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aus unserem Archiv vom 11. März 2012
Autor: Tobias Senzig Kommentare: Kommentare zeigen Ort: Zemmer/Trierweiler Drucken  E-Mail

Trier-Land setzt auf kontrolliertes Wachstum

Umdenken in der Verbandsgemeinde Trier-Land: Statt Baubooms und unkontrollierten Wachstums soll die Identität der Dörfer bewahrt werden. Zemmer will die Infrastruktur seiner Ortsteile zentralisieren.

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Zemmer/Trierweiler. Vor dem kleinen Lebensmittelgeschäft in der Ortsmitte von Zemmer ist an diesem Morgen nicht viel los. Am Himmel donnern zwei Jets im Landeanflug auf die Airbase in Spangdahlem vorbei. Eine Dame mittleren Alters schleppt ihre Einkaufstaschen aus dem Geschäft. "Es gibt keinen Arzt mehr, keinen Metzger, keine Infrastruktur, keine Perspektive", erzählt die Zemmerin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Auch die Amerikaner zögen weg, wegen Sparmaßnahmen bei der Airbase. "Früher hat jeder sein eigenes Süppchen gekocht - jetzt bekommen wir die Ausläufer zu spüren", sagt die Frau ärgerlich. Dann steigt sie mit den Einkaufstüten in ihr Auto und fährt davon.

Zukunft der Region


"Wir sind dabei, das Kirchturmdenken aufzulösen", erklärt Edgar Schmitt, Ortsbürgermeister der Gemeinde Zemmer. Die Ortsteile Schleidweiler, Rodt und Zemmer wollen Teile ihrer Infrastruktur zusammenlegen (der TV berichtete). Auf der grünen Wiese zwischen den Orten soll ein Gemeindezentrum entstehen.

Strukturwandel in der Fidei


Auch Nachfrage nach Bauland ist da, sagt Schmitt. Sogar ein paar Luxemburger wohnten inzwischen in der Fidei.
Im Neubaugebiet von Rodt werde demnächst der nächste Bauabschnitt begonnen, auch Zemmer stehe in den Startlöchern. Aber danach soll erst einmal Schluss sein mit neuen Häusern. "Wir wollen auch die Alt ortskerne erhalten", sagt der Ortschef. In Rodt und Zemmer hätten Familien schon alte Bauernhäuser übernommen und aufwendig renoviert.
Der Verbandsgemeinde (VG) Trier-Land geht es gut. Die Einwohnerzahl wuchs in den vergangenen neun Jahren um 1,6 Prozent. In den Jahren 1992 bis 2002 waren es sogar fast sechs Prozent. 21 568 Menschen waren im Juni 2011 mit einem Erstwohnsitz in der VG gemeldet (Quelle: Statistisches Landesamt).

Nur Kordel schrumpft signifikant


Nur Kordel verzeichnet signifikante Einwohnerrückgänge. "Das ist kein Wunder. Kordel liegt in einem Talkessel. Wir haben keine Chance, ein Neubaugebiet auszuweisen", sagt Ortsbürgermeister Medard Roth. Seine Gemeinde versuche, die gute Infrastruktur zu erhalten, "damit die, die hier sind, sich wohlfühlen." In den nächsten Jahren soll an der Kyll auch betreutes Wohnen für ältere Mitbürger angeboten werden.
Anders ist die Entwicklung in der Gemeinde Trierweiler mit den Ortsteilen Trierweiler, Sirzenich, Fusenig und Udelfangen. Um 800 Menschen - das sind 27 Prozent - wuchs die Gemeinde in den vergangenen 20 Jahren. Insgesamt wurden in dieser Zeit zehn Neubaugebiete ausgewiesen. "Die Nachfrage ist immer noch da - besonders bei Luxemburg-Pendlern", sagt Ortsbürgermeister Matthias Daleiden. Der demografische Wandel macht dem Ortschef deshalb noch keine Angst: "Das wird bei uns verspätet ankommen."
Die Trierweilerer plagen ganz andere Sorgen: "Viele Neubürger halten sich aus dem Dorfleben heraus", sagt Daleiden. Die Bewohner hätten das Gefühl, dass durch die vielen neuen Gesichter das Dorfleben etwas verloren gehe. Ein weiteres Problem sei die Infrastruktur: Die müsse nämlich stets mitwachsen und werde irgendwann nicht mehr bezahlbar, erklärt der Ortsbürgermeister. Denn von der Einkommensteuer ihrer Bürger profitiert die Gemeindekasse nur, wenn sie in Deutschland arbeiten. "Von den Leuten, die in Luxemburg angestellt sind, bekommen wir keinen Cent Steuern", sagt Daleiden. Nach dem Willen des Gemeinderats soll Trierweiler nicht stark weiterwachsen. Mitte 2011 waren es dort 3636 Erstwohnsitze. Als Richtwert für die nächsten 20 Jahre gilt die Zahl von maximal 4000 Einwohnern.

Riesige Neubauten in Trierweiler



Gegen manche Auswüchse der großen Nachfrage ist die Gemeinde jedoch machtlos. "Alte Häuser werden aufgekauft, abgerissen, und es werden dort Riesenkisten hingestellt - dagegen können wir wenig machen", erklärt Daleiden. In Sirzenich entsteht demnächst ein 16-Familien-Haus. An der Trierweilerer Schulstraße wird gerade ein Block mit 14 Wohnungen samt Tiefgarage hochgezogen.
VG-Bürgermeister Wolfgang Reiland kennt die Situation in Trierweiler. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen integriert werden", sagt er. Anreize schaffen, dass Menschen zuziehen, Leben im Dorf zu halten, das sei eigentlich zukunftsorientiert. Das Allheilmittel könne aber nicht darin bestehen, immer neue Baugebiete auszuweisen. "Die Erhaltung der vorhandenen Substanz muss im Vordergrund stehen", sagt Reiland, "wir verlieren sonst unsere Identität."
Die Dorfkerne liegen Reiland besonders am Herzen: "Wo soll sich denn ein Dorfleben entwickeln, wenn nicht in einem Bereich in der Dorfmitte?" Ein Neubaugebiet in Schleidweiler sehe nicht anders aus als eines in Franzenheim oder Trierweiler.

Kita auch für Senioren nutzbar


Der demografische Wandel werde auch in der VG Trier-Land ankommen. "Wenn wir heute Kindergärten oder Schulen planen, dann so, dass sie später von Senioren genutzt werden können", sagt Reiland. Es ist weniger der Rückgang der Einwohnerzahlen als die veränderte Altersstruktur, die Reiland Sorgen bereitet. "Das wird große Probleme mit sich bringen im Bereich der Vereine - sie brauchen zum Beispiel elf Leute in einem gewissen Alter, um Fußball zu spielen."
Auch bei lebensnotwendigen Einrichtungen wie der Feuerwehr stehe die VG vor Herausforderungen. "Wir wissen, dass in Zukunft jeder Dritte über 60 sein wird. Wie können wir dann solche Dienste aufrechterhalten?" Auf Landesebene sei darüber schon gesprochen worden. Resultat: Feuerwehrfahrzeuge sollen in Zukunft mit weniger Besatzung bedient werden können.
Extra
Die Gemeinde Hockweiler ist der Ort im Landkreis Trier-Saarburg, der in den vergangenen neun Jahren am stärksten gewachsen ist: Um 64 Prozent vergrößerte sich die Einwohnerzahl (von 182 auf 298 Menschen). Obwohl noch immer Bauland nachgefragt wird, sieht Ortsbürgermeisterin Gertrud Kiesmann nun das Ende der Fahnenstange erreicht: "Wir haben einfach keinen Platz mehr." Die wenigen unbebauten Grundstücke innerhalb des Orts sollen nur noch an Einheimische verkauft werden, "damit die junge Generation im Dorf bleiben kann". sen

 




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