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Vorbild für ein gelungenes Leben

Rüdiger Safranski zeichnet beim Eifel-Literatur-Festival ein plastisches Bild Goethes

(Bitburg) Aus seinem Bestseller "Goethe, Kunstwerk des Lebens" hat Rüdiger Safranski beim Eifel-Literatur-Festival in der Stadthalle Bitburg gelesen. Er vermittelte den 450 Besuchern dabei nicht nur ein lebendiges Bild von Johann Wolfgang von Goethe, sondern auch Denkanstöße für ihr eigenes Leben. Außerdem gab er Einblicke in die Arbeit des Biografen.

21.09.2014
Bitburg. Für die 450, teils aus Nordrhein-Westfalen, den Niederlanden oder Belgien angereisten Zuhörer hat Philosoph und Biograf Rüdiger Safranski an diesem Abend einige Denkanstöße im Gepäck. Sein dritter Auftritt beim Eifel-Literatur-Festival rankt sich um Johann Wolfgang von Goethe und dessen Kunst, ein gelungenes Leben zu gestalten.
Mitgebracht hat er seine Biografie "Goethe, Kunstwerk des Lebens". Doch bevor er daraus eine Passage liest, erklärt der Autor die Besonderheiten biografischen Schaffens: "Menschliches Leben lässt sich nicht kausal erklären". Man könne es allenfalls rückblickend verstehen, wenn man Umstände und Kontexte betrachte und daraus Motive des Handelns ableite. Mit Verstehen verbinde sich untrennbar das Erzählen: "Das merken wir an uns selbst: Wenn wir mit Analysieren nicht weiterkommen, fangen wir an zu erzählen und begreifen dann plötzlich". Nichts anderes tue der Biograf. Und dann erzählt er den Lebenslauf Goethes von dessen Geburt 1749 bis zum Jahr des Lesekapitels, 1794. Tatsächlich lässt sich die Ikone Johann Wolfgang von Goethe nun als Persönlichkeit aus Fleisch und Blut begreifen. Man sieht den gut aussehenden, materiell begüterten und mit vielen Talenten gesegneten Mann vor sich, der ein anziehend bejahendes Verhältnis zur Wirklichkeit hat. Man hat Teil daran, wie er seine Möglichkeiten sieht, nutzt und schon früh als literarisches Genie gefeiert wird. Nachvollziehbar werden auch seine Fluchten nach Weimar und Italien, plausibel der Entschluss, den er nach der Rückkehr von dort fasst: Er wolle einen Kreis um sich ziehen, in dem nur noch Liebe, Freundschaft, Kunst und Wissenschaft Platz finden sollen.

Der Leser wird zum Komplizen


Aus diesem Leben könnten wir heute viel mitnehmen, erläutert Safranski. Da gehe es um die Suche nach Balance zwischen verschiedenen Sphären, den Willen, sein Leben zu gestalten, seine Talente zu entfalten, und den Mut, ein Individuum zu sein. Besonders das Bild des Kreises habe Bedeutung für uns in globale Vernetzung und Kommunikation verstrickte Menschen: "Goethe lebt uns damit vor, dass es wichtig ist, Grenzen zu ziehen, nur das in sich aufzunehmen, worauf man auch produktiv antworten kann".
Passend dazu, dass Goethe Freundschaft als elementaren Wert in seinen Kreis aufgenommen hat, liest Safranski dann die Geschichte von der Annäherung Goethes und Schillers. Nachdem sie zuvor aus ihrer gegenseitigen Ablehnung keinen Hehl gemacht haben, laufen sie sich zufällig bei einem Vortrag der "Naturforschenden Gesellschaft" in Jena über den Weg. Dabei verstricken sie sich in einen Disput über Goethes Idee einer "Urpflanze". Gerade die Differenzen, die zutage treten, lassen beide den ausgleichenden Gegenpol im jeweils anderen erkennen. Bald verbindet sie eine tiefe und fruchtbare Freundschaft. Nach dem Schlusswort fragt Festivalleiter Josef Zierden den Autor, wie er sich den kolossalen Erfolg seiner Klassiker-Biografie erkläre. Darauf liefert Safranski eine Antwort, die man auch als Zuhörer dieser so spannenden wie anregenden Lesung bestätigen kann: "Man muss Leser mit seiner Leidenschaft ansprechen. Ich mache sie zu meinen Komplizen". ae