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Die Krise erwischt den Bankenplatz

(Luxemburg) Bislang sind Luxemburgs Banken recht glimpflich durch die Finanzkrise geschlittert. Doch die Einschläge sind gerade in diesem Jahr immer näher gekommen. Auf harte Zeiten sind jedoch weder die Institute noch die Politiker des Ländchens vorbereitet.
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"Die besten Zeiten sind vorbei." Walter Koob nimmt seit zwölf Jahren kein Blatt vor den Mund. Mit seiner akribischen Analyse des Finanzplatzes Luxemburg spricht der Partner der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG in Luxemburg das aus, was viele wissen, aber worüber kaum einer gerne spricht. Schon gar kein Luxemburger Politiker. "Luxemburgs Ökonomie wird zusehends abhängig von ausländischem Kapital", sagt Koob.

Denn die Lage ist ernst: Die Gewinne der Finanzinstitute sind laut der Luxemburger Finanzaufsicht allein im vergangenen Jahr um eine Milliarde auf 2,8 Milliarden Euro gesunken. Umgerechnet auf die Steuerzahlung aus der Branche macht das bei insgesamt 530 Millionen Euro ein Minus von rund 100 Millionen Euro. Ein Minusgeschäft auch für Luxemburgs Finanzminister Luc Frieden, der in guten Jahren schon mit 850 Millionen Euro für den Staatssäckel rechnen durfte. Immerhin stellt der Finanzsektor rund ein Drittel des gesamten Wirtschaftsaufkommens (siehe Extra). Und: Die Zeiten werden noch härter: "Das wird nicht mehr auf das alte Niveau zurückgehen", ist Jean Guill, Generaldirektor der Luxemburger Finanzaufsicht sicher. Folglich wird der Staatshaushalt belastet, die Politik hat 2013 weniger Ausgaben und höhere Steuern angekündigt.

Der Hintergrund: In der europäischen Schuldenkrise hängen Luxemburgs Banken mit drin. Ihre Abschreibungen senken die Gewinne. Als Folge der Krise kommen auf die Institute zudem neue kostspielige Regeln zu - bis 2015 allein 30 Neuregulierungen etwa zum Hochfrequenzhandel oder zum Regelwerk Basel III über strengere Kapitalvorgaben. Tiefe Zinsen und wenig Interesse der Kunden dämpfen zusätzlich die Geschäfte im Aktienhandel. "Die Euphorie ist vorbei", sagt Walter Koob. "Luxemburg verliert seine Sonderstellung als Platz für Nischen - allerdings ohne dass es ein neues Luxemburger Geschäftsmodell gibt." Weder von Banken- noch von Regierungsseite. Folglich rechnet der Experte mit der Schließung kleinerer Banken und dem Abbau von Personal. Deutsche Banken als immer noch größte Gruppe am Platz restrukturieren sich, fusionieren oder verlassen den Finanzplatz. "Treiber des Finanzplatzes Luxemburg sind die Banken nicht", sagt Koob.

Noch deutlicher wird der Präsident der Luxemburger Bankenvereinigung Ernst-Wilhelm Contzen, zugleich Generaldirektor der Deutschen Bank Luxemburg. "Die Regierung kann sich nicht länger auf den Bankensektor als Haupteinnahmequelle verlassen, die es Luxemburg erlaubt hat, über seine Verhältnisse zu leben", sagte er jüngst und fordert die Regierung auf, alles dafür zu tun, um die Finanzbranche vor Ort zu halten und ausländischen Investoren eine Perspektive zu geben. Contzen: "Luxemburg muss ein Kompetenzzentrum für internationale Kredite bleiben."

Walter Koob sieht auch Chancen für den Finanzplatz Luxemburg - sofern der diese auch nutze. Ob es ums exzellente Triple-A-Rating des Landes mit höchster Bonität, die Ansiedlung großer internationaler Finanzinstitute wie die zweier chinesischer Staatsbanken oder den Prestigezuwachs durch die Besetzung wichtiger Posten in Weltbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank mit Luxemburgern gehe: "Insgesamt ist Luxemburg noch glimpflich aus der Finanzkrise herausgekommen", sagt der Experte. Nun müssten Strukturen geändert werden - "die Politik muss den Ernst der Lage erkennen".
Extra
Steigende Arbeitslosigkeit: Luxemburgs Arbeitslosigkeit steigt weiter - auf 6,2 Prozent im November. Zum gleichen Zeitpunkt 2011 lag sie noch bei 5,7 Prozent. Damit sind 15 578 Menschen arbeitslos gemeldet - 1800 Menschen mehr als 2011. Ein Anstieg von 13 Prozent. Wachsende Schulden: Das Wirtschaftwachstum ist fast zum Erliegen gekommen. Laut dem Statistikamt wird es nach einem 1,6-Prozent-Wachstum 2011 in diesem Jahr gerade ein leichtes Plus von 0,5 Prozent werden. Und auch 2013 rechnet man nicht mit mehr als einem Prozent Wachstum. Dies schlägt sich in der Haushaltslage nieder. Laut Berechnungen der Stiftung Marktwirtschaft ist das einstige Musterland Luxemburg das am meisten verschuldete Land der zwölf Euro-Zonen-Gründer: mit 1100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Darin sind alle jährlichen Zahlungsverpflichtungen mit eingerechnet - also auch fällige Renten, Pflegekosten und Rückstellungen etwa für Grenzgänger. Verschleppte Reformen: Wirtschaftstreibende, Bänker und Investoren sind sich einig - Luxemburgs Wettbewerbsfähigkeit schwächelt. Ob automatische Indexanpassung, also die proportionale Steigerung von Löhnen und Gehältern analog zur Inflationsrate, das nach wie vor schlechte Image als Steuerparadies oder die massive Abhängigkeit der Wirtschaft und des Staatsbudgets vom Finanzssektor: Diese Faktoren gelten inzwischen als Investitionshemmnis. sas
Extra
Zum Ende des Jahres gibt es in Luxemburg 143 Banken - unverändert zu 2011. Von der Herkunft her hat sich die Struktur verändert. Es sind nur noch 39 deutsche Banken, 30 weniger als im Jahr 2000. Demgegenüber hat die Zahl nicht-europäischer Banken etwa aus China zugenommen. Die Banken verweisen auf eine Bilanzsumme von 762 Milliarden Euro, vier Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr. Die Beschäftigtenzahl im Bankensektor hat sich mit 26 619 nur geringfügig verändert. Eindrucksvoll zeigt sich die Situation am Ergebnis: So liegt das durchschnittliche Bankenergebnis 2012 nur noch bei 39 Prozent des Wertes aus dem Boomjahr 2007. Die Zahl der Fonds hat sich mit 3873 im Vorjahresvergleich leicht erhöht, das verwaltete Vermögen ist dabei um rund zehn Prozent auf 2,3 Billionen Euro gestiegen. Die Zahl der Fondsverwaltungen blieb mit 180 annähernd gleich, die Zahl der Beschäftigten ist um fast zehn Prozent auf nun 2763 im Vergleich zu 2011 gestiegen.
Quelle: CSSF - Luxemburger Finanzaufsicht

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