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Sie sind dann mal weg: Winter im Wallfahrtsort Klausen

(Klausen) 100.000 Menschen pilgern jedes Jahr nach Klausen, um Trost zu suchen oder für ihr Seelenheil zu beten. Im Winter verebbt der Ansturm. Was passiert mit dem Dorf, wenn die Pilger weg sind? Ein Ortsbesuch.

26.02.2016
Sebastian Gubernator
Vielleicht stimmt es ja, dass diesem Ort eine besondere Kraft innewohnt. Und dass Menschen im Wallfahrtsort Klausen Ruhe finden, Freude und Zuversicht - und sei es nur, weil sie fest genug daran glauben.

Klausen ist ein unscheinbares Dorf, 1400 Einwohner, eingeklemmt zwischen Eifel und Mosel. Eine lange Hauptstraße streckt sich vom Tal hinauf zur Kirche, in der die "Schmerzhafte Mutter Gottes" steht, eine Heiligenfigur. Sie machte Klausen zum Wallfahrtsort, zu einer von vielen Stationen auf dem berühmten Jakobsweg: 100.000 Menschen kommen nach Schätzungen der Kirche jedes Jahr, um die Figur zu sehen oder sich einen Stempel in ihr Pilgerbuch drücken zu lassen.

Offiziell beginnt die Wallfahrtszeit am 30. April und endet am letzten Freitag im Oktober. Und danach? Bleiben die Kirchenbänke leer, die Pilgerstempel unberührt? Wie sieht es jetzt, im Winter, in Klausen aus? Um das herauszufinden, wird man den Pfarrer treffen und die Mitarbeiterin einer Pilgerherberge, man wird Fremde auf der Straße ansprechen und sich mit ihnen über das Pilgern unterhalten. Über Glaube und Hoffnung und die Frage, welche Rolle die Kirche spielt in einer Zeit, in der Fußballspieler wie Götter verehrt werden.

Angelika Meyer steht an der Kasse des Dorfladens. Mit ihrem Mann, dem Ortsbürgermeister, betreut sie die Pilgerherberge, vier Doppel- und fünf Mehrbettzimmer, die über dem Laden liegen. Eine Kollegin übernimmt die Kasse, Angelika Meyer geht eine knarzende Treppe hinauf, um die Herberge zu zeigen. An der Wand im Treppenhaus verkünden schwarze Buchstaben: "Der Weg ist das Ziel."

Chöre, Familien, Schulklassen: Außerhalb der Wallfahrtszeit kämen oft Gruppen in der Herberge unter, sagt Angelika Meyer. Pilger seien im Winter eher selten. Meyer schließt eine Tür auf und gibt den Blick frei auf ein Zimmer mit Doppelbett. Durch das Fenster schimmert Sonnenlicht. Fernseher oder Minibar sucht man vergeblich, die Übernachtungen sollen einfach und günstig sein: 25 Euro kostet ein Doppelzimmer pro Person, Frühstück inklusive. Angelika Meyer führt in den obersten Stock und öffnet die Tür zu einem langen Schlafsaal. Sieben Betten reihen sich unter der Dachschräge aneinander. Zwischen zwei Türen, die zu den Bädern führen, hängt ein Kruzifix.

Man kann sich vorstellen, wie Pilger nach 20, 30 Tageskilometern hier ankommen, den Rucksack abstellen, die Schuhe ausziehen und ein paar Worte mit dem fremden Pilger im Nachbarbett wechseln. Aber jetzt ist der Saal leer. Angelika Meyer schließt die Tür, geht die Treppe hinab und verabschiedet sich.

Es ist ruhig im Dorf. Hinter zugezogenen Vorhängen lassen sich Mittelstandsbiografien erahnen, ab und zu rauscht ein Auto durch die Straßen. 19 Stufen führen hinauf zur Kirche.

Albert Seul, der Pfarrer, trägt Pullover und Jackett. Er sitzt in seinem Büro im Pfarrheim. Ja, sagt er, die Wallfahrtssaison sei vorbei, aber eigentlich gebe es in Klausen immer Pilger. "Im Winter sind es natürlich wesentlich weniger als im Frühjahr, Sommer und Herbst. Man merkt das zum Beispiel daran, dass in der Kirche weniger Kerzen aufgestellt werden und sich Broschüren und Andachtsbücher nicht mehr so gut verkaufen."

Was treibt die Pilger hierher? "Manche kommen, glaube ich, immer noch mit einem Anliegen", sagt Seul. "Für viele ist die Klausen-Wallfahrt auch eine Gelegenheit, andere Gemeindemitglieder zu treffen." Und dann gebe es Pilger, die "im weitesten Sinne" religiös motiviert seien: "Der Jakobsweg ist ja infolge von Hape Kerkeling auch ein Weg der Selbstfindung geworden."

Hape Kerkeling. Gespräche über das Pilgern sind häufig Gespräche über den Comedian, der nach Santiago de Compostela wanderte und darüber das Buch "Ich bin dann mal weg" schrieb, ein spirituelles Reiseprotokoll. Die Verfilmung lief Anfang des Jahres im Kino. Spätestens seit Kerkeling ist der Jakobsweg nicht nur, aber auch ein Zufluchtsort für Menschen, die den Alltag vergessen wollen und ansonsten kaum etwas mit Religion zu tun haben.

Muss sich die Kirche anpassen? "Wir versuchen, das zu tun, indem wir Angebote während der Wallfahrtssaison machen", sagt Seul. "Wir laden Referenten ein oder Künstler, von denen wir glauben, dass sie uns etwas zu sagen haben. Damit versuchen wir, Menschen zu uns zu bringen, die sonst vielleicht nicht mehr in die Kirche gehen."

Hinter dem Pfarrer treiben Fische durch ein Aquarium. Stolz erzählt er, dass die Sonntagsmesse immer voll sei, dass man im Sommer eine Viertelstunde vor Beginn kommen müsse, um einen guten Platz zu bekommen. Er fügt hinzu: "Das liegt wohl an der zurückgehenden Bedeutung der Kirchen um uns herum."

Der Körper dürr, der Blick gesenkt, auf dem Kopf die Dornenkrone: Jesus Christus hängt an der Außenwand der Kirche, gleich neben der Seitentür. Ein paar Meter entfernt steht Ernst Garbe, ein 74-jähriger Mann aus Pulheim bei Köln. Ein Pilger, auch wenn er nicht zu Fuß gekommen ist. Er wartet auf seine Frau, die noch in der Kirche ist und betet; auch er habe vorhin einen Rosenkranz gebetet, sagt Garbe: "Wir möchten das Seelenheil erreichen für uns und unsere Kinder." Bis zum 45. Lebensjahr sei er evangelisch gewesen, dann konvertiert, aber "meine Frau ist frommer als ich". Wenig später kommt seine Frau aus der Kirche. Beide erzählen, dass sie unterwegs zu einem Freund seien und Klausen auf dem Weg liege. Und dass sie schon öfter hier gewesen seien, "mindestens einmal im Jahr". Für das Ehepaar ist Klausen ein besonderer Ort.

Wer einige Stunden vor der Kirche verbringt, trifft Menschen, die aus den verschiedensten Gründen hierher gekommen sind. Das Ehepaar Garbe, um für das Seelenheil zu beten. Eine Frau aus Gerolstein, weil sie sich für die Kunst in der Kirche interessiert. Einen Mann aus dem Saarland, weil er Angehörige verloren hat und Trost sucht.

Die überraschende Erkenntnis dieses Ortsbesuches: Es ist egal, ob gerade Wallfahrtszeit ist oder nicht - auf religiöse, auf suchende Menschen hat dieses unscheinbare Dorf eine Anziehungskraft - auch im Winter.
Extra
Die Gemeinde Klausen hat rund 1400 Einwohner und fand im Jahre 1442 erste urkundliche Erwähnung, als der Marienverehrer Eberhard auf einer noch unbebauten Stelle eine Holzfigur aufstellte, die Maria mit dem vom Kreuz genommenen Jesus darstellte. Die Figur wurde bald in ein Marienhäuschen versetzt. Zwei Jahre später erfolgte die Errichtung der ersten Kapelle an der Stelle des Marienhäuschens. Am 25. März 1449 wurde die spätgotische Marienkirche geweiht. Die Kirche entwickelte sich schon bald zum beliebten Wallfahrtsort. red

 

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