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Seitenwagen-Rennsport in Trier: Wo Mensch und Maschine eins werden (Video)

(Trier) Sie sind Asphalt-Artisten in Schräglage: Seitenwagen- Fahrer rasen mit ihren ultraflachen Fahrzeugen über Straßen- und Rundkurse. In den Kurven wirken enorme Fliehkräfte auf sie. Trier ist zu einer Hochburg der Gespanne im Motorrad-Rennsport geworden. Dossier zum Thema: Spochtipedia

22.02.2017
Jürgen C. Braun
Samstagsmorgens um 9 Uhr ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls in der Werkstatt von Schlossermeister Eckart Rösinger in der Rudolf-Diesel-Straße in Trier. Wenn andere sich erst aus den Federn schälen, beim Frühstück gemütlich die Zeitung lesen oder den Wochenend-Einkauf vorbereiten, dreht sich dort das Leben um viel wichtigere Dinge.

Jedenfalls aus der Sicht von Eckart Rösinger, Markus Heck, Tassilo Gall, Horst Schons und dessen Sohn Kevin. Dieses Quintett ist dem Seitenwagen-Rennsport verfallen.

Bestes Beispiel ist Horst Schons. Dessen vor vier Jahren verstorbener Vater Egon war eine Ikone im Seitenwagen. Vor allem in Trier, aber längst nicht nur dort. Schons/Lauterbach: Der Name dieses Duos hatte in der Szene einen Klang wie einst Graf/Kohde bei den Tennis-Damen oder Rosskopf/Fetzner an der Tischtennis-Platte. "Das ist schone eine Weile her", antwortet der heute 62-jährige Horst Schons auf die Frage zum Zeitpunkt seines letzten Rennens. "Das war 1990, aber die Rennerei lässt dich ja nicht los." Nach einer langen Karriere war erstmal mehr als ein Vierteljahrhundert Schluss. Bis im vergangenen Jahr das "Fieber wieder ausbrach". Horst Schons besorgte sich ein F2-Gespann, seitdem besetzt er Rennen in der Klassik-Szene.

Sohn Kevin, der mehr als sieben Jahre im Kartsport aktiv war, ist der ,Schmiermaxe’ im Vater/Sohn-Gefährt. "Was will ich denn machen, ich werde ja nicht gefragt", sagt dieser in leise gespielter Verzweiflung. Dabei merkt man dem 27-Jährigen an, wie viel Spaß ihm die Wettbewerbe auf den Rennstrecken machen.

Eckart Rösinger, in dessen Domizil sich an diesem Samstagmorgen alles um Schweißer-Arbeiten, um Drehmoment-Schlüssel und um Ketten-Schmieren dreht, war einst des Rennsports wegen nach Trier gekommen. Seit 1982 war er Beifahrer von Schons. 1985 zog es den gebürtigen Frankfurter nach Trier.

"Da war ich näher dran. Damals war ja alles noch einfacher im Berufsleben. Ich war Schlosser und habe in einem Betrieb nach Arbeit gefragt. Der Meister hat gesagt, am Montag kannst Du anfangen."

Der 57-jährige Rösinger gründete 2004 sein eigenes Team und wechselte aus dem Beiwagen auf den Fahrersitz. Seitdem zieren nationale und internationale Erfolge seinen Weg. Mit Co-Pilot Steffen Werner aus dem schwäbischen Ellwangen fährt er seit 2016 die Weltmeisterschaft, er wurde Vierter in der F2 World Trophy.

Markus Heck kam als Rennmechaniker in die Szene. Später wollte er wissen, ob er nicht nur ein exzellenter Schrauber, sondern auch ein richtiger Racer ist. In England besorgte sich Heck ein Renngespann, gründete 2015 sein eigenes Team. Bei den 600ern (Motoren mit 600 ccm Hubraum) beendete er die internationale Seitenwagen-Trophy 2016 als Neuling auf Rang fünf.

Tassilo Gall (47) ging ebenfalls den Weg vom Beifahrer zum Piloten. Er nimmt in diesem Jahr an der internationalen deutschen Motorrad-Meisterschaft (IDM) teil. Für diese höchste nationale Rennserie sucht er noch einen Beifahrer. "Tassi", wie ihn die Kollegen rufen, und Heck wissen um den Zeitaufwand: "Das ganze Leben richtet sich nach dem Rennsport aus."

Rösinger, der sich in Trier selbstständig machte und seinen Meisterbrief erwarb, präzisiert: "Der Sport hat was von Großfamilie. Es sind ja nicht nur die Rennen. Wir müssen alles selbst machen an den Maschinen. Da steht kein Konzern, keine Firma, kein Yamaha, Honda oder Suzuki dahinter."

Da helfe der Elektriker dem Schweißer und umgekehrt. "Wenn einer auf der Rennstrecke einen Unfall hat, bemühen sich alle, dass er beim nächsten Rennen wieder an der Ampel steht. So lange sind alle Familienmitglieder. Erst wenn das Visier geschlossen wird, ist Schluss mit lustig", sagt Rösinger.

Die Gespanne erreichen teilweise mehr als 200 Stundenkilometer, ein Fahrzeug kostet rund 35 000 Euro. Bei den Solo-Motorradfahrern genießen die Schräglagen-Artisten mit ihren halsbrecherischen Künsten höchsten Respekt. Nicht nur wegen ihrer fahrerischen Qualitäten. "Die Solo-Piloten sind technisch nicht so gut ausgebildet wie wir. Wir müssen ja vieles selbst machen. Uns verbindet die Technik und die Notwendigkeit, alles Andere hinten anzustellen", sagt Tassilo Gall.

Ohne das Verständnis der Lebenspartnerinnen und von Familienmitgliedern wäre das alles nicht zu leisten, betont das Quintett. Ein Renn-Wochenende bindet einen manchmal drei oder vier Tage. Nach der Anfahrt beispielsweise ins thüringische Schleiz, nach Oschersleben oder nach Tschechien wird im Transporter geschlafen. Neben dem Gespann. "Uns verbindet Mensch und Maschine", sagt Markus Heck und grinst: "Ich darf an der Nasenspitze meiner Rakete pennen!"

Solche Abenteuer möchte keiner richtig missen. "Die sozialen Kontakte reichen bis nach Australien" berichtet Rösinger, und Gall ergänzt: "Neulich habe ich ein Paket mit Ersatzteilen für einen Fahrer nach Irland fertiggemacht."
Wohnmobil, Pension? Woher denn? Sponsoren sind in der Regel Bekannte, die Material oder mal einen Helm springen lassen. Denn, so betonen alle: "Zum Klinkenputzen haben wir keine Zeit." Denn sie müssen ja nicht nur Rennen fahren.

Und deswegen wird auch samstagsmorgens in der Werkstatt gewerkelt, geschraubt und sich gegenseitig geholfen. Denn: "Das Leben ist Rennen, aber das Rennen ist auch Leben."