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Gendoping - das große Zukunftsthema

Was Fakt ist und was Fiktion - Kölner Professor: "Gentherapie wird im Alltag ankommen"

(Köln) Nach jahrelanger Forschung in der Gentherapie gibt es neue Entwicklungen. Doch welche Auswirkung hat das auf den Sport? Die Züchtung von Superathleten ist Fiktion - die Beeinflussung der eigenen Genaktivität dagegen längst machbar. Der TV sprach mit Experten der Sporthochschule Köln.

09.09.2014
Omid Mostofi
Köln. Nicht das Symptom, sondern die Ursache beheben. So lautet der Grundgedanke hinter der Gentherapie. In den 90er Jahren erlebte die neue Therapie einen Boom, sie wurde als neuer Heilsbringer gefeiert. Auch in der Sportwelt schaute man gespannt auf die Entwicklung in der Medizin. Schneller, stärker, besser - mit Hilfe veränderter Gene? Die utopischen Vorstellungen wucherten, weil einzelne Versuche an Tieren überproportionales Muskelwachstum ergeben hatten. Das ließ manche an mutierte Superathleten glauben - oder sogar an die Erweiterung der menschlichen Gene. Zwei Dekaden nach der großen Euphorie um die Gentherapie haben sich neue Verfahren entwickelt. Sie geben auch einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen im Sport. Was ist Fakt und was ist Fiktion?
In der Gentherapie hat sich einiges gewandelt. Abseits des Medienrummels entwickeln die Forscher neue Verfahren. 2012 wurde die erste Gentherapie in Europa zugelassen. 2013 entdeckten Forscher das sogenannte CRISPR/Cas-System, die Genschere, die das präzise Trennen und den Austausch von DNA-Abschnitten möglich machen soll. Die Theorie scheint simpel, doch die Anwendung ist in der Realität oft unmöglich. Beschränkten sich Erfolge in der Vergangenheit nur auf Tierversuche, konnten in Studien mittlerweile auch therapeutische Erfolge bei sehr seltenen Krankheiten nachgewiesen werden. Die Therapie ist meistens der letzte Ausweg für die Patienten. "Es gibt noch keine Anzeichen, warum sich gesunde Athleten einem so hohen Risiko aussetzen sollten", sagt Professor Patrick Diel von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Trend geht laut Meinung des Experten in eine andere Richtung - die Manipulation der Gene durch Medikamente. "Der Austausch eines Gens hat im Bereich des Gendopings nur eine minimale Aussicht in der Zukunft", kündigt der Biochemiker an.

Tabletten wirken auf Gene


Was heißt überhaupt Gendoping? Hinter dem Begriff stecken zwei unterschiedliche Methoden. Zum einen kann die Genaktivität durch Medikamente verändert, gehemmt oder gesteigert werden. Die Beeinflussung der Genaktivität ist bereits möglich. "Mit Hilfe von Tabletten kann das Epo-Gen beeinflusst werden", sagt Diel. Auch andere Mittel lassen sich im Internet mühelos bestellen, auch wenn die starken Nebenwirkungen bekannt sind. Nicht unbedingt ein Hindernis für einige Profi- und Amateursportler.
Zum anderen kann genetisches Material in den Organismus eingeschleust werden. Dabei wird ein Gensegment durch ein anderes ersetzt, um die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern: der sogenannte Gentransfer. Ein hochkomplexer Eingriff, der zur Zeit und in naher Zukunft nicht möglich scheint.
"Es gibt zu viele Alternativen, die einfacher sind", meint Biochemiker Diel. "Warum sollte man einen hochkomplexen Eingriff vornehmen, wenn man mit Hilfe einer Tablette die Genaktivität an- und abschalten kann?" Die derzeitigen Alternativen für betrügerische Athleten bieten weniger Risiko, dennoch in etwa dieselbe Wirkung. Trotzdem besteht seit jeher ein Interesse von Sportlern, den Körper langfristig anzupassen. 2006 wurde dem wegen Dopings minderjähriger Sportler verurteilten Leichtathletiktrainer Thomas Springstein nachgewiesen, dass er sich nach bestimmten Gendopingmitteln erkundigt hatte. Die internationale Antidopingagentur Wada reagierte schon früher. Bereits 2003 verbot sie jegliche Art der Genmanipulation. Sportler werden aber noch nicht standardmäßig auf Gendoping getestet.

Gentherapie und Alltag


Seit 2013 fällt nur noch der direkte Gentransfer unter den Begriff des Gendopings. Um die Sportler von morgen auf die sensible Problematik vorzubereiten, wurde das AGIL Programm (Aktionsprogramm Gentechnologie im Leistungssport - Urteilskompetenz für Nachwuchssportler) 2012 ins Leben gerufen. Professor Dr. Swen Körner von der Deutschen Sporthochschule in Köln ist einer der Leiter des Projekts. Es wurde eine Internetplattform erstellt, auf der alle relevanten Informationen und Neuigkeiten zum Thema präsentiert werden. Medizin, Ethik, Recht - das sind die drei Ebenen, aus denen das Projekt das Thema Gendoping beleuchtet. Um das brisante Thema den Nachwuchssportlern nachhaltig nahezubringen, wurden 13 Elitesportschulen in ganz Deutschland besucht. Vorträge und Workshops wurden präsentiert. "Von jedem Fachgebiet war jeweils ein Experte vor Ort", erklärt Körner. "Wir wollen den Athleten von morgen die medizinischen, ethischen und gesellschaftlichen Folgen des Themas vorstellen."
Im nächsten Schritt soll der Internetauftritt ins Englische übersetzt werden und in Zusammenarbeit mit der EU, Sportschulen in ganz Europa sollen ihre jungen Talente über das Thema aufklären. "Aufgrund der globalen Thematik des Dopings wollen wir das Projekt internationalisieren", sagt Körner. In naher Zukunft dürfte sich der Austausch der Gene auf die Behandlung schwerer Erkrankungen beschränken. Trotzdem ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein Sportler der Verlockung nicht widerstehen kann. Außerdem investiert die Pharmaindustrie kräftig in Gentechnololgie. "Es spricht vieles dafür, dass die Gentherapie eines Tages im Alltag unserer Gesellschaft ankommt", sagt Körner. Wenn sich die Gentherapie nicht mehr nur auf kranke Patienten beschränkt, sondern auch kerngesunde Menschen gentherapeutische Medikamente zur Leistungssteigerung einnehmen, müsse der Sport dennoch frei von Gendoping bleiben. Umso wichtiger seien die Prävention und die Entwicklung neuer Nachweis strategien.
Extra
Setzen Spitzensportler bereitwilliger die eigene Gesundheit aufs Spiel? Diese Erkenntnis kann man - pauschalisiert - aus dem sogenannten Goldman-Dilemma ziehen. Die seit 1982 regelmäßig mit ähnlichen Ergebnissen wiederholte Umfrage des Arztes Bob Goldman besagt, dass jeder zweite Hochleistungssportler bereit wäre, innerhalb von fünf Jahren zu sterben, wenn ihm eine Droge eine olympische Goldmedaille garantieren würde. Das unterscheidet sich erheblich von der Restbevölkerung: Da wäre nur ein Prozent bereit, für herausragenden beruflichen Erfolg diesen Preis zu zahlen. red

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