Faszination Tour de France: Auftakt zur großen Schleife in Lüttich
Schwitzende Männer auf fragilen Hightec-Geräten, hunderttausende Fans an der Strecke und eine unglaublich dichte Atmosphäre: Man muss die Tour de France live erleben, um zu verstehen, warum die Runde durch Frankreich weit mehr als nur ein Radrennen ist.
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Drei, zwei, eins – und ab! Im Minutentakt rollen die Fahrer von der mystischen Rampe mit dem großen gelben Bogen. Es geht auf die ersten 6,4 Kilometer der Tour de France – mehr als 3400 Kilometer werden folgen. Als erster geht der Niederländer Tom Veelers ins Rennen, 197 Fahrer werden folgen. Vorgestellt wird jeder einzelne von Tour-Sprecher Daniel Mangeas, der die bisherigen Erfolge der Fahrer nahezu auswendig kennt.
Eine Viertelmillion Menschen säumen die Strecke zwischen der Avenue Rogier und dem Quay de la Goffe. Aus allen Ecken der Welt sind sie gekommen, um einmal dabei zu sein und ihre Helden anzufeuern. Etwa das gute Dutzend Norweger, die besonders lautstark jubeln, als endlich Edvald Boasson Hagen vorüberrauscht. Oder die beiden eher stillen Luxemburger, bei denen nur das T-Shirt mit der Aufschrift „Schleck Brothers“ einen Hinweis darauf gibt, wen sie am Ende der Tour oben auf dem Podium sehen wollen. Mancher Fan hat sich schon in den frühen Morgenstunden mit Klappstuhl den besten Platz direkt am Start gesichert. Andere erklettern Brückengeländer, Brunnen oder Denkmäler, um eine gute Sicht auf die Strecke zu haben.
Doch bevor es wirklich losgeht, heißt es warten. Zwei Stunden vor dem Start geht die große Werbekarawane auf die Strecke. An Karnevalswagen erinnern die Gefährte, mit denen sich die Sponsoren präsentieren und ihre Werbegeschenke unters Volk bringen. Erst danach gehört die Strecke endlich den Athleten. Vor dem offiziellen Start nutzt der eine oder andere die Zeit, die Strecke noch einmal kurz abzufahren – die erste Gelegenheit, die Fahrer wie Jens Voigt in Aktion zu sehen.
„C'est le Tour“: Diese Antwort bekommt man häufiger, wenn man nach dem Grund der Begeisterung fragt. Die Tour de France ist seit mehr als 100 Jahren weit mehr als nur ein Radrennen wie jedes andere. Anders als Olympische Spiele ist sie nicht an einen Ort gebunden. Drei Wochen lang zieht der Tross quer durch die Grande Nation und ihre Nachbarländer. Von Lüttich über Boulougne sur Mer bis nach Pau und St. Jean de Maurienne. Millionen Menschen entlang der Strecke erleben die Radfahrer hautnah, können die Schweißtropfen auf der Stirn erkennen, sehen die Anstrengungen und den Kampf in den Gesichtern. Kein Zaun, kein Graben trennt bis auf wenige Ausnahmen Athlet und Fan. Näher kommen sie ihren Helden nirgendwo.
An diesem Tag ist Philippe Gilbert eindeutig der Favorit der Zuschauer. Er ist nicht nur Belgier, sondern stammt auch noch aus der Provinz Lüttich und wurde in Verviers, nur wenige Kilometer vom Start entfernt geboren. Großer Jubel begleitet ihn über die gesamte Strecke. Am Ende ist er mit 13 Sekunden Rückstand auf dem neunten Platz im Ziel. Dort werden die Fahrer von hunderten Journalisten und Kamerateams erwartet. Doch auch ihre Aufmerksamkeit ist extrem ungleich verteilt.
Während die einen – wie der Eifeler Johannes Fröhlinger - nahezu unbehelligt durchfahren können, sehen sich die anderen – wie etwa die deutsche Zeitfahrhoffnung Tony Martin – einer gierig wartenden Journalistenmeute gegenüber, kaum dass sie nach der Zieldurchfahrt wieder den Kopf gehoben haben. Kaum hat Martin seinen Hightec-Renner zum Stehen gebracht, versinkt er schon in einem Meer aus Kameras, Fotoapparaten und Diktiergeräten und muss erklären, warum es am Ende doch nicht für den Etappensieg und damit das gelbe Trikot gereicht hat.
Die Antwort ist erstaunlich simpel: Ein Platten zwang ihn, das Rad auf der Strecke zu wechseln. So kann am Ende der Schweizer Fabian Cancellara jubeln – und das gleich mehrfach, so sieht es das strenge Protokoll der Siegerehrung vor. Einmal auf die Bühne für den Etappensieg, dann nochmal für das gelbe Trikot für den Gesamtführenden und ein drittes Mal für das grüne Trikot für den besten in der Punktewertung. Es wirkt schon so, als dürfe Cancellara gar nicht mehr von der Bühne. Doch dann wird endlich ein Trikot verliehen, für das der Schweizer nicht mehr infrage kommt: das weiße Triko des besten Jungprofis. Das nimmt an diesem Tag der Amerikaner Tejay Van Garderen in Empfang.
Weil im Prolog keine Punkte für die Bergwertung verliehen werden, haben sich die Organisatoren eine besondere Ehrung ausgedacht: Dieses Trikot erhält Lucien Van Impe, der letzte Belgier, der die Tour gewann (1976) und bei 14 Teilnahmen genau sechs Mal dieses Trikot nach Paris trug. Dorthin sind nun auch die 198 Fahrer des Feldes unterwegs, die ersten 6,4 Kilometer haben sie nun schon einmal hinter sich.
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