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Trierer sorgen für Durchblick bei Stuttgart 21

Unternehmen aus der Region haben Bürgerinformationssystem für die Landeshauptstadt entwickelt

(Trier/Stuttgart) Stuttgart 21 ist in aller Munde. Das Bahnprojekt in der baden-württembergischen Landeshauptstadt polarisiert - Befürworter wie Kritiker begleiten jeden Fortschritt. Für objektive Grundlagen in dieser Gemengelage sorgen zwei Unternehmen aus der Region, die ein Bürgerinformationssystem aufgebaut haben.

04.01.2012
Heribert Waschbüsch
Trier/Stuttgart. Kein bundesweites Verkehrsprojekt hat in den vergangenen Jahren für so viel Furore gesorgt wie das umstrittene Städte- und Verkehrsprojekt Stuttgart 21 (S21). Für objektive Aufklärung bei den betroffenen Bürgern in den oft emotional geführten Diskussionen sorgen die beiden Trierer Unternehmen V-Kon.Media und Alta4 Geoinformatik, die das sogenannten Bürgerinformationssystem Stuttgart 21 (BISS21) entworfen haben.
Seit Mitte November ist es unter www.biss21.de live geschaltet. Es bietet Bürgern mit wenigen Mausklicks jederzeit anschaulich aufbereitete Informationen und Daten rund um das gigantische Bahnprojekt innerhalb der Stadtgrenzen Stuttgarts. "Unser Auftraggeber ist die Initiative Stuttgart21, in der paritätisch verteilt Mitglieder der Deutschen Bahn sowie der Stadt Stuttgart sitzen", erklärt der Vorsitzende von V-Kon.Media, Jürgen Idems.

Infos per Mausklick


Anfang 2011 erhielt das Trierer Unternehmen den Auftrag aus Stuttgart. Das 1993 in Trier gegründete Unternehmen mit zehn Mitarbeitern hat sich in der Vergangenheit auf die Präsentation von Projekten spezialisiert. In Bilder, Simulationen, computersimulierte Bauabläufe und 3D-Präsentationen wandeln die Experten einfache Projektpläne um, und machen sie für die Auftraggeber transparenter.
Die gleiche Aufgabe stand dem Trierer Unternehmen bei Stuttgart 21 bevor. V-Kon.Media-Chef Idems holte sich dafür zudem die Erfahrung von Alta4 ein. Ole Seidel hat seine Firma 1998 gegründet. Heute beschäftigt er 15 Mitarbeiter. Alta4 ist Spezialist für Geoinformationssysteme (GIS). Vor allem beherrschen die Alta4-Mitarbeiter es, solche Daten auch interaktiv und online ins rechte Licht zu setzen.
"Wir haben uns bei dem Projekt ideal ergänzt", freuen sich denn auch Seidel und Idems über die gelungene Zusammenarbeit.
Herausgekommen ist ein onlinebasiertes Bürgerinformationssystem, dass es den Stuttgartern erlaubt, die Auswirkungen des Baus auf ihr Wohneigentum einzusehen. "Im Zuge der Diskussion um Stuttgart 21 sind bei uns immer wieder diverse Anfragen von besorgten Bürgern eingegangen", erläutert Alice Kaiser, Bürgerbeauftragte der Stadt Stuttgart für Stuttgart 21.
"Diese Fragen bedurften teilweise großer Recherche. Es mussten zahlreiche Pläne gewälzt werden. Deshalb kam die Idee auf, möglichst viele, für das Projekt relevante Informationen in einem bestimmten Programm aufzubereiten und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir wollten damit die für Laien nicht immer einfachen, technischen Inhalte des Projektes veranschaulichen und begreifbar machen."
Bis zu 260 unterschiedliche Pläne aus Verfahren ab dem Jahr 2002 mussten die Trierer Unternehmen sichten, auswerten und in ihr Informationssystem einpflegen. So mussten die Pläne (georeferenziert) mit Katastereinträgen oder Luftbildaufnahmen in Einklang gebracht werden. "Dabei war es uns sehr wichtig, dass BISS21 für den Nutzer so einfach wie etwa Googlemaps funktioniert", erklärt Ole Seidel.
Konkret kann ein Stuttgarter Bürger seine Adresse auf der Online-Seite eintragen und bekommt sofort gezeigt, ob und wie, der neue Bahntunnel dazu in Beziehung steht. Führt die Trasse unter dem Wohnhaus hindurch? Wie tief darunter verläuft der Tunnel? Kann das Auswirkungen auf mein Gebäude haben? Interessierte können per Mausklick beispielsweise in Sekundenschnelle klären, wie weit ihr Grundstück vom Tunnel entfernt ist oder wo die Beweissicherungsgrenzen verlaufen.
Nicht nur der gesamte Streckenverlauf des Tunnels - mehr als 50 Kilometer - ist exakt nachzuvollziehen, sondern auch die jeweiligen Tunneltiefen sind es. 640 Höhenangaben und 154 Grafiken stehen zu diesem Zweck zur Verfügung. Karten und Luftbilder in den Maßstäben von 1:200 000 bis 1:500 sind für BISS21 aufbereitet. Über aktivierte Webcams lassen sich Momentaufnahmen diverser Plätze und Gebäude einfangen. Einsicht in 24 Pläne von planfestgestellten Beweissicherungsgrenzen gibt es zum Downloaden.
"Diese Beweissicherungsgrenzen sind für die Bewohner wichtig, weil in diesem Bereich bauliche Veränderungen, die eventuell durch den Tunnelbau entstanden sind, nachgewiesen werden können", sagt Jürgen Idems. "Dabei handelt es sich bei dem Projekt ja nicht nur um einen einzigen Tunnel, sondern um eine Vielzahl von Röhren", beschreibt Seidel das Projekt. In gut 160 Metern Tiefe entsteht ein verzweigtes Netzwerk von Tunneln, Versorgungskanälen und Sicherungsröhren. Das Bürgerinformationssystem der Trierer Unternehmen wird in Stuttgart bestens angenommen. "An manchen Tagen haben wir mehr als 2000 Zugriffe auf die Internetseite", so Ole Seidel.

Zufriedener Auftraggeber


Auch die Auftraggeber sind mit dem Projekt zufrieden. Sprecherin Alice Kaiser: "Die Bürger nehmen es an und reagieren ausgesprochen positiv auf BISS21. Das Ziel, Transparenz zu schaffen, werden wir mit diesem System ganz sicher erreichen." Zudem muss der jetzige Abschluss nicht unbedingt das Ende für die Trie rer Firmen bei Stuttgart 21 bedeuten.
"Wir haben ein offenes System, das sich erweitern lässt", erklärt Jürgen Idems. Die Problematik des Grundwassers könnte ebenso noch in die Vorlage eingearbeitet werden, wie Grünanlagen, notwendige Gebäudeabrisse, das Baustellenmanagement oder die Verkehrsplanung während der Bauausführung.
Und zudem: Bisher zeigt BISS21 den Zustand lediglich in der Stadt Stuttgart. Beim Gesamtausbau der Bahnstrecke Stuttgart-Ulm gibt es noch viele offene Fragen, die die Trierer Spezialisten gerne beantworten würden.
Extra
Das Bahnprojekt Stuttgart - Ulm umfasst die Teilprojekte Stuttgart 21 und die Neubaustrecke Wendlingen - Ulm. Das Bauvorhaben ist das größte Ausbaukonzept für den öffentlichen Schienenverkehr in Baden-Württemberg seit dem 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt der Proteste und Diskussionen steht dabei vor allem der Ausbau der Kopfbahnhofs Stuttgart. Doch nach der Volksabstimmung mit ihrem Votum für den Weiterbau von Stuttgart 21 waren die Wogen um das 4,1 Milliarden Euro teure Bahn-Vorhaben zunächst geglättet. Doch in den nächsten Tagen droht neues Ungemach: Die Räumung des Mittleren Schlossgartens, wo sich Stuttgart-21-Gegner einquartiert haben, steht zum 12. Januar bevor (der TV berichtete). hw

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