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Claudia Pechstein vor dem Bundesgerichtshof: "Dass die Gerechtigkeit irgendwann siegt"

(Karlsruhe) Claudia Pechstein hat viele Niederlagen vor Gericht hinnehmen müssen. Nach der Verhandlung des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe hofft sie auf den entscheidenden Sieg im Dauerstreit mit dem Eislauf-Weltverband.

08.03.2016
Ulrike John, dpa
Um 14.09 Uhr trat Claudia Pechstein aus dem Gebäude des Bundesgerichtshofs zu ihrem Lebensgefährten Matthias Große und lächelte. «Schlittschuhe packen! Es geht ja weiter», sagte sie, bevor das Taxi kam. Wieder einmal hatte Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin am Dienstag eine Gerichtsverhandlung hinter sich gebracht. Diesmal könnte es ihr größter Sieg werden.

Zwar verkündet der Kartellsenat unter der Vorsitzenden Richterin und BGH-Präsidentin Bettina Limperg erst am 7. Juni in Karlsruhe das Urteil. Pechstein darf aber vorsichtig optimistisch sein: Dass ihr seit 2009 andauernder juristischer Streit mit dem Eislauf-Weltverband ISU ein gutes Ende findet. Dass sie mit ihrem Ansinnen durchkommt, Vorreiterin zu sein für alle vor Sportgerichten ungerecht behandelten Athleten. Und dass sie vor dem Oberlandesgericht München weiter um die fünf Millionen Schadensersatz für ihre Dopingsperre zwischen 2009 und 2011 kämpfen darf.

«Jahrelang» hatte die fünfmalige Olympiasiegerin auf diesen Tag hingearbeitet. Noch vor der Verhandlung hatte sich Pechstein mit ihren Anwälten in einen stillen Winkel des BGH zurückgezogen, nachher trat sie mit fester Stimme vor die vielen Kameras und Mikrofone. «Ich habe ein sehr gutes Gefühl», sagte sie. Die Präsidentin habe einen «super» Job gemacht. «Mein Ziel ist ganz klar, dass die Gerechtigkeit irgendwann siegt.»

Während der mehr als zweistündigen Verhandlung saß Pechstein fast bewegungslos neben ihren Anwälten. In der Uniform der Bundespolizei, der sie als Leistungssportlerin angehört, vor sich ihre Dienst-Schirmmütze auf dem Tisch. Nur ab und zu blickte die 44-jährige Berlinerin zu ihrem Freund Matthias Große, der in der ersten Besucherreihe saß. Vor allem bei den Ausführungen des Kartellrechtlers Jörg Nothdurft, der doch einige Zweifel an der Neutralität des internationalen Sportgerichtshofes CAS und der Rechtmäßigkeit der Athletenvereinbarung durchklingen ließ, nickten sich die beiden öfter zu, als wollten sie sagen: Ja, genauso ist es. Genau das macht uns Hoffnung.

Große war am Ende gar «sehr, sehr erleichtert.» Pechstein hatte zwei Tage nach Ende der Mehrkampf-WM in Berlin schon wieder den nächsten Wettkampf im Kopf: Ab Freitag steht im niederländischen Heerenveen das Weltcup-Finale an. Deshalb ließ sie sich aus Karlsruhe gleich an den Stuttgarter Flughafen fahren.

Es war ihr siebter Prozess gegen die ISU. Pechstein hat nach eigenen Angaben bislang rund 750 000 Euro für medizinische Gutachten, Anwälte und Prozess-Kosten ausgegeben. Ihren BGH-Anwalt konnte sie nur durch einen Spendenaufruf bezahlen. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), hat die überaus zähe und ausdauernde Athletin inzwischen als «Opfer» bezeichnet.

Trotz ihrer vielen Medaillen wird man Claudia Pechstein eines Tages womöglich eher im Gerichtssaal in Erinnerung behalten als auf dem Eis-Oval. Und als jene Athletin, die der deutschen Sportwelt den Begriff «Retikulozytenwerte» nähergebracht hat.

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