Ein Schweineleben: Warum mehr Tierschutz für Bauern das Aus bedeuten kann
"Der Verbraucher ist mit schuld, dass die Schweine so gehalten werden", sagt ein Bauer aus der Eifel. Wie vielen anderen hat ihm wegen der geringen Fleischpreise das Geld gefehlt, um in Tierschutz zu investieren. Deshalb stehen trächtige Sauen bei ihm noch immer bewegungsunfähig im Kastenstand. Der TV durfte einen Blick hinter die Stalltüren werfen.
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Eine Sau im Kastenstand: Der Käfig ist so eng, dass die Tiere sich nicht drehen können. Tierschützern zufolge führt diese Form der Haltung zu Verhaltensstörungen wie dem Stangenbeißen.
Trier/Saarburg/Bitburg/Prüm. Die Sauen erschrecken, als sich die Stalltür öffnet. Einige springen so abrupt auf, dass die mächtigen Hinterteile, die eben noch über der Güllerinne hingen, mit lautem Rums gegen die Metallstangen stoßen. Doch das war auch schon alles. Mehr Bewegung erlauben die engen Kastenstände den trächtigen Tieren nicht. Sie können sich weder drehen noch können sie gehen. Sie können nicht nach Schweineart herumwühlen und auch kein Lager für ihre Ferkel bauen. Sie können nur stehen oder liegen, fressen oder ausscheiden. Daran ändert auch die Zeit mit den Ferkeln nichts. Ihr ganzes Leben lang sind sie bewegungsunfähig. Das ist normal in deutschen Ställen. Noch.
"Das ist nicht ideal", sagt Gerhard Koch (Name geändert), der es nachvollziehbar findet, dass diese Haltungsform ab 2013 verboten ist. Es sind seine Sauen, die da in der gülleschweren Stallluft schrill grunzend die einzige Beschäftigung aufnehmen, die sich ihnen bietet: Sie beißen in die Stangen und schwenken ihre Köpfe von rechts nach links, von links nach rechts. Eine haltungsbedingte Verhaltensstörung, sagen Tierschützer. "Mit irgendetwas müssen sie sich ja beschäftigen", sagt Koch. "Es ist nun mal so", ergänzt seine Frau bedauernd. Die beiden mögen ihre Schweine. Gemeinsam bewirtschaften sie diesen Bauernhof seit über 20 Jahren und vermarkten das Fleisch unter anderem über die Regionalmarke.
Es ist ein ganz normaler Bauernhof in der Südeifel, die rings ums Nimstal nach rheinland-pfälzischen Maßstäben eine kleine Hochburg der Schweineerzeugung ist. Eine weitere liegt im Kreis Trier-Saarburg. Anders als im von spezialisierten Großbetrieben geprägten Norden Deutschlands wird hier noch oft im geschlossenen System produziert: Die Bauern bauen ihr eigenes Futter an, erzeugen ihre eigenen Ferkel und mästen diese bis zur Schlachtreife.
Das tun auch die Kochs. Doch nicht mehr lange. Denn die Sauenhaltung und damit auch die Ferkelproduktion werden sie aufgeben müssen. Sie können es sich schlicht nicht leisten, den Stall für 60 000 bis 80 000 Euro so umzubauen, dass die trächtigen Sauen ab 2013 - so wie vom Gesetz gefordert - mit etwas mehr Platz in Gruppen gehalten werden können.
Ursache dafür ist der anhaltend niedrige Schweinefleischpreis. Die Kochs haben kaum etwas verdient. Sie konnten nichts auf die Seite legen. Im Gegenteil. Sie mussten "von der Substanz leben" und sogar Kredite aufnehmen. So wie ihnen geht es vielen. Das erklärt auch, warum nicht einmal die Hälfte der 13 000 betroffenen deutschen Schweinehalter die bereits 2001 von der EU beschlossene Tierschutzrichtlinie umgesetzt hat. Und es erklärt auch, warum nach Einschätzung des Landwirtschaftsministeriums 230 von 373 rheinland-pfälzischen Betrieben 2013 die Ferkelproduktion einstellen.
Doch wie geht es danach weiter? Bricht die Produktion zusammen? Steigt der Preis? Vermutlich nicht. Experten rechnen damit, dass die Zahl der Betriebe abnimmt, während die durchschnittliche Bestandsgröße wächst, die Spezialisierung fortschreitet und der Preis über die erzeugte Masse an Schweinefleisch stabil bleibt.
"Ich würde mir wünschen, dass ich von meinem Beruf leben kann", sagt Koch. Und auch ein bisschen Planungssicherheit hätte er gerne. Doch die scheint ihm die Ferkelerzeugung nicht zu bieten. Denn er glaubt, dass bei den "Abferkelbuchten", in denen die Sauen ihre Jungen säugen, in Sachen Tierschutz noch was kommt. Schließlich können sich die Sauen da ebenso wenig bewegen wie in den Kastenständen: Auch hier stehen oder liegen sie, umringt von putzmunteren rosa Ferkeln, in einem eisernen Gestänge. Dies soll verhindern, dass sie in der Enge des Stallabteils aus Versehen ihre Jungen erdrücken. Bei den Kochs ist all das bald passé. Künftig werden sie ihre Ferkel zukaufen. Statt 150 stehen in den Kastenständen jetzt nur noch 50 trächtige Sauen, und die Ställe, in denen derzeit noch die Ferkel um ihre zum Stillhalten gezwungenen Mütter herumspringen, werden bald für die Mast umgebaut. Auch in die Mastställe müssen die Kochs investieren. Denn das Tierschutzgesetz verlangt ab 2013 zudem, dass die Spalten, durch die Kot und Urin abfließen, maximal 18 Millimeter breit sind - um Verletzungen zu verhindern. Bei dieser Haltungsform entfällt das Ausmisten. Nachteil ist laut Deutschem Tierschutzbund, dass die Schweine über konzentrierter Gülle stehen, die ihren Atemwegen schadet oder zu Augenentzündungen führen kann. Trotz der guten Belüftung und der Trennung zwischen Liege- und Kotplatz scheint das auch bei Kochs der Fall zu sein: Einige der Masttiere, die auf dem engen Raum über den Spalten leben, haben gerötete Augenränder. Ein weiterer Nachteil ist, dass den Tieren eine artgerechte Beschäftigung fehlt, da es keine Streu gibt, in der sie wühlen könnten. Die daraus resultierende Langeweile wiederum kann bei dichtem Besatz zu aggressivem Verhalten oder sogar Kannibalismus führen: Die Tiere beißen sich gegenseitig die Schwänze ab. Die Lösung ist ebenso einfach wie dem Gesetz nach verboten: Die Landwirte kupieren den Schweinen routinemäßig die Schwänze. Usus. Fast überall. Auch bei den Kochs.
"Es entscheidet sich alles über den Preis", sagt der Landwirt. Und der Verbraucher sei mit daran schuld, dass die Schweine so gehalten werden. Denn der Verbraucher will günstiges Fleisch. Die Discounter und Supermärkte geben den Druck an die Schlachtbetriebe weiter und diese an die Bauern, bei denen derzeit nur 1,63 Euro für ein Kilo Schweinefleisch ankommen. 1, 63 Euro.
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In den letzten 20 Jahren hat sich die Schweinehaltung in Deutschland stark intensiviert. Sie ist geprägt durch regionale Konzentrationen und immer größere Schweinebestände bei immer weniger Haltern. In Rheinland-Pfalz befinden sich vor allem kleinere und mittlere Betriebe. Nach Auskunft des Landwirtschaftsministeriums stand nur knapp ein Prozent aller in Deutschland gehaltenen Schweine 2010 in rheinland-pfälzischen Ställen. Die Schweinehaltung verliert im Land zudem rapide an Bedeutung. Im März 2010 wurden nur noch 1243 Halter registriert, das waren 218 weniger als ein Jahr zuvor. Auch die Zahl der in Rheinland-Pfalz gehaltenen Schweine bewegt sich laut Ministerium auf dem niedrigen Niveau von 258 166 Tieren. Schwerpunkte der Schweinehaltung finden sich heute noch in den Landkreisen Bitburg-Prüm, Trier-Saarburg, Mayen-Koblenz, Rhein-Lahn-Kreis und Donnersbergkreis. Sie hat sich aus den Gebieten mit Sonderkulturen wie Wein- und Gemüseanbau laut Ministerium fast vollständig zurückgezogen. Der Rückgang der Schweinehaltung betrifft insbesondere kleinere Bestände mit weniger als 400 Mastschweinen und weniger als 100 Zuchtsauen.
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Rund 300 Tage dauert die Produktion eines Schweins, ehe es zum Schlachthaus gebracht wird. Die Befruchtung der Zuchtsauen erfolgt meist auf künstlichem Wege. Ihre Trächtigkeit dauert etwa 115 Tage. Nach drei bis vier Wochen werden die Jungen von ihren Müttern getrennt und im Aufzuchtstall gehalten, bis sie etwa drei Monate alt sind. Danach beginnt die eigentliche Mast. Sie endet, wenn die Schweine das Schlachtgewicht von 110 bis 125 Kilogramm erreicht haben. Wenn alle diese Phasen in einem Betrieb aufeinanderfolgen, spricht man von einem geschlossenen System. kah
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Die Sicht der Tierschützer: "Das ist absolut tierschutzwidrig", sagt die Tierärztin Elke Deininger zur Haltung von Sauen in Kastenständen. Jeder verstehe doch, dass ein geselliges, intelligentes Tier, das sich überhaupt nicht bewegen kann, leiden muss. Für den Deutschen Tierschutzbund hat sie eine Broschüre über die Schweinehaltung in Deutschland verfasst, und sie kommt zu einem vernichtenden Urteil. "Über 90 Prozent der Schweine werden in Deutschland nicht artgerecht gehalten", sagt Deininger. Denn sie stehen auf engstem Raum ohne Stroh und Auslauf auf sogenannten Spaltenböden, durch die Kot und Urin in darunterliegende Auffangwannen abfließen. Das bedeutet: Die Tiere haben zu wenig Platz, kein Material, das sie ihrem natürlichen Trieb folgend durchwühlen könnten, und keine Möglichkeit, Liege- und Kotbereich zu trennen. Während die schlechte Luft zu gesundheitlichen Problemen führen könne, rufen Langeweile, Enge, Stress und Lärm laut Tierschutzbund Verhaltensstörungen hervor, die von Stangenbeißen bis zum Kannibalismus reichen. Vom Staat fordert der Tierschutzbund strengere Gesetze. Verbraucher fordert er auf, kein Fleisch aus "tierquälerischer Haltung" zu kaufen. kah
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Das Gesetz: Welche Regeln Landwirte bei der Schweinehaltung beachten müssen, ist in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung geregelt. 2013 ergeben sich einige Änderungen. Dazu zählt, dass trächtige Sauen künftig nicht mehr dauerhaft einzeln in Kastenständen gehalten werden dürfen. Sie sollen in Gruppenbuchten stehen und sich darin frei bewegen können. Jungsauen müssen dort mindestens 0,95 und Sauen 1,3 Quadratmeter Bodenfläche bekommen. Auch Ferkel und Mastschweine haben bald ein wenig mehr Platz: Statt 0,65 Quadratmetern werden jedem Mastschwein (bis 110 Kilo) 0,75 Quadratmeter Bodenfläche zugestanden. Zudem müssen die Bodenspalten, durch die die Gülle abfließt, künftig schmaler sein, um Verletzungen zu verhindern. Das routinemäßige Kürzen der Schwanzspitzen ist bereits seit Jahren verboten.
Schweine sind neugierig – so wie das vorwitzige Tier in der Mitte des Bilds. Diese Mastschweine stehen über ihrer Gülle auf einem Spaltenboden, haben aber auch einen separaten Liegebereich. Als Spielzeug dient ein hängender Holzscheit. Tierschützer fordern jedoch Stroh zum Durchwühlen. Fotos (6): Katharina Hammermann (2), dpa (3) Privat (1)
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