer.