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Spochtipedia-Serie: Auf die harte Tour nach oben

(Trier) Beim Bouldern klettert man ohne Seil, es geht auch nicht so hoch hinaus. Aber das ist viel schwieriger, als es klingt. Dossier zum Thema: Spochtipedia

28.06.2017
Andreas Feichtner
August 2020, irgendwo in deutschen Wohnzimmern. "Weiter geht’s mit Bouldern", mag der Fernseher ankündigen - und auf der Couch für Rätsel sorgen: Bouldern - was ist das? Seit einem Jahr steht fest, dass Bouldern erstmals olympisch sein wird, in drei Jahren bei den Sommerspielen in Tokio. Nicht als Einzeldisziplin, sondern als Teil in die olympischen Sportarten aufgenommenen Sportkletterns. Die anderen beiden Disziplinen sind Speed (also vorgegebene Routen auf Zeit klettern) und Schwierigkeits-Klettern (auch Lead-Klettern genannt). Der Unterschied: Beim Bouldern geht es nicht so hoch hinaus. Nur so hoch, dass man sich beim Sturz (auf die weichen Matten) im Normalfall nicht verletzen kann - denn beim Bouldern benutzt man kein Seil.

Dass Sportklettern bald Teil der olympischen Familie ist? Das ist eine gute Sache, findet Herbert Seimetz. Der Konzer ist Trainer der DAV-Jugendkletterer - Sportklettern ist im Deutschen Alpenverein (DAV) organisiert. Seimetz hat vor fast vier Jahrzehnten mit dem Klettern begonnen ("In den Klettergärten Igel und Gerolstein oder auch in Berdorf in Luxemburg"). Bouldern war damals hier noch überhaupt kein Thema. "Seitdem gab es eine ungeheure Entwicklung im Klettern", sagt Seimetz beim Treffen in der Trierer Kletterhalle Cube. "Es ist ein richtiger Breitensport geworden, das sehe ich, wenn ich unterwegs bin. Die Region Trier hat da eher noch Nachholbedarf." In Trier gibt es drei Indoor-Kletterhallen - das Cube, die Blocschokolade (nur Bouldern) und die Kletterwand in der Arena Trier. Auch in Wittlich gibt es eine Halle, die sich auf Bouldern spezialisiert hat (Cave).

"Klettern ist ein Naturtrieb. Das hat jeder in sich. Sich austoben können und Schwierigkeiten bewältigen - und die fangen im Kopf an: Denn jeder hat anfangs Sturzangst", sagt Seimetz. Schwere Verletzungen seien beim Sportklettern selten - und beim Bouldern ist die Verletzungsgefahr wegen der eher geringen Fallhöhe noch geringer.
Während Seimetz - ein drahtiger Typ, dem man die Ü60 nicht ansieht - ins Schwärmen gerät, schwingt sich Mia Lames an der Boulderwand nach oben, eigentlich sie läuft mehr an der Wand entlang, Hand hier, Fuß dorthin. Das sieht spielerisch aus, ist aber auch harte Arbeit. Drei Mal in der Woche trainiert die 14-jährige Triererin. "Angefangen zu klettern habe ich als Sechsjährige. Vor drei Jahren bin ich dann zum Bouldern angefangen - und das mache ich jetzt überwiegend." Und mit Erfolg: Im April wurde Mia Rheinland-Pfalz-Meisterin, im Mai Sechste bei den Westdeutschen Meisterschaften. Was den Reiz ausmacht? "Beim Bouldern geht es darum, auf engstem Raum Schwierigkeiten zu überwinden - man kann auch Springen und Laufen, das ist an der Kletterwand nicht möglich. Beim Lead-Klettern mit Seil und Vorstieg kommt es stärker darauf an, die Nerven zu behalten." Mit dem Bouldern erreicht der DAV auch ein jüngeres Publikum, es hat etwas Spielerisches. Und wer fällt, holt sich kein blutiges Knie. In Trier trainieren aktuell rund 50 Kinder und Jugendliche.

Die Ursprünge des Boulderns liegen in der Nähe von Paris, an den Sandsteinfelsen von Fontainebleau. Schon vor rund 100 Jahren bereiteten sich dort junge Alpinisten auf Expeditionen in die Alpen vor. "Das ist heute noch ein riesiges Boulder-Gebiet, das Mekka in Europa", sagt Seimetz.

Als Vater des modernen Bouldern gilt aber der amerikanische Mathematik-Professor John Gill, der in den 1950ern und 60ern das Bouldern forcierte - es aber mit den akrobatischen Anforderungen eher in die Nähe des Turnens als des Bergsteigens rückte. Gill führte auch als Erster ein Bewertungssystem für so genannte Boulderprobleme ein (also den Schwierigkeitsgrad). Der Begriff Boulder leitet sich vom englischen Wort für Felsbrocken ab. Auch, wenn es beim Bouldern nicht auf die Höhe ankommt: die Luft wird nach oben schnell dünn, wenn es um die Schwierigkeiten geht. "Das kann sich ein normaler Mensch nicht mehr vorstellen, was da von den Besten an extremen Schwierigkeiten bewältigt wird", sagt Seimetz.

Der Grad der Schwierigkeit orientiert sich an der französischen Bewertungsskala von 3 (leicht) bis aktuell 9a - das schwierigste Boulderproblem, das bisher gemeistert wurde. Für Seimetz hat das Sportklettern in all seinen Facetten einen weiteren positiven Effekt: Man bleibt topfit, auch die Gelenke. "Wenn ich mir etwa ältere Langstreckenläufer ansehe, dann sind sie auf der Strecke zwar noch richtig schnell - manche können sich aber kaum noch die Schuhe zubinden. Beim Klettern ist das anders, weil man sich komplett bewegen muss."