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Spochtipedia: Unterwegs im Drachenboot (Video)

(Trier) "Drache - Beeil dich": So lautet der auf Moselfränkisch rausposaunte Schlachtruf der Drachenbootsportler der Rudergesellschaft Trier. Beim Mitpaddeln auf der Mosel zeigt sich: Gefragt sind Teamgeist, Technik, Schnellkraft und Ausdauer. Dossier zum Thema: Spochtipedia

31.05.2017
Mirko Blahak
Zur Vorbereitung hatte ich mir ein paar Bilder im Internet angeschaut. Aber jetzt, wo es vor mir aufgebockt in der Halle auf dem Gelände der Rudergesellschaft Trier liegt, sieht es doch irgendwie anders aus. Vor allem schmaler. "Es kann nachher auf dem Wasser ein bisschen wackeln. Aber umkippen? Da kann nichts passieren", beruhigt Dieter Moers von der Drachenboot-Abteilung der RG Trier.
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12,50 Meter lang, rund 1,10 Meter breit, 250 Kilo schwer, zehn Bänke für 20 Paddler, ein Platz für den Trommler, ein Platz für den Steuermann am Langruder. Das ist das Boot, mit dem es gleich auf die Mosel geht. Der Rumpf ist aus glasfaserverstärktem Kunststoff in zweischaliger Bauweise gefertigt. Kostenpunkt: 12 500 Euro. Zuzüglich jeweils 400 Euro für den geschnitzten Drachenkopf und Drachenschwanz, die manuell vorne und hinten angebracht werden können.
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Aus Anlass des TV-Besuchs werden die Drachen-Utensilien an diesem Abend zum Training ans Boot montiert. Normalerweise wird das nur bei Rennen gemacht. Die Mitglieder des Mixed-Teams
im Alter zwischen 14 und Ü 60 sind zudem alle in ihren schwarzen "Draco-Treve rorum"-Club-T-Shirts erschienen. Ein großer Bahnhof. Jetzt gilt’s: Bloß nicht blamieren!
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Vor dem Einsteigen gibt’s eine kleine Theorieeinheit mit Dieter Moers. Sein Tipp: Beim Einsteigen den ersten Fuß in die Bootsmitte stellen, um Schwankungen zu vermeiden. Auf den Bänken positioniert sich jeder Drachenboot-Paddler ganz außen an der Bordwand - auch das dient der besseren Austarierung. Mögliche Ungleichgewichte im Boot werden mit Sandsäckchen ausgeglichen. Das Bein in der Mitte wird ausgestreckt, das an der Bordwand nach hinten angewinkelt. Es gibt drei verschiedene sogenannte Stechpaddel: Anfängerpaddel sind aus Kunststoff und wiegen 650 Gramm. Sie sind am unempfindlichsten, wenn mit ihnen irgendwo dagegengeschlagen wird. Die nächste Stufe bilden die Holzpaddel, die nur halb so schwer sind. Die "Königsklasse" stellen Paddel aus Carbon dar - sie wiegen lediglich 250 Gramm, sind mit 220 Euro aber auch am teuersten und fragilsten.
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Mir wird ein Holzpaddel anvertraut. Das ist doch schon mal was. Aber wie wird nun damit gepaddelt? "Mit der Führungshand wird oben an das Paddel gegriffen, mit der anderen Hand wird das Paddel am Schaft oberhalb des Blatts gefasst. So soll ein Dreieck zwischen den Armen und dem Oberkörper gebildet werden. Mit dem Oberkörper muss man sich dann weit eindrehen, um das Paddel senkrecht ins Wasser einstechen und nach hinten durchziehen zu können - wie bei einem Raddampfer", erläutert Moers.

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Die Schlagfrequenz beträgt im Durchschnitt 58 pro Minute. Bei kurzen Strecken sind es 65 bis 70. Die wahren Profis des Sports schaffen 90 bis 100. Kurzstreckenrennen über 250 Meter sind nach rund einer Minute zu Ende. Bei Langstreckenrennen - etwa dem Monkey-Jumble in Saarbrücken - sind die Boote auf einer elf Kilometer langen Strecke gut 50 Minuten unterwegs.
Der Drachenboot-Sport verlangt einerseits Schnellkraft, andererseits Kondition. Beansprucht wird nicht nur die Muskulatur des Oberkörpers, sondern auch die des Gesäßes und der Oberschenkel. Außerdem sind Rhythmus, Kooperation und Koordination in dieser Teamsportart wichtig.
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Jetzt heißt es anpacken: Die Trainingsgruppe manövriert das Boot zum Steg an der Mosel. Alle steigen nacheinander ein, Reihe für Reihe. Ich sitze zuerst auf der rechten Seite in Fahrtrichtung - steche also das Paddel rechts vom Boot ein. Mein Nebenmann macht das Ganze zunächst auf der linken Seite.
"Are you ready? Attention! Go!" - Das Sagen hat der Steuermann, der im Heck das Boot lenkt. "Meutereien gibt es nicht", hatte Moers vorher gesagt. Stimmt. Die Crew folgt den Anweisungen, nur bei den ganz anstrengenden Vorgaben gibt es leichtes Murren. Auf dem Trainingsplan stehen an diesem Abend auf dem Weg Richtung Konrad-Adenauer-Brücke und zurück unter anderem Start-Simulationen. "Wir machen jetzt fünf, zwölf und dann 30", gibt Moers vor.

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Das heißt: Am Beginn stehen fünf kräftige, lange Paddelschläge, um das Boot vom Fleck zu bekommen. Dann folgen zwölf schnelle, kurze Schläge, um Tempo aufzunehmen - und 30 normale, lange Schläge, um das Tempo aufrechtzuerhalten.
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Trommlerin Lea nimmt den Rhythmus des vordersten Paddlerpaares auf. Auf allen Bänken ist Synchronität gefragt. Am Moselufer werfen Passanten erstaunte Blicke auf das Drachenboot - gepaart mit aufmunternden Worten. Ich bekomme davon nicht so viel mit - ebenso wenig wie von der Landschaft, die so nah über der Wasseroberfläche anders wirkt, als man sie sonst kennt. Die ganze Konzentration gilt dem Bewegungsablauf des Paddelns. Zu Recht: Irgendwie ist mein Hemd nasser als das anderer Bootsinsassen.
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Die Temperaturen sind an diesem Abend angenehm. Zudem geht kein Wind. Trainiert wird bei der RG Trier aber auch im Winter. Drachenbootpaddeln ist ein Alljahressport. Einer, der sich aus Sicht von Moers für jedermann ab circa elf Jahre eignet: "Wer sich sportlich betätigen will, kann mitmachen. Man braucht keine Vorkenntnisse und kann den Sport schnell erlernen. Schon nach zwei, drei Trainings kann man mit an Kurzstreckenrennen teilnehmen." Eine Voraussetzung gibt es indes doch: Man sollte schwimmen können.
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Kurz vor der Konrad-Adenauer-Brücke werden im Boot die Positionen gewechselt. Von der rechten geht’s auf die linke Seite - und umgekehrt. Kurz vor der Rückkehr zum Steg - unter der Kaiser-Wilhelm-Brücke - erhebt die Bootscrew geschlossen die Stimme:
Draco - Dummel deisch!
Draco - Dummel deisch!
Draco - Dummel deisch!
Siehr! Siehr! Siehr!

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"Drache - Beeil dich!, Schnell, schnell, schnell" heißt das ins Hochdeutsche übersetzt. Es ist der Schlachtruf des Mixed-Teams, mit dem das einstündige Training zu Ende geht - 60 Minuten voller sportlicher Tatendrang, Naturerlebnis und Teamspirit.