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Günter Wallraff in Trier: "Ich kann's nicht lassen"

Günter Wallraff berichtet in Trier von seiner Arbeit als Enthüllungsjournalist und nimmt Unternehmen unter die Lupe

(Trier) Rollen bleiben sein Ding. Günter Wallraff taucht auch mit 71 Jahren noch ab, um in Betrieben die Arbeitsbedingungen auf die Probe zu stellen. Bei einem Besuch in Trier spricht er über seine Erfahrungen - und kritisiert Unternehmen in der Region.

25.02.2014
Marie-Cathérine Fromm
 In Rente gehen ist für ihn kein Thema. "Ich bin wieder in einer Rolle unterwegs. Ich kann's nicht lassen", sagt Günter Wallraff, Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist. Mit Hilfe seiner Maskenbildnerin geht der 71-Jährige nach eigenen Angaben als Mann um die 50 durch. "Da kann ich mich nützlich machen. Ich muss es mir auch beweisen, solange die Kräfte reichen."
Für eine Lesung in Trier, die die Gewerkschaft IG Metall und der Dachverband DGB Region Trier organisiert haben, unterbricht Wallraff seine Recherchen. Fotos sind beim Termin in der Volkshochschule Trier nicht erlaubt - eine Vorsichtsmaßnahme, damit die aktuelle Tarnung nicht auffliegt. "Dann tauche ich wieder ab."

Obdachloser und Paketfahrer


In welche Rolle Wallraff diesmal schlüpft, gibt der Journalist freilich nicht bekannt. Obdachloser, Ausländer und jüngst Paketfahrer umfasst sein Repertoire schon - meist öffentlichkeitswirksam inszeniert, zuletzt beim Privatsender RTL. Mit seinen Einsätzen undercover will Wallraff Missstände in deutschen Betrieben dokumentieren und im besten Fall Arbeitsbedingungen verbessern. Abseits der medialen Aufmerksamkeit unterstützt Wallraff das Projekt Work-watch, wo sich Menschen bei Ärger am Arbeitsplatz beraten lassen können. Ein Dutzend "Grausamkeiten", wie er sagt, würden dort täglich per Telefon oder E-Mail eingehen.
Ein Thema, das Wallraff besonders umtreibt, ist die Situation in deutschen Betriebsräten. "Mitarbeiter, die sich engagieren wollen, werden mürbe gemacht, durch Abmahnungen bedroht und ohne Grund eingeschüchtert", beschreibt er seine Beobachtungen in einigen Unternehmen. Und auch aus der Region ist schon ein Fall auf seinem Schreibtisch gelandet, zur Situation bei der Firma Natus in Trier. 2012 warf die IG Metall dem Unternehmen vor, die Gründung eines Betriebsrats zu unterbinden und gewerkschaftlich organisierte Mitglieder auf die Straße zu setzen. "Ausgerechnet ein Unternehmer, der in der Region als Wohltäter auftritt, vertritt im eigenen Laden einen ‚Herr-im Hause\'-Standpunkt", wirft Wallraff dem Unternehmen vor. Auf der Homepage von Work-watch kommentiert er die Entwicklung, der letzte Eintrag über die Firma Natus stammt vom Dezember.
 

Verbraucher in der Pflicht


Auch für die Situation beim Bekleidungsgeschäft H&M in Trier, wo ein Mitglied des Betriebsrats seit dem Sommer 2013 gegen seine Entlassung klagt, findet er deutliche Worte: "Jeder, der davon erfährt, kann doch seine Klamotten nicht mehr da kaufen." Er sieht den Verbraucher klar in der Pflicht: "Wir wollen alles möglichst billig und schnell ordern. Damit schaffen wir selbst unsere Standards ab, irgendwann gibt es keine Fachgeschäfte mehr. Damit schaden wir uns letztlich selbst."
Um Missstände zu bekämpfen, lege er es aber gar nicht auf den großen Auftritt an, sagt Wallraff: "Über die Hälfte der Fälle bei Work-watch behandeln wir nicht journalistisch, sondern versuchen, Menschen hinter den Kulissen zu ihrem Recht zu verhelfen." Aber: "Wenn es gar nicht geht, muss eine größere Öffentlichkeit her."
Und hier setzt sich Wallraff - seit gut 50 Jahren im Geschäft - durchaus mit seinem Erbe auseinander. "Ich muss schon langsam mal daran denken, was ist, wenn ich das nicht mehr schaffe." Deshalb bildet er seit einigen Jahren Nachwuchsjournalisten für den Einsatz undercover aus und unterstützt ihre Recherchen finanziell. In der Sendung "Team Wallraff" für RTL genießen die Schützlinge ihren ersten medienwirksamen Auftritt. Ihre Fälle erscheinen außerdem in Wallraffs nächstem Buch "Die Lastenträger", das er im Herbst herausgeben will.
Doch auch seinen eigenen Fall wird der Enthüllungsspezialist zu vermarkten wissen. Abwarten, bis er wieder auftaucht.
Extra
Die IG Metall kritisierte im Juni 2012 mit einer Plakataktion die Arbeitsbedingungen beim Trie rer Unternehmen Natus, wo 600 Menschen arbeiten. Die Gewerkschaft bemängelte das Fehlen eines Betriebsrats, zudem sei die Bezahlung deutlich unter Tarif, das Lohngefüge ungerecht, und es mangele beim Umgang mit den Mitarbeitern an Respekt. Zudem soll Mitarbeitern gekündigt worden sein, die sich für die Gründung eines Betriebsrats eingesetzt hatten. Günter Wallraff sprang der IG Metall auf der Internetseite www.igm-natus.de bei. Natus äußerte sich öffentlich nicht zu den Vorwürfen. Ende 2012 wurde im Unternehmen erstmals ein Betriebsrat gewählt. Und der Streit geht weiter: Im November 2013 reichte die IG Metall einen Strafantrag gegen den Geschäftsführer von Natus bei der Staatsanwaltschaft in Trier ein, weil die Firma den Betriebsratsvorsitzenden abgemahnt hatte. Natus sieht sich zu Unrecht am Pranger. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi unterstützt seit 2012 den Betriebsratsvorsitzenden der Trierer H&M-Filiale, Damiano Quinto, gegen den die Geschäftsführung fünf Kündigungsanträge gestellt hat. Der Betriebsrat muss der Kündigung allerdings zustimmen, bevor sie rechtswirksam wird. Diese Zustimmung verweigerte der Trie rer Betriebsrat; ein Arbeitsgericht kann sie jedoch ersetzen. Das Trierer Arbeitsgericht erklärte im Juni 2012 die Kündigung für rechtens. Der Anwalt von Quinto legte Berufung vor dem Landesarbeitsgericht ein. Dort wird der Fall am 20. März verhandelt. maf

 

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