sport/laufen

Was macht eigentlich ... Herbert Steffny?

Herr Steffny, der 30. August 1986, welches Bild erscheint in Ihrem Kopf, wenn Sie an dieses Datum denken?
 
Herbert Steffny: Das war ein in Trier geborener Kindheitstraum: Ein volles Stadion zum Toben bringen! Sechs Tage vorher beim Frauenlauf haben wir uns die Marathonstrecke angeschaut. Da haben uns die Zuschauer erkannt und schon angefeuert. Dossier zum Thema: Was macht eigentlich

23.12.2010
Wir hatten Heimvorteil. Und dann mit Bestleistung eine EM-Medaille zu holen - da kann man nichts mehr sagen.
 

 
Was schätzen Sie höher ein? Ihre EM-Bronzemedaille oder den dritten Platz beim New York Marathon zwei Jahre zuvor?
 

Steffny: Wenn ich mich mit Gewalt entscheiden müsste, dann den dritten Platz bei der EM. Eine Medaille bei einer internationalen Meisterschaft ist eine hohe Anerkennung. Das ist in der klassischen Hierarchie. Steve Jones, der 1986 Weltrekordler war und beim Halbmarathon zwei Minuten vorneweg lief (Anmerkung: am Ende wurde er nur 20), hat mir später gesagt: Das Traurige sei, dass er Marathon-Weltrekord gelaufen sei, aber nie eine Medaille auf dieser Strecke gewonnen habe. Zeiten sind Schall und Rauch. Medaillengewinner ist man ewig. Der dritte Platz beim New York Marathon, das war der internationale Durchbruch. Das war der Wegbereiter für Werbeverträge. Vor 1984 hatte ich keine Sponsoren.
 

 
Sehen Sie eine Chance, dass sich solch ein Erfolg eines deutschen Marathonläufers bei den internationalen Meisterschaften in den kommenden Jahren wiederholt?
 

Steffny: Man hat ja jetzt schon alles vermasselt. Die Europameisterschaften in Barcelona wären eine Chance gewesen: die Weißen unter sich. Heutzutage laufen die Europäer schlechter, als wir in den Achtzigern. Wenn man heute Marathonläufer ist, hat man außerhalb einer EM kaum eine Chance. Aber wenn man sieht, dass niemand nominiert wird oder ins Ziel kommt ... Es kann nicht schlechter werden.
 

 
Weshalb waren Sie nie aktiv bei Olympischen Spielen dabei?
 

Steffny: Dreimal hatte ich die Olympianorm: 1984 war ich in keinem Kader, ein Unbekannter. Man teilte mir indirekt mit, ich hätte keine Perspektive, weil ich mit 30 zu alt sei. Dann bin ich in New York Dritter geworden, und es war klar, dass ich eine Perspektive hatte. Für die Olympischen Spiele 1988 hatte ich als einer der Ersten die Norm, wurde vor Ort in Seoul aber krank. Ich hatte 39,8 Grad Fieber. 1992 war ich dem DLV zu alt und man stürzte sich auf die ehemaligen DDR-Athleten. Wahrscheinlich waren hinter meinem Namen auch zu viele kritische Striche. Ich habe immer offen meine Meinung gesagt. Man konnte mich nie verbiegen.
 

 
Sie waren für den TV Germania Trier deutscher Jugendrekordler, einer der hoffnungsvollsten deutschen Nachwuchsläufer, haben dann aber Ihre Sportkarriere zugunsten des Studiums unterbrochen. Würden Sie das noch einmal so machen?
 

Steffny: Das war nicht so geplant. Im Nachhinein ging es aber vielleicht nicht anders. Mit 19 war ich vom Kopf her nicht so weit. Ich galt als das Riesentalent, hatte allerdings keine Arbeitsmoral. Mit 30 war ich nicht zu alt für Marathon, aber hatte Arbeitsmoral. Als ich merkte, es läuft gut, habe ich meine Uni-Karriere riskiert und das Promotionsstudium abgebrochen. Wahrscheinlich wäre ich sonst heute Professor für Zoologie. Jetzt schreibe ich aber keine Schmetterlings-, sondern Laufbücher und gebe Laufseminare.
 

 
Was würden Sie jungen Langstreckenläufern in Deutschland heute raten? Sollen sie auf die Karte Sport setzen?
 

Steffny: Wenn man den Willen hat, muss man das scheinbar Unmögliche versuchen. Jeder, der Karriere macht, sagt, dass er beharrlich und fleißig war. Risikobereitschaft gehört dazu. Man überlegt heute zu viel: Was kann ich verlieren? Und nicht: Was kann ich gewinnen? Dass die Kenianer heutzutage schneller sind, ist mir bewusst. Aber über jemanden, der eine 2:11 läuft, wären wir doch heute in Deutschland froh. Der hätte beim Berlin-Marathon seine eigene TV-Kamera und einen Riesenmarktwert. Das geht auch ohne Laktattests und den ganzen Schnickschnack, den niemand braucht, sondern vor allem mit Willensstärke und Beharrlichkeit. Wenn ein Deutscher sein Training am Computer auswertet, trainiert der Kenianer schon wieder 'ne Runde.
 
Interview: Holger Teusch
 


 
Zur Person
 
Der am 5 September 1953 geborene Herbert ist der jüngste der in Trier aufgewachsenen vier Steffny-Brüder. 1986 sorgte er mit dem Gewinn der Bronzemedaille bei den Europameisterschaften in Stuttgart für den größten Erfolg eines bundesdeutschen Marathonläufers vor der Wiedervereinigung. Er war 16 Mal deutscher Meister, gewann dreimal den Frankfurt-Marathon und wurde Dritter beim New York Marathon (1984). Seine Marathonbestzeit lief er 1986 mit 2:11:17 Stunden in Chicago. Berühmt wurde er als Trainer des früheren Bundesaußenministers Joschka Fischer.
 
Extra
 
Herbert Steffny in Trier: Ob er beim Bitburger-Silvesterlauf in einer Woche in Trier sein wird, weiß Herbert Steffny noch nicht. Am 22 Januar führt der 57-Jährige aber bei der Handwerkskammer Trier einen kostenlosen Laufworkshop zur Vorbereitung auf den Hochwald-Mittelrhein-Marathon am 28 Mai durch. Das Motto: Vom Nichtsportler zum ambitionierten Läufer. Außer um die Theorie geht es selbstverständlich auch um die Praxis, ums Laufen. Informationen bei Irene Schikowski, HWK Trier, Telefon: 0651/207108, E-Mail: ischikowski@hwk-trier.de.

Empfehlungen

Kommentare