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18.09.2014
Christian Moeris

"Er ist der Boss im Knast"

(Wittlich) Tabak und Kaffee: Ein 34-jähriger Häftling der JVA Wittlich soll Insassen des Gefängnisses erpresst haben, ihm Lebens- und Genussmittel zu geben. Zudem steht der Mann wegen eines Streits um Putzwasser für seine Zelle vor Gericht.

Wittlich. "Er liebt seinen Marmorkuchen über alles, und dazu trinkt er nur den feinsten Instantkaffee." So beschreibt ein Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wittlich den "Boss im Knast". Dabei spricht er aber nicht von Anstaltsleiter Robert Haase, sondern meint einen verurteilten Drogendealer mit Boxergesicht und rasierter Glatze, der zurzeit eine Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren absitzt.
Die alte Strafe noch nicht abgebüßt, sitzt er schon wieder auf der Anklagebank. Im Zeitraum von September 2012 und Juni 2013 soll der 34-Jährige seine Mithälftlinge in der JVA erpresst haben. "Kaffee, Tabak und Marmorkuchen im Wert von 30 Euro musste ich ihm jeden Monat als Schutzgeld bezahlen", sagt ein Häftling, der am Donnerstagmittag als Zeuge vor dem Amtsgericht Wittlich aussagt. Kaffee oder Tabak, den die Häftlinge in der JVA kaufen können, "gelten innerhalb der Gefängnismauern als Währung", erklärt der erpresste Häftling. Der verurteilte Drogenhändler habe nicht nur mit Gewalt gedroht. Ein mit dem Daumen symbolisierter Schnitt durch die Kehle oder eine Backpfeife mit angespuckter Hand - der "Boss" habe stets für die Zahlungsmoral der Häftlinge gesorgt. Wenn er sein Schutzgeld bezahle, dann passiere auch seiner Familie draußen nichts, habe der "Boss" ihm gedroht. "Ich hatte eine beschissene Angst und konnte nicht mehr schlafen", erzählt der Gefangene. Der Angeklagte lächelt milde, als der jüngere Häftling den Verhandlungssaal betritt. "Herr Vorsitzender, ich habe ihn behandelt wie meinen kleinen Bruder. Ich habe ihm mit Tabak ausgeholfen, als er neu im Knast war", sagt der "Boss". Auch seine Strafverteidiger weisen die Beschuldigungen der beiden Häftlinge, die gegen den 34-Jährigen aussagen, zurück. "Die beschuldigen meinen Mandanten bloß, um Haftlockerungen und frühere Entlassungen herauszuschlagen", sagt Strafverteidiger Olaf Möller. "Unter Häftlingen ist so etwas üblich."
Doch im Zeugenstand gegen den 34-jährigen Drogenhändler stehen nicht nur Gefangene. Justizbeamte bezichtigen den Mann, ihnen gedroht zu haben. Ausgangspunkt einer letztlich eskalierten Diskussion soll ein Streit um Putzwasser gewesen sein. "Ich wollte meine Zelle putzen, hatte aber am Morgen vergessen, mein Bedarfskärtchen aufzuhängen", erklärt der "Boss". Als man ihm nun am Nachmittag keinen Eimer brachte, habe er sich provoziert gefühlt. Der Streit um Putzwasser eskalierte. "Ich knall\' euch ab", soll der Angeklagte einer Justizbeamtin gedroht haben. Zwei weitere "Knackis" stehen dem "Boss" im Zeugenstand dagegen bei. Die Aussage sei bezüglich der beruflichen Posten der Justizbeamten im Sinne von "Ich schieße euch ab, dann seid ihr euren Job los" gemeint, sagt der 35-jährige Mithäftling.
Die Verhandlung soll am 2. Oktober, 14 Uhr, mit der Verlesung der Vorstrafen und am 15. Oktober, 9 Uhr, mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt werden. Dann soll der engere Freundeskreis des verurteilten Drogendealers in der JVA durchleuchtet werden. Zudem möchte das Gericht die Kontenbewegungen einiger Häftlinge durchforsten, um den womöglich als Schutzgeld gezahlten Waren genauer auf die Spur zu kommen.

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