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"Ich glaube nicht mehr an Fairness" - Arbeitslos mit Ende 40

Warum trotz einer Vollbeschäftigung nicht alle gleiche Chancen haben - ein Beispiel

(Trier) Wenn am morgigen Donnerstag die Arbeitsagenturen in der Bundesrepublik wieder ihre monatliche Statistik vorstellt, so wird die Region Trier im Vergleich zu anderen wieder gut dastehen. Und doch gibt es auch hier Verlierer, wie das Beispiel Monika S. zeigt. Dossier zum Thema: Topthemen

24.02.2015
Karin Pütz
Monika S. war guter Dinge, als sie im Juni 2011 bei einem Trierer Ingenieurbüro eine Teilzeitstelle als Technikerin für Hochbau bekam. Ihre Tochter war damals 12 Jahre alt. "Alt genug, um ein, zwei Stunden auf mich zu verzichten, aber noch nicht alt genug, den ganzen Nachmittag alleine zu verbringen", sagt sie. Die vereinbarte Arbeitszeit von 8 bis 14 Uhr schien perfekt.

Unentgeltliche Überstunden

Dass es zweimal im Monat vorkommen könne, dass es später wird und monatlich sieben Überstunden unentgeltlich abzuleisten waren, nahm sie in Kauf. Doch bald kam sie an kaum einem Tag vor 15 oder 16 Uhr nach Hause, wenn der Chef sie mit zu Terminen nahm, oft erst um 19 Uhr. "Aus Angst um meinen Arbeitsplatz habe ich das mitgemacht, mit 45 Jahren hat man nicht die Wahl", sagt Monika S. Ständig hatte sie ein schlechtes Gewissen ihrer Tochter gegenüber.

Schließlich erkrankte ihr Bruder Anfang 2012 an Krebs. Er lebte 300 Kilometer entfernt und Monika S. fuhr fast jedes Wochenende zu ihm. "Ich habe mich der Personalchefin anvertraut und erzählte ihr, dass mir die Erkrankung meines Bruders sehr nahe geht und mich Kraft kostet. Ich hatte auf Verständnis gehofft, damit ich nun meine ursprünglich vereinbarten Arbeitszeiten einhalten kann. Die Chefetage ignorierte diesen Umstand jedoch. Ich wurde sogar gefragt, wann ich denn endlich ganztags kommen könne." Dass sie über die Erkrankung ihres Bruders gesprochen hat, sieht Monika S. im Nachhinein als Fehler.

Mitte 2012 verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Bruders, in der Firma erzählte sie diesmal nichts davon. Dann wurde sie am 31. August zur Personalchefin zitiert. "Sie sagte, der Chef sei unzufrieden, ich wäre nicht schnell genug, und ich sei hiermit zum 1. Dezember gekündigt."

Monika S. war fassungslos. "Ich war völlig überrascht. Ohne Abmahnung, ohne Warnung - ich stand total neben mir." Bis Dezember verrichtete sie ihren Dienst so gut es ging und schrieb Bewerbungen. Im Januar 2013 starb ihr Bruder, wenig später ihre Mutter. "Es tat sich ein Loch auf, mental ging bei mir gar nichts mehr." Verbittert sagt sie: "Mein Arbeitgeber hat mein Selbstbewusstsein zerstört, dazu kamen die vielen Absagen - wenn sich die Firmen überhaupt die Mühe machten, abzusagen." Zwei Vorstellungsgespräche ergaben sich aus den Bewerbungen, die ihr von der Agentur für Arbeit vermittelt wurden. Auch dort hat Monika S. nicht nur Gutes erlebt. "Ach, Ihr Mann ist Ingenieur? Dann müssen Sie ja gar nicht arbeiten", habe ihr ein Sachbearbeiter ins Gesicht gesagt. "Natürlich nagen wir nicht am Hungertuch, und ich bekäme kein Hartz IV, trotzdem fehlt uns natürlich mein Einkommen." Vor allem aber fehlt ihr die Arbeit.

Das Schlimmste sind heute noch die Selbstzweifel: "Alleine, wenn ich darauf angesprochen werde und die Leute erstaunt fragen: ,Wie, Du hast keine Arbeit?' merke ich, dass an meiner Persönlichkeit und an meinen Fähigkeiten gezweifelt wird."

Langsam beginnt sie, sich nicht mehr über ihren Beruf zu definieren und hält sich, um nicht untätig zu sein, mit einem 450-Euro-Job weit unter ihrer Qualifikation über Wasser. Psychisch geht es bergauf: "So schnell wirft mich nichts mehr aus der Bahn, aber ich glaube nicht mehr an Fairness auf dem Arbeitsmarkt."