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Spochtipedia: Sie hechten von einem Erfolg zum nächsten (Fotos)

(Gerolstein) Deutschlands Faustballer sind international derzeit das Maß aller Dinge. Dennoch fristet der Sport ein Nischendasein. Dabei eignet sich das Rückschlagspiel für viele Altersgruppen auch als intensive Freizeitbeschäftigung, wie eine Gruppe in Gerolstein beweist. Dossier zum Thema: Spochtipedia

15.02.2017
Erfolgreicher geht’s nicht. Nach solch einer Titelsammlung würden sich andere Mannschaften in Teamsportarten die Finger lecken. Amtierender Weltmeister bei den Frauen und Männern. Amtierender Europameister bei den Frauen und Männern. Amtierender Vereins-Weltcupsieger bei den Männern. Amtierende Hallen-Europacupsieger für Clubs bei Männern und Frauen. 

Deutschlands Faustballer sind international derzeit nicht zu toppen. Und doch sind Auswahlspieler wie Stefan Schmutzler oder Annkatrin Aldinger bei den allermeisten Sportfans komplett unbeschriebene Blätter. 
Faustball fristet ein Nischendasein und kämpft vielerorts um Nachwuchs. 
Die Faustballer des SV Gerolstein brauchen sich derzeit keine Sorgen zu machen. Bei den Herren, die sich jeden Montagabend zum Schlagabtausch in der Grundschul-Sporthalle treffen, sind 16 Spieler dabei. „Über Mundpropaganda konnten wir mehrere Spieler werben, wir sind aktuell gut aufgestellt“, sagt Übungsleiter Manfred Butschkau.



„Hab ich“, ruft der 78-Jährige, als ein Ball des Gegners in die Spielhälfte seines Teams rauscht. „Wenn der Coach das ruft, muss jeder wegbleiben“, sagt Teamkollege Alwin Hebermehl mit einem Augenzwinkern. 
Disziplin, Ehrgeiz – aber vor allem Spaß: Die Gerolsteiner Männer spielen Faustball, weil sie sich körperlich ertüchtigen wollen – aber auch des Zusammenseins wegen. Bis zum Beginn der 2000er Jahre hatte die Mannschaft an Turnieren teilgenommen, inzwischen ist für sie der Sport reines Freizeitvergnügen. „Früher haben wir uns nur nach dem Ball geworfen, heute werfen wir uns auch nach dem Bier“, sagt Butschkau ein wenig selbstironisch mit Blick auf die dritte Halbzeit nach den wöchentlichen, eineinhalbstündigen Trainingseinheiten.

„Faustball ist dem Volleyball sehr ähnlich, wobei der Ball beim Faustball zwischen den Zuspielen einmal auf dem Boden aufkommen darf. Das verlangsamt das Spiel etwas, dafür ist beim Faustball das Feld größer“, beschreibt Sebastian Dahm den Sport, mit dem viele in seinem Umfeld erst einmal überhaupt nichts anfangen können. „Man muss vielen erklären, um was es geht. Faustball ist ein unbekannter Sport, der aber viel Spaß macht“, sagt der 29-Jährige, der jüngstes Kadermitglied der Gerolsteiner ist.

Bei der Hallen-Variante des Rückschlagspiels stehen sich zwei fünfköpfige Teams auf einem Handball-Feld gegenüber – voneinander getrennt durch ein zwei Meter hohes rot-weißes Band. In jedem Team gibt es Abwehrspieler, Zuspieler und Angreifer. Ziel ist es, den Ball, der in etwa so hart wie ein Fußball und härter als ein Volleyball ist, mit der Faust für den Gegner unerreichbar in das andere Halbfeld zu spielen.
Vor jeder Berührung darf der Ball einmal auf dem Boden aufspringen. Pro Spielzug darf er von drei unterschiedlichen Spielern eines Teams berührt werden, spätestens der dritte Akteur muss den Ball über das Band in die gegnerische Hälfte wuchten beziehungsweise platzieren. Es werden (Gewinn-)Punkte gezählt. Bei den Gerolsteinern geht ein Satz bis 15 Zähler. 

Bei der Abwehr und beim Zuspiel wird der Ball mit der Innenseite des ausgestreckten Unterarms gespielt, beim Angriff oder bei der Angabe mit der Faust geschlagen. Ein Schlag mit der offenen Handfläche oder einem anderen Körperteil gilt als Fehler. 
Sind da blaue Flecken an den Armen programmiert? „Nein, wenn man es gewohnt ist, gibt’s keine Probleme. Aber man muss das natürlich schon trainieren“, sagt Günter Sassen, mit 80 Jahren der Älteste im Team.
Die Alters-Spanne zeigt: Faustball ist ein Sport für viele Altersgruppen. „Alt und Jung spielen zusammen, das fördert den Zusammenhalt“, sagt Sassen.

Gleichwohl kommt der sportliche Ehrgeiz nicht zu kurz. „Das ist ja Bundesliga hier!“, werden gelungene Ballwechsel verbal und mit Szenenapplaus gelobt. „Wir wollen jeden Montag das Beste geben“, sagt Dahm, der auch schon mal Hechtsprünge ansetzt, um einen Ball noch zu erreichen. 
Eine Waffe ist zudem der Aufschlag, der hinter einer drei Meter von der Mittellinie entfernten Markierung ausgeführt werden muss. Profis spielen ihn mit Drall. Taktische Maßnahmen spielen ebenfalls eine Rolle – auch in Gerolstein. Vor allem, wenn es Richtung 21 Uhr geht. Trainer Butschkau: Um Punkt neun ist bei uns Schluss. Die Mannschaft, die zu diesem Zeitpunkt führt, gewinnt. Kein Wunder, dass da gegen Ende häufig versucht wird, auf Zeit zu spielen …“

Extra
Während die Gerolsteiner Männer-Faustballgruppe derzeit gut besetzt ist, sind die Faustball-Frauen des SVG auf der Suche nach Mitspielerinnen. Sie trainieren immer mittwochs von 19.45 bis 21 Uhr in der Sporthalle der Hauptschule Gerolstein. Kontakt: Brigitte Bauer, Telefon 06591/983851.
Weitere Informationen zum Faustball gibt’s auf der Webseite des nationalen Verbands. Die Adresse: faustball-liga.de

Hintergrund
Faustball wird heute vor allem in Europa und Südamerika gespielt. Deutschland zählt mit 15 WM-Titeln (elf der Männer, vier der Frauen) zu den führenden Nationen. 
Hierzulande gibt es eine zweigeteilte Faustball-Bundesliga (Nord- und Süd-Staffel). Gespielt werden eine Hallen- und eine Feldsaison. Bei der Freiluftvariante (auf Rasensportplätzen) ist das Feld noch mal ein Stück größer (50 x 20 Meter statt 40 x 20 Meter in der Halle). 
Aktuelle deutsche Hallen-Meister sind der TSV Pfungstadt (Männer) und der TSV Dennach (Frauen). Auf dem Feld sind Pfungstadt und der TV Jahn Schneverdingen die amtierenden Titelträger. 
Faustball ist zwar nicht olympisch, aber seit Jahren bei den World Games vertreten. Diese Spiele, bei denen in Sportarten um Medaillen gekämpft wird, die nicht zum Wettkampf-Programm der Olympischen Spiele gehören, aber dennoch weltweit verbreitet sind, finden in diesem Jahr in Breslau statt.